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Porträt des Geologen Eduard Suess

Eduard Suess: Urvater der Geologie

Als Wissenschaftler hat Eduard Suess im 19. Jahrhundert die Entstehung der Alpen und die Geologie der Welt erforscht. Als Politiker setzte er sich unter anderem für das gute Wiener Wasser ein. Jetzt widmet die Akademie der Wissenschaften (ÖAW) dem österreichischen Forscher eine Vortragsreihe.

Geowissenschaften 25.10.2009

Vor etwa 150 Jahren sei Suess schon "eine große Nummer" gewesen - als Forscher, Universitätsprofessor, Politiker, Gründer der "Geologischen Schule" und Präsident der Akademie der Wissenschaften. Auch heute spiele er in der Geologie noch eine große Rolle, so Johannes Seidl, der Herausgeber eines Sammelbands über Suess, gegenüber science.ORF.at.

Typhus, Cholera und sauberes Wasser

Die Wiener dürfen sich bei Suess bedanken: Er ist dafür verantwortlich, dass sie heute so gutes Wasser trinken, um das sie alle beneiden. Der Geologe setzte sich für die erste Wiener Hochquellwasserleitung auf dem Schneeberg in den Kalkalpen ein.

Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschten Typhus und Cholera Österreichs Hauptstadt: Das Wasser der Hausbrunnen in Wien war verschmutzt und oft mit Leichengift kontaminiert. An der schlechten Trinkqualität starben Tausende Menschen.

Als Fachmann schloss sich Suess in den 1860er Jahren einer Wasserversorgungskommission des Gemeinderats an, um das zu ändern. Damit setzte der Forscher seinen ersten Schritt in die Politik.

Wissenschaft und Politik ....

Porträtfoto des Geologen Eduard Suess

Archiv der Universität Wien

Suess war zeit seines Lebens beides: Der Forscher blieb nach diesem ersten großen Projekt noch 40 Jahre in der Politik. Die bürgerliche Revolution 1848 hatte ihn geprägt, gleichzeitig interessierte er sich aber auch für fossile Wirbeltiere und arbeitete als freier Mitarbeiter beim k. u. k. Mineralogischen Hof-Cabinet, dem damaligen Naturhistorischen Museum.
Wegen seiner vielen erfolgreichen Studienreisen und Arbeiten wurde er später Professor für Paläontologie und Geologie an der Universität Wien und Mitglied zahlreicher internationaler Wissenschaftsinstitutionen.

1862 veröffentlichte er sein Buch "Der Boden der Stadt Wien" und stellte damit seine geologische Kompetenz unter Beweis. Er schaffte es in den Gemeinderat, als es um die neue Wasserversorgung ging, später war er es, der die Donauregulierung maßgeblich mitbestimmte.

... kein Widerspruch

Neue Vortragsreihe an der ÖAW
Ab Mittwoch findet eine Vortragsreihe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter dem Titel "Eduard Suess Lectures 2009/2010" statt. Sie widmet sich aktuellen geowissenschaftlichen Themen wie Rohstofflagern, Vulkanismus, Klimaschwankungen und der Entstehung des Mondes. Der erste Vortrag stammt von Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel.

Suess war Mitglied der liberalen Partei, die nach der Revolution einen Aufschwung erlebte: Sie stand für die Trennung von Schule und Kirche und für jüdische Emanzipation. Neben geologisch-politischen Projekten setzte sich Suess auch für ein neues Volksschulgesetz ein, das den Einfluss der Kirche einschränken sollte.

Politik und Wissenschaft: Für Suess war das nie ein Widerspruch. "Im Unterschied zu anderen Wissenschaftlern hat er das, was er erforscht hat, auch wirklich umgesetzt", sagte Helmut Denk, der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, gegenüber science.ORF.at.

Die Entstehung der Alpen

Nachdem Suess lange für die Stadt tätig war, widmete er sich wieder vermehrt seinen Forschungen und veröffentlichte 1875 das Werk "Entstehung der Alpen". Auf nur 168 Seiten erklärte er die Faltung und Überschiebung der Erdkruste als Ursache für die Alpenentstehung - für die damalige Zeit ein revolutionärer Gedanke.

Porträt des Geologen Eduard Suess

ÖAW Bildarchiv

Porträt von Eduard Suess

Seinen größten internationalen Erfolg konnte er allerdings mit dem vierbändigen Werk "Das Antlitz der Erde" verbuchen, an dem er mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete. Die Gesetzmäßigkeiten, die er davor in den europäischen Gebirgen erkannt hatte, dehnte er aus und versuchte damit die Bildung des gesamten Planeten zu erklären.

Er beschrieb darin die Abgrenzung der Kontinentalschollen, die großen Ausbreitungen und Rückzüge der Meere und die Bewegungen der Erdkruste.

Blick für das große Ganze

In diesem Werk, das lange Zeit als Lehrbuch für Geologie galt, prägte der Geologe und Paläontologe auch den Begriff "Thetys". Damit bezeichnete er jenen Urozean, der die Kontinente Laurasia und Gondwana voneinander trennte. Mit Fossilienmaterial konnte Suess außerdem nachweisen, dass Afrika und Südamerika einmal zusammengehörten.

Obwohl viele seiner Forschungsarbeiten bereits überholt sind, hat Suess mit seinem Blick für das große Ganze die Erdwissenschaften revolutioniert: Versuchten frühere Geologen noch, ihre Beobachtungen ganz einfach zu klassifizieren, berücksichtigten sie später auch den globalen Kontext und die historische Dimension der Erdentwicklung - Suess war ihr Pionier.

Auch heute noch bezeichnet ihn Denk als "den österreichischen Urvater der wissenschaftlichen Geologie".

Christine Baumgartner, science.ORF.at