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SS-Offiziere auf archäologischer Spurensuche.

Abenteuer im Namen des Rassenwahns

Expeditionen zu fernen Kulturen und engstirniges Herrenmenschendenken – was heute als Widerspruch erscheint, in der NS-Zeit war es vereint. SS-Reichsführer Heinrich Himmler war der Schirmherr von Forschungsfahrten bis ans Ende der Welt. Sein Ziel war nicht die Vielfalt der Kulturen zu dokumentieren, sondern die Überlegenheit der arischen Herrenrasse.

Zeitgeschichte 24.09.2009

Für die SS bis ans Ende der Welt

Tausende Kilometer vom Deutschen Reich entfernt, im südamerikanischen Bolivien, liegt Tihuanaku, eine Ruinenstadt zwischen Anden und Titicaca-See. Wer die Überreste dieser Siedlung der Aymara, einer Prä-Inka-Kultur, heute sieht, kann sich kaum vorstellen, dass diese Ausgrabungsstelle einst große Bedeutung für Heinrich Himmler hatte. Der SS-Reichsführer gab 1939 eine ehrgeizige Forschungsfahrt nach Tihuanaku in Auftrag.

Die bolivianische Ruinenstadt Tihuanaku.

ORF

Die bolivianische Ruinenstadt Tihuanaku.

50.000 Reichsmark, umgerechnet über 200.000 Euro waren budgetiert, um das Prestigeprojekt zu verwirklichen und umfangreiche Messungen durchzuführen. Die Expeditionsmannschaft, geführt von SS-Hauptsturmführer Edmund Kiss aus dem persönlichen Stab Himmlers, bestand aus Archäologen, Botaniker, Geologen, Luftbildforscher – die Ausrüstung beinhaltete ein Aufklärungsflugzeug Marke "Fieseler Storch", ein Gleitboot mit Propellerantrieb und Unterwasserkameras.

Atlantis, die Heimat der Arier

Programmhinweis:
Im Rahmen der ORF-Doku-Reihe "Der Zweite Weltkrieg" begleitete ein Kamerateam die Ahnenerbe-Expertin Heather Pringle nach Bolivien zu einem Lokalaugenschein in Tihuanaku.
"Gipfelstürmer und Wüstenfüchse. Abenteurer in Hitlers Diensten" - Donnerstag, 24.9.09, 21.05 ORF 2

Der Hintergrund: Himmler war überzeugt, dass das bolivianische Tihuanaku einst eine Kolonie der Arier aus Atlantis war. "Die Nazis glaubten, dass in den südamerikanischen Anden einer der Orte war, wo die Urarier aus Atlantis – die Arier waren die Herren von Atlantis – hingekommen waren, um die hiesige Bevölkerung zu unterjochen und als Oberschicht zu regieren. Das war ein Beweis für die Überlegenheit dieser uralten Herrenrasse."

So Heather Pringle, die international anerkannte Expertin für Wissenschaft im Dritten Reich. In ihrem Buch "The Master Plan" arbeitet sie die zentrale Rolle von Heinrich Himmler für Forschungstätigkeit und Expeditionswesen auf.

Für den Reichsführer SS sollten Forscher und Privatgelehrte mithilfe von pseudowissenschaftlichen Methoden die Überlegenheit der arischen Herrenrasse belegen. Damit wurde Rassenwahn und die Vernichtung sogenannter "Untermenschen" legitimiert. An der Person Himmlers, der die Forschungsvorhaben in einer eigenen SS-Einrichtung, dem "Ahnenerbe" organisierte, zeigt sich, wie Wissenschaft und Vernichtungsmaschinerie im NS-System verschränkt waren.

Ein Hobbyarchäologe als Forschungs-Führer

So absurd es angesichts der Willkür des NS-Terrors erscheint, Himmler legte großen Wert auf die Belegbarkeit des Rassenwahns. Sein Faible für scheinbare Wissenschaftlichkeit stammt aus der Kindheit. Sein Vater, ein Gymnasial-Lehrer, brachte seinem Sohn vergangene Welten nahe – durch historische Bücher, aber auch archäologischen Fundstellen.

Heinrich Himmler  auf archäologischer Spurensuche.

Eupra

Heinrich Himmler auf archäologischer Spurensuche.

Genauso wichtig wie der Aufbau des Machtapparats der SS war es Himmler wichtig, mithilfe von Archäologen und Historikern die Geschichte neu zu schreiben. Mit seiner Geschichtsschreibung wollte er die Herkunft der Arier und seiner SS als Elite-Arier in ferne Urzeiten zurückführen.
1935 wurde eine eigene Forschungseinrichtung dafür gegründet, das "Ahnenerbe", eine Einrichtung, die unmittelbar im Stab des Reichsführers eingegliedert war. Engagiert wurden neben Archäologen und Historikern: Botaniker, Biologen, Mediziner, Völkerkundler, Astronomen, Runenforscher. Ihr Auftrag: Beschäftigung mit germanischen Mythen, arischer Urgeschichte, Rassenkunde. Ihre Forschungsreisen führten nach Schweden und Island, Libyen und den Irak, aber auch nach Tibet und Bolivien.

Himmler und Hörbiger

Autorin und Journalistin Heather Pringle in der Ruinenstadt Tihuanaku.

ORF

Die kanadische Autorin Heather Pringle:
"Die pseudowissenschaftlichen Fantasien der Nazis waren Teil der Rassenpropaganda."

Beim Projekt in Tihuanku stützte Himmler sich dabei auf die Ideen eines österreichischen Privatgelehrten: Hanns Hörbiger, der Vater der Schauspieler Attila und Paul, war Begründer der Welteislehre, einer Theorie, die die Entstehung des Universum durch den Kampf zwischen Feuer und Eis erklärt. Sie bestärkte Himmlers Vorstellung von einer mythischen Urzeit, in der es bereits arische Übermenschen gab.

Edmund Kiss, SS-Hauptsturmführer in Himmlers Stab, war Schüler von Hanns Hörbiger und Autor von Atlantis-Romanen. Er unternahm bereits 1929 eine Reise nach Tihuanaku, um nach Spuren nordischer Besiedlung zu suchen.

Heather Pringle: "Hanns Hörbiger hatte sehr großen Einfluss auf die Theorien, die Kiss beweisen wollte. Hörbiger hatte die Vorstellung, dass Tihunaku mehr als 7 Millionen Jahre alt sei. Kiss war ein aufrichtiger Bewunderer von Hanns Hörbiger, er hielt Hörbiger für ein Genie. So kam er hierher, um zu beweisen, dass Tihuanaku vor so langer Zeit entstanden war, bevor es Menschen im heutigen Sinne gab."

Tatsächlich ist Tihuanaku etwa 2.000 Jahre alt. Hörbiger war nie selbst in Tihuanaku, seine Berechnungen beruhten auf Fotos und Zeichnungen von Kiss.

Welteislehre, Atlantisfantasien und Arierkult

Himmler, der einen Hang zu Mythen und Mystik hatte, war von der Welteislehre begeistert. Für ihn war Hörbigers Werk der Brückenschlag zwischen germanischer Edda-Saga und der nationalsozialistischen Rassenkunde. Nicht die Evolution, sondern nur archaischer Kampf zwischen Feuer und Eis könnten eine arische Herrenrasse mit übersinnlichen Fähigkeiten hervorbringen; Arier, aus den Fernen des Universums, aus Atlantis – das waren die Vorstellungen Himmlers.

Drei Gebiete schienen aufgrund von Hörbigers Welteislehre besonders geeignet als Kolonien der Ur-Arier: das Hochland von Äthiopien, Tibet und Bolivien.

Hanns Hörbiger, Schöpfer der Welteislehre.

Technisches Museum Wien

Hanns Hörbiger, Schöpfer der Welteislehre.

Während eine Expedition nach Äthiopien nur ein Vorschlag blieb, wurde eine Forschungsfahrt nach Tibet Realität. 1938 schickte Himmler eine Truppe von fünf SS-Männern in den Himalaya. Expeditionsleiter war der renommierte Biologe Ernst Schäfer, der wichtigste Mann für den Reichsführer war aber Rasseforscher Bruno Beger, der Schädelvermessungen an tibetischen Nomaden durchführte – mit den gleichen Instrumenten, die in Europa für die Selektion zwischen "Herrenmenschen" und "Untermenschen" verwendet wurden.

Von Tibet an den Titicaca-See

Im Anschluss an die Tibet-Fahrt sollte die Expedition nach Bolivien aufbrechen. Expeditionsleiter Edmund Kiss, der Hörbiger-Schüler und Atlantis-Fan war mittlerweile zum SS-Hauptsturmführer im persönlichen Stab Himmlers befördert worden. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte den Forschungsvorhaben ein Ende.

Für Himmler trat die Umsetzung seiner Pläne zur Versklavung und Vernichtung der "Untermenschen" in den Vordergrund. Seine SS-Forscher aus dem Ahnenerbe wurden an der Front, in den KZs und für kriegswichtige Projekte gebraucht. Als die Kriegsniederlagen begannen, verloren Atlantis-Fantasien, Welteislehre und die Suche nach den Ur-Ariern endgültig an Bedeutung.

Buchtipps:

Heather Pringle, The Master Plan, London 2006
Michael Kater, Das Ahnenerbe der SS, München 2006
Peter Mierau, Nationalsozialistische Expeditionspolitik, München 2006

Heather Pringle: "Die meisten Leute halten die Vorstellung natürlich für verrückt, dass es einmal Arier in Bolivien gegeben hat, und sie werden es als Schwachsinn abtun, aber diese Fantasien waren Teil der Rassenpropaganda. Sie dienten der Ideologie und ich denke es ist wichtig, im Bewusstsein zu halten, dass diese Ideen so verrückt sie auch waren, politische Folgen hatten."

Tom Matzek, ORF-Zeitgeschichte-Redaktion

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