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Auge einer Frau.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz

Emotionalisierte Massen im Nationalsozialismus, wilde Kolonialvölker, das zarte Gemüt der Frauen und Buben, die nicht weinen. So wie Vorurteile verändert sich auch der Umgang mit Gefühlen im Lauf der Geschichte. Die Historikerin Ute Frevert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin wirft im Interview einen Blick auf die letzten 300 Jahre Vergangenheit der Emotionen.

Geschichte der Gefühle 24.09.2009

Sie untersuchen die Geschichte der Gefühle. Worum geht es da?

Frevert: Für die menschliche Entwicklung sind Gefühle aus unserer Sicht zentral. Als Historiker gehen wir davon aus, dass Gefühle nicht immer in der gleichen Form vorhanden gewesen sind, sondern dass sie eine Geschichte haben und Wandel ausdrücken.

Die zweite Grundannahme ist, dass Gefühle auch Geschichte machen; dass sie Handlungen motivieren, Entscheidungen anleiten, von ausschlaggebender Bedeutung sind und dass man Geschichte eigentlich ohne Gefühle gar nicht verstehen kann.

Wie hat sich der Umgang mit Gefühlen in den letzten 300 Jahren verändert?

Porträt Ute Frevert

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Die Historikerin Ute Frevert ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und leitet dort den Arbeitsbereich zur Geschichte der Gefühle. Davor lehrte sie an Universitäten in Berlin, Konstanz, Bielefeld und Yale. Frevert hat Funktionen in mehreren Fachgremien wissenschaftlicher Einrichtungen inne und ist Mitherausgeberin und Geschäftsführerin der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft".

Es gibt die klassische Theorie von Norbert Elias, der in den 30er-Jahren sein Buch über den Prozess der Zivilisation geschrieben hat. Er spricht von einer zunehmenden Rationalisierung unserer Empfindungen seit dem Mittelalter; dass wir nicht einfach losrennen und losschlagen, sondern dass wir den Ausdruck unserer Gefühle kontrollieren.

Das ist eine spannende und ambitionierte These, die wir aber nicht übernehmen. Wir sehen für die lange Moderne seit dem 18. Jahrhundert zum Teil gegenläufige, zum Teil spiralförmige Bewegungen, die den Ausdruck von Gefühlen besser abbilden, als das unilineare Modell, das Elias vorzieht.

Gibt es ein konkretes Beispiel für eine solche Spirale?

Schauen wir auf den Nationalsozialismus: wie dort hemmungslos und sehr geschickt Gefühle nicht nur instrumentalisiert, sondern überhaupt erzeugt worden sind. Der Pegel an Identifikation, Liebe und Verehrung gegenüber charismatischen Repräsentanten war beispiellos. Ebenso die negativen Gefühle, die man hervorgerufen hat, indem man bestimmte Bevölkerungsgruppen mit bestimmten Begriffen versehen und abgewertet hat. Hass, Angst, Liebe, Stolz, Scham, das ganze Spektrum der menschlichen Gefühle, wurde aufgerufen, durch eine geschickte Medienstrategie stabilisiert und in bestimmte Handlungen übergeführt.

Die Zeit nach 1945 bis in die 60er-Jahre ist dann durch eine extreme Zurückhaltung gegenüber Gefühlen im öffentlichen Raum geprägt. So etwas wie die Liebe zum Staatsoberhaupt, die ganze Treue- und Ehresemantik ist weg. Man hat sie bewusst im öffentlichen Raum dethematisiert. Erst in den 60er-Jahren gibt es eine neue Tendenz, Gefühle wie Empörung, aber auch Freude oder Glück wieder in den öffentlichen Raum hineinzuprojizieren.

Gibt es auch längerfristig Veränderungen?

Das späte 18. Jahrhundert war eine Epoche der Empfindsamkeit mit einer stark öffentlich und privat inszenierten Gefühlsseligkeit. Für das 19. Jahrhundert kann man vor allem in seiner zweiten Hälfte beobachten, wie Gefühle sowohl in Bezug auf die soziale Struktur im eigenen Land oder in Europa als auch in Auseinandersetzung mit Ländern außerhalb Europas in ein bestimmtes System von höherwertig und minderwertig einsortiert worden sind. Im 20. Jahrhundert sind Gefühle dann auf breiter Basis zum Gegenstand von Gefühlsindustrien geworden - politisch, wirtschaftlich und kulturell.

Haben Sie ein Beispiel für solche Gefühlsindustrien?

Die massive Indienstnahme von Gefühlen für Konsumentenwerbung; im politischen Bereich vor allem die totalitären Regime - sowohl Nationalsozialismus als auch die stalinistische Zeit; im kulturellen Bereich die verschiedenen Jugendkulturen.

Welche Gefühle wurden im 19. Jahrhundert als höher- oder minderwertig eingeordnet?

Wir haben in unserem Forschungsbereich einen Schwerpunkt zu Indien. Es hat eine starke Neigung gegeben, die Völker, die es zu kolonialisieren galt, als wild, unzivilisiert, vor allem auch als unzivilisiert im Umgang mit ihren Gefühlen darzustellen; Menschen, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen, die keine so elaborierte Liebessemantik haben.

Diese Beobachtungen sind eingeflossen in die Charakterisierung der indischen Bevölkerung als eine, die emotional sozusagen noch unterentwickelt war und die zivilisierende Mission Europas gebraucht hat, um sich auf diesen hohen Stand des Raffinements und des zivilisierten Umgangs mit Gefühlen empor zu heben.

Gab es so etwas auch innerhalb Europas?

Hier wurden auf der Ebene der Geschlechter- und der Klassenverhältnisse Distinktionen qua Emotion durchgeführt: Frauen, die ein zartes Gemüt haben, nicht belastbar sind, nicht rational denken können; die mit diesem Argument in bestimmte soziale Positionen gedrängt und zu anderen nicht zugelassen worden sind.

Sozialen Unterschichten wurde ein ähnlich defizitäres Gefühlsmanagement zugeschrieben. Es ging darum, dass man bestimmte Gefühle, die man als weißer, bürgerlicher Mann zu haben hatte oder auf die man stolz war, weder bei Frauen noch Unterschichten noch Indern meinte feststellen zu können.

Zum Beispiel?

Etwa komplexe Prozesse von Ehre; einer gefühlten Ehre, die nur die adeligen Oberschichten Europas meinten zu haben und die anderen abgesprochen worden ist.

Ist die Geschichte der Gefühle in Südostasien eine andere als in Europa?

Unbedingt. Es gibt eine Zeit vor der europäischen Landnahme in Indien. Es gibt einen Unterschied, wie man in welcher Situation welche Emotionen bewertet. Auch ist die Zuschreibung von Emotionen zu bestimmten höher oder niedriger angesiedelten Kasten oder Gruppen in der Gesellschaft eine andere.

Man kann in der Musik, in der Ästhetik, der bildenden Kunst und Literatur des Landes ein ausgefeiltes System von emotionalen Zuständen feststellen. Die heißen "Rasa". Das sind acht bzw. neun Rasa und die sind anders, auch anders konnotiert und anders gemischt, als das, was wir bei Aristoteles oder Augustinus und bei unseren Altvorderen finden, die versucht haben, Emotionen zu ordnen.

Sind die Gefühle dieselben in verschiedenen Kulturen und es ändert sich nur der Umgang damit?

Das wäre zu reduktionistisch gedacht. Die eine Seite ist, dass die Emotion eine physiologische Basis hat, dass wir etwas im Bauch oder Herzen empfinden und dass diese Empfindung über Neuronen gesteuert wird. Die Frage, ob ich das Kribbeln im Bauch als glückhaft oder unglücklich definiere, ist eine damit unverbundene Geschichte.

Diese Zuordnung, dieser kognitive Vorgang, ist kulturell sehr variabel - und wir argumentieren: er ist auch historisch variabel. Die Situation, in der Sie ein Gefühl als Stolz oder als Ekel beschreiben, und die Objekte dieser Zuschreibung ändern sich. Indem ich diese Zuordnung treffe, verhält es sich gewissermaßen als Teil eines kulturellen und sozialen Zusammenhangs, der Ihnen die Wortbedeutung nahelegt, die Ihnen in der Kultur eben zur Verfügung steht.

Wie hat sich die Rolle von Institutionen im Umgang mit Gefühlen verändert - zum Beispiel: Staat, Familie und Werbung?

Die Art und Weise, wie in der Familie Gefühle zugelassen oder gedämpft werden, ändert sich massiv und die Familie ist eine zentrale Instanz für das Lernen von Gefühlen. Säuglinge kommen nicht mit einem klaren und bereits ausdifferenzierten Gefühlsapparat auf die Welt, sondern sie lernen Empfindungen so zu konditionieren und zum Ausdruck zu bringen, wie sie es in ihrer Umwelt beobachten.

Die ist in den letzten 300 Jahren massiv anders geworden. In der Weise, wer sich zuwendet: Mütter, Väter, Großeltern, wer auch immer. Und mit welchen Zielen. Welche Gefühle eher als negativ definiert werden. Hier entscheidet sich auch die Frage der Geschlechterdifferenzierung - welche Gefühle für Jungen akzeptiert sind und welche für Mädchen. Etwa durch die Botschaft: "Ein Junge weint nicht." Das sind Konditionierungen, die einem massiven Wandel unterworfen sind.

Inwiefern sind Gefühle von materiellen Umständen beeinflusst - etwa Krieg, Wohlstand, Überfluss und Knappheit?

Wenn die objektive Verfügbarkeit über Ressourcen sich verringert, heißt das nicht, dass das Glücksgefühl oder das Gefühl von Zufriedenheit einer Gesellschaft sich verändert. Das ist immer relativ zu dem zu sehen, was man vorher hatte und was man sich gewünscht hat. Dass wir heute in den europäischen Gesellschaften mit einem unglaublichen Maß an Selbstbestimmung im ökonomischen und politischen Bereich so viel glücklicher sind, kann man nicht sagen.

Glücksforschern zufolge ist das persönliche Wohlgefühl in manchen Ländern, von denen wir sagen, da würden wir nicht gerne leben, ein viel größeres als bei uns, sodass die Frage, inwieweit unsere Gefühle heute von solchen klassischen oder harten Variablen abhängig sind, sehr schwer zu beantworten ist. Ich wüsste kein Kriterium, nach dem wir sagen könnten, dass wir heute glücklicher oder angstfreier sind, als Menschen im 18. oder im 16. Jahrhundert.

Mark Hammer, science.ORF.at

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