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Römische Münze

Von Münzen und Menschen

In Kriegszeiten verstecken Menschen gern ihr wertvolles Hab und Gut. Sobald der Konflikt vorbei ist, wird es wieder ausgegraben - außer der Besitzer ist verstorben oder geflüchtet. Anhand solcher verborgenen "Schätze" haben Forscher nun versucht, die Bevölkerungsentwicklung im alten Rom zu rekonstruieren.

Antike 05.10.2009

Ihre Hochrechnung ergab, dass dort rund um Christi Geburt weniger Menschen lebten, als manche Altertumswissenschaftler bisher vermutet haben.

Stürmische Zeiten

Das letzte Jahrhundert vor Christi Geburt zählt zu den kulturellen Blüteperioden des Römischen Reichs. Es war die Zeit von Cicero, Caesar, Vergil, Horaz und anderer großer Denker sowie Staatsmänner. Nicht zuletzt deren Aufzeichnungen ist es zu verdanken, dass wir heute relativ genau über das damalige Leben Bescheid wissen.

Politisch waren die Zeiten sehr unruhig, interne Konflikte und Bürgerkriege führten letztlich zum Untergang der Republik und der Errichtung einer Monarchie unter Augustus. Diese Instabilität ist zumindest einer der Gründe, warum sich die Wissenschaft in einem wesentlichen Punkt nicht einig ist: Wie viele Menschen haben das römische Reich damals tatsächlich bevölkert?

Büste von Kaiser Augustus

EPA/ M. Reynolds

Es gibt zwar die Aufzeichnungen des Zensus, der etwa alle fünf Jahre erhoben wurde. Unter Historikern allerdings ist nach wie vor umstritten, ob diese Volkszählungen ausschließlich erwachsene Männer oder auch Frauen, Kinder und Unfreie erfasst haben. Ein sprunghafter Anstieg könnte nämlich entweder auf tatsächliches explosives Wachstum hinweisen oder bloß auf einen Wechsel der Zählmethode zurückzuführen sein.

Sprunghaftes Wachstum

Die Römischen Bürgerkriege zwischen 133 und 30 v. Chr. stürzten die Römische Republik in eine tiefe Krise und führten letztlich zu deren Untergang. Danach folgte Augustus (Bild oben) als erster Kaiser und Alleinherrscher des Römischen Reichs.

Laut den Zahlen müsste sich die Bevölkerung im Jahrhundert vor dem ersten Zensus des Augustus (28 v. Chr.) verdoppelt bis verdreifacht haben, selbst wenn man dokumentierte Einbürgerungen anderer Bewohner Italiens abzieht, so Peter Turchin und Walter Scheidel, Autoren der aktuellen Studie.

Träfe dies zu, hätte das weitreichende Konsequenzen für die Geschichtsschreibung. Die gesamte ökonomische und soziale Struktur des Reiches hätte laut den Forschern anders aufgebaut sein müssen.

Läge die Ursache in der geänderten Zählung, wäre die Bevölkerung hingegen sogar geschrumpft, was als Folge der vielen blutigen Auseinandersetzungen plausibel wäre. Die einzige Möglichkeit, dieses Rätsel zu lösen, war bisher das sorgfältige Quellenstudium und deren Vergleich.

"Schätze" helfen schätzen

Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Science": "Coin hoards speak of population declines in ancient Rome" von Peter Turchin und Walter Scheidel

Der Historiker Scheidel und der theoretische Biologe Turchin, die für eine engere Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaft plädieren, haben für ihre aktuelle Schätzung eine etwas ungewöhnliche Methode verwendet: Ihre Grundlage ist die Erfassung von verborgenen "Schätzen". Das heißt, sie haben die genaue zeitliche und regionale Verteilung von Wertdepots erhoben, die Menschen während Auseinandersetzungen und politischen Unruhen angelegt haben.

Die Annahme dahinter: Münzvorräte, die nicht wieder ausgegraben wurden, deuten darauf hin, dass ihre Besitzer entweder verstorben sind oder fliehen mussten. Derartige Funde sind laut den Forschern ein guter Indikator für Kriege und Instabilität sowie für damit verbundene demographische Entwicklungen.

Das sei ein ganz generelles Phänomen, das nicht nur für das alte Rom zutrifft. "Kleine Katastrophen, die einzelnen Menschen widerfahren, können in Summe sehr viel darüber erzählen, was auf der gesellschaftlichen Makroebene passiert", so Turchin.

Gewalt führte zu Bevökerungsrückgang

Anhand dieser Funde entwickelten sie ein relativ einfaches mathematisches Modell, das die Bevölkerungsentwicklung widerspiegelt und verglichen die Ergebnisse mit den bekannten Zahlen und den verschiedenen Hypothesen. Die Berechnungen liefern nun weitere Belege für einen Bevölkerungsrückgang und dafür, dass Rom damals lediglich seine Zählmethode geändert hat.

Die zahlreichen Ansammlungen von Münzen zeigen laut den Forschern, dass diese Zeit fast noch katastrophaler und unheilvoller als der Krieg gegen Hannibal gewesen sein muss. "Es ist schwer vorzustellen, dass ausgerechnet in dieser gewaltsamen Periode, die Bevölkerung gewachsen ist", so Turchin.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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