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Liegender Löwe

Rekonstruktion: Als Löwen Menschen fraßen

Vor etwa hundert Jahren haben zwei Löwen in Kenia Arbeiter beim Bau der Eisenbahn getötet und gefressen. Die beiden Tiere gingen als die "Menschenfresser von Tsavo" in die Geschichte ein. Mit Isotopen aus den Knochen, Zähnen und Haaren der Tiere haben Forscher jetzt deren Speiseplan rekonstruiert.

Biologie 03.11.2009

Nächtliche Angriffe

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Briten in der kenianischen Region Tsavo die Eisenbahn errichteten, hatten die Arbeiter kein einfaches Leben. Neun Monate lang wurden sie in den Nächten von Löwen traktiert, die sich scheinbar auf menschliche Ernährung spezialisiert hatten. Die Arbeiten am Bau wurden dadurch derart aufgehalten, dass über die Löwen sogar im britischen Parlament diskutiert wurde.

Die Studie "Cooperation and individuality among man-eating lions" ist in der Fachzeitschrift "PNAS" erschienen (Abstract).

Jahrzehntelang war jedoch unklar, wie viele Menschen die Löwen gerissen hatten. Die Angaben reichten von 24 bis 135. Um diese Frage endgültig zu klären, haben Wissenschaftler um die Anthropologen Justin D. Yeakel und Nathaniel J. Dominy von der Universität Kalifornien in Santa Cruz den Speiseplan der Tiere rekonstruiert. Die beiden Löwen hätten demnach 35 Menschen gefressen. Die Eisenbahnbauer deckten in manchen Zeiten die Hälfte des Menüs der Raubkatzen ab.

Gejagte Jäger

Bücher und Filme:
Die Geschichte der Menschenfresser von Tsavo bot Material für Abenteuerliteratur und -filme. Ein erstes Buch zum Thema schrieb im Jahr 1907 der Jäger der Löwen selbst.

Später wurde der Stoff in Hollywood mehrmals verfilmt, zuletzt im oscarprämierten Film "Der Geist und die Dunkelheit" aus dem Jahr 1996 mit Michael Douglas und Val Kilmer.

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Das konnte sich die Eisenbahngesellschaft natürlich nicht gefallen lassen und setzte einen Jäger auf die Löwen an. Der britische Offizier und Ingenieur Lieutenant Colonel John Patterson stellte den Tieren mit Fallen und von Baumhäusern aus nach. Im Dezember 1898 hatte er sein Ziel erreicht und die Menschenfresser erlegt.

Patterson und die Eisenbahngesellschaft lieferten auch die unterschiedlichen Opferzahlen. Während die Firma 24 Tote verzeichnete, schrieb Patterson von 135 Opfern. Laut den Autoren der aktuellen Studie hatten möglicherweise beide Seiten einen Grund, die Zahl zu fälschen: Patterson hätte seinen Ruhm aufblasen können, die Eisenbahner den Schaden herunterspielen.

Alte Aufnahme vonJohn Patterson mit Safarihut und Gewehr neben einem der erlegten Tiger.

The Field Museum, Z93658

John Patterson neben einem der von ihm erlegten Löwen.

Haare und Knochen

Um Licht ins Dunkel zu bringen und die Speisen der Löwen hundert Jahre später nachzuvollziehen, verwendeten die Forscher Kollagen aus den Knochen und Zähnen sowie Keratin aus den Haaren der Tiere und analysierten darin Kohlenstoff- und Stickstoffisotope. Deren Zusammensetzung wird durch die Nahrung der Tiere bestimmt.

Diese Daten verglichen die Forscher mit Isotopenmustern in Gazellen, Impalas und Menschen. Die menschlichen Proben stammten aus Überresten der damals lebenden Bevölkerung, die der Anthropologe Louis Leakey bei einer Expedition im Jahr 1929 gesammelt hatte. Laut der Studie hatte ein Löwe elf Menschen verspeist, 24 fielen dem anderen zum Opfer.

Die Autoren der Studie wollen damit die Spekulationen über die Todesfälle auf eine nachweisbare Datenebene bringen, wie sie sagten. Doch eine letzte Variable bleibt dennoch ungeklärt: Die Methode kann nur beweisen, wie viele Menschen die Tiere gegessen haben, getötet haben sie vielleicht mehr.

Jagdteam mit Zahnproblemen

Die Daten sprechen laut Yeakel dafür, dass die Löwen im Team gejagt haben. Diese Jagdmethode würden Löwen sonst nur bei größerer Beute wie Büffeln und Zebras anwenden. Einen Menschen könnte ein Löwe auch leicht allein erlegen.

Mehrere Gründe könnten den Forschern zufolge zur Kooperation geführt haben: Einer der Löwen hatte Zahn- und Kieferprobleme und hätte sich möglicherweise schwergetan, seine natürliche Beute zu jagen. Zudem kamen bei dem Bahnbau viele Menschen und Tiere an einer Stelle zusammen. Trockenheit und Krankheiten hatten zudem die natürlichen Beutetiere der Löwen rar werden lassen.

Zwei ausgestopfte (ehemals menschenfressende) Löwen im Fields Museum

The Field Museum, Z94352c

Die zwei ausgestopften männlichen Löwen im Museum. In der Region Tsavo tragen Löwen keine Mähne.

Von der Bestie zum Ausstellungsstück

Trotz der gemeinsamen Jagd hätten die Löwen unterschiedliche Geschmäcker gehabt: Der eine aß eher Menschen, der andere eher Wild. Diese Mischung - Teambildung und unterschiedliche Präferenzen beim Essen - wurde Dominy zufolge bei Löwen noch nie zuvor beobachtet. Das Beispiel zeige auch, dass bei ökologischen Fragen nicht nur in Populationen gedacht werden dürfe, sondern individuelles Verhalten einzelner Tiere eine deutliche Rolle spielen kann.

Patterson hat die Felle seiner Beute im Jahr 1924 an das Field Museum in Chicago verkauft, wo sie noch heute ausgestellt sind. Vor zwei Jahren forderte das National Museum Kenias, dass die Tiere als Teil der kenianischen Geschichte in ihre Heimat überstellt werden sollten.

Mark Hammer, science.ORF.at

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