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Porträtfoto von Claude Levi-Strauss

Philosoph Claude Levi-Strauss ist gestorben

Der französische Philosoph und Begründer der modernen Anthropologie Claude Levi-Strauss ist tot. Wie die Academie Francaise am Dienstag bestätigte, starb der weltberühmte Völkerkundler bereits in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Er wäre am 28. November 101 Jahre alt geworden.

Strukturalismus 03.11.2009

Begründer der modernen Anthropologie

Noch im Vorjahr wurde er als der erste Hundertjährige von der Academie gefeiert, die ihn 1973 auch als ersten Anthropologen in ihren noblen Kreis aufnahm. Levi-Strauss, der westlich von Paris wohnte, war bis vor kurzem noch regelmäßig an die Akademiesitzungen gegangen, doch zwei Stürze hatten seine Aktivitäten zuletzt limitiert.

Seit den 1950er Jahren und der Veröffentlichung von "Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft" (dt. 1981) begründete Levi-Strauss eine neue Analysemethode, die zum Handwerkszeug jedes Anthropologen wurde.

Das System hinter der Verschiedenheit

Porträtfoto von Claude Levi-Strauss

APA/Str

Claude Levi-Strauss wurde am 28. November 1908 in Brüssel geboren. Er studierte an der Sorbonne in Paris Rechtswissenschaften und Philosophie. Nachdem er zwei Jahre lang an einem Gymnasium unterrichtet hatte, wurde er 1935 Professor der Universität von Sao Paulo. 1940 ging er nach New York, um an der School for Social Research in New York zu unterrichten.1949 wurde er Direktor des Musee de l'Homme in Paris, anschließend Direktor der Ecole pratique des hautes etudes, zuständig für vergleichende Religionswissenschaften. Von 1959 bis zu seiner Pensionierung 1982 war er Professor für Sozialanthropologie am renommierten College de France.

"Er propagierte einen ganz neuen Blick, ausgehend vom Postulat, dass es eine Ordnung gibt hinter den verschiedenen Kulturen", fasst seine Schülerin Anne-Christine Taylor zusammen. "Es ist nicht einfach die Geschichte, die die Unterschiede zwischen den Gesellschaften herbeigeführt hat, und auch nicht der genetische Unterschied, wie man im 19. Jahrhundert annahm."

Das hinter der Verschiedenheit waltende gemeinsame System herauszuarbeiten, ist die Aufgabe des Strukturalismus, als dessen Begründer Levi-Strauss gilt.

Literarischer Autor

"Traurige Tropen" (dt. 1978) begründete 1955 Levi-Strauss' internationalen Ruf. Dank den literarischen Qualitäten des Buchs vermochte sein Autor ein breites Publikum zu erreichen. Stil und Methode wurden allerdings von manchen Wissenschaftlern erst zögerlich aufgenommen, namentlich von den angelsächsischen.

Nachdem er 1959 auf den Lehrstuhl für Sozialanthropologie des College de France berufen wurde, bildete Levi Strauss eine erste Generation von Schülern aus, die seine Theorie der Verwandtschaft vertieften.

"Heute bereichert bereits eine zweite Schülergeneration die internationale Anthropologie. Sie orientiert sich an tieferen, bisher brach gelegenen Schichten von Levi-Strauss' Theorie", so Anne-Christine Taylor, die die Forschungs- und Lehrabteilung des Musée du Quai Branly leitet.

Leben ist sinnlos ...

Philosophen werden oft erstaunlich alt, so auch Claude Levi-Strauss. Der Begründer des Strukturalismus hielt noch knapp vor seinem 100. Geburtstag im November das Leben für "sinnlos".

"Ich bin fest davon überzeugt, dass das Leben keinen Sinn hat, dass nichts irgendeinen Sinn hat", sagte Levi-Strauss.

... was aber nicht weiter beunruhigend ist

Von allen Religionen fühlte er einzig zum Buddhismus eine Affinität. "Zum einen, weil er keinen persönlichen Gott kennt, zum andern, weil er die Auffassung vertritt oder weil er zulässt, dass es keinen Sinn gibt, dass in der Abwesenheit des Sinns, im Nicht-Sinn, die letzte Wahrheit liegt.

Diese Art von Glauben kann ich ohne weiteres akzeptieren", sagte er dem Politikmagazin "Cicero". "Ich gestehe, dass der Gedanke, ins Nichts überzugehen, mir zwar nicht behagt, mich aber auch nicht beunruhigt", so der Begründer des Strukturalismus zum Tod.

science.ORF.at/APA/AFP/sda/dpa

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