Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Ida": Demontage eines Ur-Primaten"

Skelett von Darwinius Masillae vulgo "Ida"

"Ida": Demontage eines Ur-Primaten

Es ist noch kein halbes Jahr her, dass "Ida" mit medialem Getöse als eine Art Vorzeit-Tante des modernen Menschen präsentiert wurde. Nun haben Forscher nachgewiesen, dass das 47 Millionen Jahre alte Fossil noch nicht einmal als Großcousine dritten Grades durchgeht.

paläontologie 21.10.2009

"Ida" sei im Stammbaum so weit von unseren direkten Vorfahren entfernt, wie es ein Primat nur sein könne, stellte ein Team um den US-Anatomen Erik Seiffert im Fachblatt "Nature" (Bd. 461, S. 1.118) klar.

Die Studie (sobald online) "Convergent evolution of anthropoid-like adaptations in Eocene adapiform primates" ist in "Nature" erschienen.

PR mit einer Prise Forschung

Skelett von Darwinius Masillae vulgo "Ida"

Bild: J. L. Franzen et al., PLoS ONE 4(5): e5723.

Darwinius Masillae vulgo "Ida"

Das Fossil wurde bereits 1983 von einem privaten Sammler in der Grube Messel in Südhessen entdeckt. Es handelt sich um ein ungewöhnlich komplett erhaltenes Skelett eines Tieres von der Größe einer Katze mit auffallend langem Schwanz. Bis 2007 blieb es in Privatbesitz, dann wurde es an die Universität von Oslo verkauft.

Der norwegische Paläontologe Jörn Hurum stellte den Fund, den er nach seiner Tochter benannte, öffentlich vor. Quintessenz des durchaus pompösen medialen Orchesters im Mai dieses Jahres: Das Fossil "ändere alles", was man bisher gewusst habe, es handle sich dabei quasi um die "Mutter aller Primaten".

Eine Lemuren-Verwandte

Erik Seiffert und seine Kollegen widerlegen nun diese Behauptung. Sie verglichen 360 anatomische Kennzeichen von 117 lebenden und ausgestorbenen Primatenarten, um einen Stammbaum aufzustellen - und kamen zu dem Schluss, dass "Ida" nicht zur selben systematischen Kategorie gehört wie Affen und Menschen. Vielmehr sei sie eher mit den Lemuren verwandt. Hurum erklärte, er begrüße die neue Studie. Er freue sich, dass eine Diskussion darüber in Gang gekommen sei, an welcher Stelle "Ida" in der Ahnenreihe der Primaten eingeordnet werden könne.

Kritik an der allzu vollmundigen Präsentation von "Ida" wurde allerdings nicht erst jetzt laut. Bereits im Mai hatten Experten die nähere Primatenverwandtschaft angezweifelt. Eva-Maria Streier, Sprecherin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, merkte damals etwa an: Wissenschaftler sollten nicht nur gute Forscher und Lehrer sein, "sie müssen auch gute Kommunikatoren sein".

science.ORF.at/AP

Mehr zum Thema: