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Johannes Calvin

Die reformierte Reformation

Neben Luther und Zwingli gehört Johannes Calvin zu den Vätern der Reformation. Sein Denken und seine Reformen haben die Moderne nachhaltig beeinflusst. Vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509, kam der Reformator von Genf in Frankreich zur Welt. Ein internationales Symposium an der Universität Wien würdigt die gesamteuropäische und ökumenische Bedeutung Calvins.

Religionsgeschichte 12.06.2009

Gefürchtet und geliebt

Von Ulrich Körtner

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Johannes Calvin ist eine umstrittene Gestalt der Kirchengeschichte. Bis heute gilt er nicht gerade als Sympathieträger. Triumphalismus wäre im Calvin-Jahr 2009 fehl am Platz. Calvin war ein Mann des Widerspruchs, sein Charakter eine Mischung aus Härte und Milde. Er selbst hielt sich für schüchtern, sanft und zaghaft.

Zeitgenossen beschreiben den stets schwarz gekleideten Genfer Reformator, der auf den Porträts so ernst und streng, bisweilen auch müde dreinblickt, dagegen als energisch, ungeduldig, reizbar und rechthaberisch. Calvin war sich seiner menschlichen Schwächen bewusst. Auf seine emotionalen Ausbrüche folgte oft tiefe Reue.

Die Quellen zeigen uns freilich auch einen einfühlsamen Menschen und Seelsorger. Bei aller Glaubens- und Sittenstrenge lag Calvin doch an Milde und Barmherzigkeit. Anders als etwa die Wiedertäufer in Münster verfolgte Calvin nicht das Ziel einer moralisch makellosen Kirche, sondern er wollte ein vom Gedanken der geschwisterlichen Zuneigung getragenes Gemeindeleben befördern.

Dass "unter den Menschen die Menschlichkeit bestehen bleibt" zählte er zu den zentralen Aufgaben des Staates. Zu Calvins Erbe gehört das leidenschaftliche Ringen um soziale Gerechtigkeit. Seine Überlegungen zu einer Theologie des Rechtes und seine Sozialethik sind ungebrochen aktuell. "Raubtierkapitalismus" und Neoliberalismus finden bei Calvin keine Rechtfertigung.

Verzerrtes Calvin-Bild

Johannes Calvin

Uni Wien

Johannes Calvin (1509 - 1564)

Heutige Zeitgenossen für Calvin zu begeistern, fällt nicht leicht. Zu einem nicht geringen Teil liegt es daran, dass bis heute ein arg verzeichnetes Bild des Genfer Reformators existiert, dessen Grund keineswegs nur in den politischen und kirchlichen Konflikten zu suchen ist, die Calvin in Genf auszufechten hatte, sondern auch in den bis ins 20. Jahrhundert hinein reichenden Konfessionsstreitigkeiten.

Die moderne Calvinforschung rückt das Bild des Reformators in vielen Punkten zurecht. Manche Züge Calvins und seines Denkens bleiben den heutigen Menschen dennoch eher fremd, und das, obwohl er die Moderne ganz maßgeblich mit geprägt hat.

Der Fall Servet

Erheblichen Anteil am negativen Image Calvins hat der Fall Servet. Auf Betreiben Calvins wurde der spanische Arzt Miguel Servet 1553 wegen seiner Leugnung der Trinitätslehre als Ketzer verbrannt. Zwar war der Spanier schon im französischen Vienne von der katholischen Inquisition in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, aber bereits in diesem Verfahren hatten von Calvin lancierte Beweismittel eine Rolle gespielt. Auch im Genfer Verfahren hat Calvin eine denkbar schlechte Figur gemacht.

Historisch ungerecht ist allerdings die Parallele, die Stefan Zweig in seinem Roman Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, geschrieben 1935/36 im Exil, zur nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zieht. Dass Servets Verurteilung unserem heutigen Verständnis von Gewissens- und Glaubensfreiheit widerspricht, bedarf keiner Diskussion.

Aber das Genfer Urteil entsprach dem geltenden Recht im gesamten Heiligen Römischen Reich und war so gesehen kein Akt von Staatsterror. Calvin war kein Diktator, er hatte in Genf überhaupt nie ein politisches Amt inne und erhielt erst wenige Jahre vor seinem Tod das Genfer Bürgerrecht.

Ein Flüchtling in Genf

Calvin stammte aus Noyon in der nordfranzösischen Picardie. Ursprünglich für ein kirchliches Amt bestimmt, studierte er auf Wunsch seines Vaters Rechtswissenschaft. Nach dem Tod seines Vaters widmete er sich in Paris intensiv humanistischen Studien. 1533 musste er als Student wegen seiner reformatorischen Gesinnung aus Paris fliehen. Sein Weg führt ihn zunächst nach Basel.

Es war Guillaume Farel, der Calvin schließlich für die Unterstützung der Reformation in Genf gewann. Doch gingen dem Rat der Stadtrepublik an der Rhone Calvins Reformbestrebungen in vielem zu weit, weshalb er und Farel 1538 per Ratsbeschluss ausgewiesen wurden. Als man ihn 1541 von Straßburg nach Genf zurückrief, folgte er dem Wunsch des Rates erst nach längerem Zögern. Doch auch in der Folgezeit kam es immer wieder zu Konflikten zwischen dem Reformator und dem Rat der Stadt sowie Teilen der Bürgerschaft, wobei auch der starke Zustrom von französischen Flüchtlingen in Genf eine Rolle spielte.

Der Theologe Calvin

Mit Recht gilt Calvin, der von Haus aus eigentlich ein humanistisch gebildeter Jurist war, als einer der bedeutendsten Theologen der gesamten Kirchengeschichte. Neben Calvins dogmatischem Hauptwerk, der 1559 in dritter Auflage erschienenen "Institutio christinae religionis" (Unterricht in der christlichen Religion), und seinen Schriften zur Kirchenreform - man denke nur an und die Genfer Kirchenordnung (1541) und den Genfer Katechismus (1542) - seien auch an seine umfassenden Bibelkommentare erwähnt. Calvins Theologie ist die Frucht intensiver Bibellektüre.

Ö1-Sendungshinweis:
Auch die Sendung "Motive - Aus dem evangelischen Leben" widmet sich dem 500. Geburtstag von Calvin: Sonntag, 14. Juni, 19.05 Uhr, Radio Österreich 1.

Kirche und Demokratie

Calvin ging es zentral um die Ehre Gottes. Der Gedanke der Souveränität Gottes dient bei Calvin nicht etwa der Legitimation von weltlicher Monarchie und kirchlicher Hierarchie, sondern begründet im Gegenteil ein Modell der Gewaltenteilung. Dem Papsttum sprach er mit überzeugenden Argumenten jede theologische und biblische Legitimation ab.

Nicht nur stritt Calvin für die Freiheit der Kirche vom Staat, sondern begründete mit seiner antihierarchischen Lehre vom vierfachen Amt in der Kirche - Pastoren, Lehrer, Älteste und Diakone - und seiner Lehre von der Gleichrangigkeit aller christlichen Gemeinden das Modell einer presbyterial-synodalen Kirchenordnung, das heute auch in den lutherischen Kirchen gilt. Der Calvinismus wurde damit zu einem Wegbereiter der modernen Demokratie, wenngleich ihre Wurzeln nicht ausschließlich in der Reformation zu suchen sind.

Europäische und ökumenische Perspektiven

Calvin-Symposium in Wien

Am 16. Juni 2009 fand an der Universität Wien ein internationales Calvin-Symposium statt, zu dem die Evangelisch-Theologische Fakultät und die Evangelisch-Reformierte Kirche in Österreich einladen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die europäischen Perspektiven von Calvins Leben und Werk. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf den Calvinrezeption in Mittel- und Osteuropa. Außerdem wurden die ökumenischen Perspektiven Calvins gewürdigt.

Calvin war auch ein Wegbereiter der Ökumene. Und er dachte in europäischen Dimensionen, wie seine weit verzweigte Korrespondenz belegt. Das gilt zunächst innerprotestantisch. Calvin versuchte, zwischen Luther und Zwingli theologisch zu vermitteln und die sich anbahnenden Spaltungen des evangelischen Lagers zu verhindern. 1559 gründete Calvin die berühmte Genfer Akademie, die zum geistigen Zentrum des europäischen Calvinismus wurde. Aus ihr ging die heutige Universität Genf hervor.

Der Genfer Reformator bemühte sich aber auch um den Dialog mit der Katholischen Kirche. Gerade die jüngere katholische Calvinforschung würdigt die strukturellen Parallelen zwischen Calvins Kirchenverständnis und dem Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils.

[12.6.09]