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Bedenkliche Chemikalie in Babyschnullern

Nach der Präsentation einer breiter angelegten Untersuchung über Bisphenol A in Babyprodukten vor rund zwei Wochen hat die Umweltorganisation Global 2000 nun detailliertere Ergebnisse über die bedenkliche Substanz in zehn Babyschnullern präsentiert.

Umwelt 01.10.2009

"In fünf der zehn Produkte zeigten sich hohe Mengen an Bisphenol A", erklärte dazu Helmut Burtscher von Global 2000.

Schädlich für Hormonsystem

BPA ist laut Global ein Stoff, der in das Hormonsystem von Menschen und Tieren eingreift und daher schon in geringsten Dosen schädliche Wirkungen haben kann.

Laut Studien könnten derartige Hormonstörungen etwa zu verfrühter Geschlechtsreife bei Mädchen, einer Zunahme von Fettleibigkeit bei Erwachsenen und Jugendlichen, verringerter Fruchtbarkeit bei Männern und zu Krankheiten bis zu Krebs führen, so Burtscher. Kinder seien dabei besonders gefährdet.

BPA ist ein Rohstoff für die Herstellung von Polycarbonat, einem häufig eingesetzten Kunststoff etwa in der Verpackungsindustrie, aber auch für Babyprodukte. Bei den Schnullern wird teilweise der Schild aus Polycarbonat hergestellt und enthält deshalb auch mehr oder weniger Reste von BPA.

"Erschreckende" Werte

Kind mit Schnuller

dpa, K.-J. Hildebrand

Dementsprechend fanden sich im Zuge der Untersuchung durch ein unabhängiges, zertifiziertes Labor in den Schildteilen auch die höchsten BPA-Belastungen. Den höchsten Wert wies dabei der Schnuller "Avent S" mit 2.284 mg/kg auf. Es folgten "Nuk L" mit 1.260 mg/kg und "Dentistar L" mit 1.083 mg/kg. Die niedrigsten Belastungen im Schild hatten laut der Studie "Mam S" mit 5,65 mg/kg, "Babysmile L" mit 203,5 mg/kg und "Baby-Nova S" mit 204 mg/kg.

Burtscher bezeichnete diese Ergebnisse als "überraschend und auch erschreckend", zumal nicht nur in den Schildteilen - die auch laufend mit dem Speichel der Kinder in Berührung kommen - sondern auch in den eigentlichen Saugern teilweise hohe Werte an BPA nachgewiesen wurden. Auch dabei wies "Avent S" mit 437 mg/kg den höchsten Gehalt an BPA auf. Vergleichsweise hoch waren weiters "Babysmile L" mit 238,5 mg/kg, "Dentistar L" mit 183,4 mg/kg, "Babylove L" mit 116 und "Nuk L" mit 87,7 mg/kg.

Mit Ausnahme von "Avent S" sind die am meisten belasteten Sauger aus Latex. Burtscher vermutet, dass das BPA aus dem Schildteil in den Latexsauger gleichsam einwandert. Bei den Silikonsaugern sollte das eigentlich nicht der Fall sein, "Avent S" sei da die Ausnahme.

Ursachenforschung ist notwendig

Die Vertreter der Umweltorganisation forderten eine sofortige Entfernung der besonders belasteten Schnuller aus den Regalen. Weiters sollte das Gesundheitsministerium sowohl national als auch auf EU-Ebene tätig werden, um die Missstände zu beseitigen und entsprechende Höchstwerte zu schaffen.

Vertreter des Ministeriums versicherte, dass der Problematik nachgegangen werde. Bevor Maßnahmen gesetzt werden könnten, müsste allerdings Ursachenforschung betrieben werden. Außerdem lasse der Gehalt von Bisphenol A in Babyschnullern keinen Rückschluss zu, ob und wie viel von dieser Substanz beim Lutschen durch Kinder aufgenommen werde.

Burtscher kündigte weitere Analysen an, bei denen getestet werden soll, wie viel von der potenziell schädlichen Substanz in Lösung geht und so über den Speichel den Organismus des Säuglings erreicht. In der vorliegenden Analyse wurden nur die absoluten Gehalt der Materialien ermittelt.

Schnullerproduzenten wehren sich gegen Vorwurf

Die Firma Nuk betonte in einer Aussendung, dass von ihren Babyschnullern nachweislich keine Gesundheitsgefährdung ausgehe. Der Aussendung beigelegt sind Ergebnisse des deutschen Instituts SGS Institut Fresenius, wonach die untersuchten Silikon- und Latexsaugteile der Nuk-Schnuller kein BPA enthalten. Die Eignung des gewählten Analyseverfahrens des Wiener Chemcon Technisches Büro für Technische Chemie GmbH wird angezweifelt. Nuk fordert die Bildung einer Expertenrunde zur Klärung des Sachverhalts.

Seitens der Firma Mam wird betont, dass man schon vor Jahren auf auf BPA-freie Ausgangsmaterialien umgestellt habe. Die dennoch vorhandenen Reste in den Saugern - das Mam-Produkt hatte laut der Untersuchung den mit Abstand geringsten Gehalt an BPA - könne man sich nicht erklären, hieß es auf Anfrage der APA.

Die Firma dm ("Babylove") betonte, dass man regelmäßige Prüfungen der Produkte beim Institut Fresenius und beim TÜV Rheinland durchgeführt würden, die "Babylove"-Sauger seien mit dem GS-Zeichen des TÜV ausgestattet. Obwohl Polycarbonat von den zuständigen Behörden als sicher eingestuft werde, würden die Hersteller angesichts der kritischen Sichtweise in der Öffentlichkeit das Material ersetzen. "Ab Oktober/November werden alle anatomischen Beruhigungssauger auf Tritan umgestellt sein; die symmetrischen Beruhigungssauger folgen Anfang 2010", so dm.

Baby-Nova betont, dass der Gesamtgehalt von BPA im Material keine Aussagen zulasse, inwieweit die Substanz aus dem Plastik migrieren könne. Analyseergebnisse würden zeigen, dass bei dem von der Firma verwendeten Polycarbonat die Resultate für migrierbares BPA unterhalb der Nachweisgrenze von 0,01 mg/kg lägen. Baby-Nova kündigte weitere Untersuchungen an, außerdem werde das Programm der Firma um BPA-freie Artikel mit einer entsprechenden Kennzeichnung erweitert.

science.ORF.at/APA

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