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Leerer Hörsaal an der Universität Wien

Was man gegen Prekarisierung tun könnte

Projektorientierung, befristete Verträge, keine Anstellungen: Die Prekarisierung der Arbeit schreitet auch in der Wissenschaft voran. Was man aus Sicht der Betroffenen dagegen tun kann, hat eine aktuelle Studie untersucht. Die Ergebnisse sind theoretischer Natur - denn die Betroffenen sind kollektiv kaum handlungsfähig.

Arbeitsverhältnisse 23.10.2009

Warum das so ist, beschreibt der Sozialwissenschaftler Franz Seifert in einem Gastbeitrag. Eine Schlüsselrolle spielen systemische Insider und - viel mehr noch - die große Zahl der Betroffenen.

Prekarisierung wird in der Wissenschaft endemisch

Porträtfoto Franz Seifert

Franz Seifert

Franz Seifert ist Biologe sowie Sozialwissenschaftler und leitet derzeit ein FWF-Projekt zu transnationalen sozialen Bewegungen.

Von Franz Seifert

Dass das "Phänomen" existiert, hat sich mittlerweile herumgesprochen, was aber niemand daran hindert, es zu weiterhin ignorieren: Eine stetig wachsende Zahl an hochqualifizierten, wissenschaftlich tätigen Akademikern lebt und arbeitet unter prekären Verhältnissen.

Man hantelt sich von Projekt zu Projekt, in Jahren erworbene akademische Zertifikate und wissenschaftliche Reputation erweisen sich immer öfters als wertlos, erlangt man eine Anstellung, gilt das Dogma zeitlicher Befristung, langfristige Karriereperspektiven existieren nicht, und von allseits tönt es aufmunternd, man solle doch "ins Ausland gehen."

Wenngleich in unterschiedlichem Maß - betroffen sind alle: Wirtschafts- und praxisnahe Ausbildungen weniger, die Humanwissenschaften stärker.

Organisieren wir uns?

Im Rahmen der Veranstaltung "Prekarisierung in den Wissenschaften – Organisieren wir uns!?", die vergangene Woche in Wien stattgefunden hat, stellte Susanne Pernicka eine gemeinsam mit Anja Lasofsky-Blahut, Manfred Kofranek und Astrid Reichel erstellte FWF-Studie zu eben diesem Thema vor.

Sie geht der Frage nach, was die vielen Betroffenen tun könnten, um ihr kollektives Los zu verbessern, und warum sie es offensichtlich nicht tun.

Denn dies ist die erste Erkenntnis aus der empirischen Untersuchung mehrerer Feldern wissensintensiver Arbeit in Österreich - Forschung, Unternehmensberatung und Elektroindustrie: Selbst bei großer arbeitsbezogener Unzufriedenheit neigen Hochqualifizierte kaum dazu, sich zu kollektiv organisieren.

Strukturelle Ursachen der Fragmentierung

Die Studienleiterin Susanne Pernicka ist habilitierte Universitätsassistentin am Institut für Wirtschaftssoziologie der Wirtschaftsuniversität Wien: Zusammenfassung ihres Vortrags.

So lautet auch die erste These der Studie: "Hochqualifizierte Beschäftigte und insbesondere WissenschafterInnen sind kaum kollektiv organisier- und mobilisierbar." Warum?

Einer klassischen sozialwissenschaftlichen Erklärung zufolge sind Hochqualifizierte aufgrund ihrer Ausbildung am ehesten imstande ihre Interessen individuell zu vertreten, wodurch sich eine kollektive Repräsentation erübrigt.

Jedoch relativiert Pernicka: Diese Gruppe ist keineswegs homogen. Vielmehr hängen Neigung und Kapazität zu kollektivem Handeln von ihrer "Steuerungslogik" ab.

Beispiel Universitäten

An den Universitäten ist diese gegenwärtig beispielsweise von der Segmentierung in universitäre "Insider " - einer sehr kleinen Gruppe fixer Universitätsangestellter - und der weit größeren Gruppe befristeter oder extern lehrender und forschender "Outsider" geprägt. Die erhebliche Macht, die Insider über Outsider ausüben, rührt aus deren Torhüterfunktion, dem Privileg, akademische Anerkennung und den damit verbundenen Status zuzugestehen oder vorzuenthalten.

Demgegenüber werden die Handlungsimperative der Outsider von einem bürokratisch durchgesetzten Konkurrenzmodell diktiert. Schließlich ist die einzige offerierte Laufbahnperspektive, sich innerhalb weniger Jahre für eine Professur zu qualifizieren.

Pernicka: "Ein äquivalentes Beispiel aus der Privatwirtschaft vermag die Absurdität der Situation zu unterstreichen: Wenn Sie es nach Eintritt und sechsjähriger Verweildauer in ein Beschäftigungsverhältnis nicht geschafft haben, Mitglied des Vorstands eines Unternehmens zu werden, müssen das Unternehmen verlassen – unabhängig davon, wie wertvoll sie für das Unternehmen aufgrund ihrer Fähigkeiten geworden sind."

Alle Outsider wollen Insider werden

Die Interviews zahlreicher Betroffener ergeben allerdings, dass das strukturell vorprogrammierte Konkurrenzverhältnis den Betroffenen selbst unsichtbar bleibt. Erfolg oder Scheitern werden subjektiv stets als Konsequenz individueller Befähigung und Leistung wahrgenommen.

Ungeachtet der verschwindend geringen Chancen, je bleibenden Insiderstatus zu erlangen, sind die Outsider daher vor allem damit beschäftigt, vielleicht doch noch einen gesicherten Platz zu ergattern.

Fazit Pernicka: "Wer sich zu unbezahlter Mehrarbeit verpflichtet, geduldig und unentgeltlich auf die (ungewisse) Bewilligung von Forschungsprojekten wartet, sich loyal verhält, etc. steigert seine/ihre Chancen auf ein Folgeprojekt, eine zusätzliche Lehrveranstaltung, etc. gegenüber jenen Personen, die sich kritisch äußern. Diese Rahmenbedingungen und (durch die Strukturen geförderter) Opportunismus machen es schwierig, WissenschafterInnen zu mobilisieren."

Mögliche Strategien

Orientiert man sich an der realistischen Annahme, dass sich ungerechte und mangelhafte Zustände nicht durch Gnade und Weitblick von Entscheidungsträgern ändern, sondern durch gezielten politischen Druck, führt indes kein Weg an kollektivem Handeln vorbei.

Die Studie schlägt drei theoretisch denkbare Perspektiven vor. Erstens, besteht – trotz geringer Beteiligung – stets die Möglichkeit der organisierten Interessenvertretung. Neben den Gewerkschaften und Betriebsräten ist hier besonders auf die Möglichkeit selbstorganisierter Interessenvertretungen – im Fall der Universitäten etwa der IG freie LektorInnen und freie WissenschafterInnen – hinzuweisen.

Zweitens wäre es zielführend, Insider – beim Beispiel Universität: Professoren und Professorinnen – dazu zu gewinnen, die Insidergruppe nach professionellen Kriterien zu erweitern und Universitäten durchlässiger zu gestalten. Dies könnte nicht zuletzt Qualität von Lehre und Forschung an den Universitäten erheblich verbessern.

Schließlich besteht die Möglichkeit, dass der Leidensdruck der Betroffenen eine soziale Bewegung auslöst. Dazu müssten weite Teile der Öffentlichkeit und einflussreiche soziale Allianzpartner "(beim Beispiel Unis etwa Studenten mit ihrem hohen Mobilisierungspotential) gewonnen werden, was wiederum eine ausgreifende Kommunikations- und Thematisierungsstrategie erfordern würde.

In jedem Fall erforderlich wäre Solidarität und anhaltendes Engagement der Betroffenen. Wie zuvor gezeigt, könnte sich schon das als unüberwindliche Hürde erweisen.

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