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Chinesische Fahne flattert im Wind

Lost in Business-Translation

Auf der stürmischen See der Wirtschaftskrise gibt es einen ruhenden Anker: ausgerechnet das kommunistische China. Die kulturellen Missverständnisse, die dort auf westliche Geschäftstreibende lauern, kennt die Anthropologin Aihwa Ong von der Universität Berkeley.

Wirtschaft 05.11.2009

Oft steckt hinter vermeintlichen Kulturunterschieden aber eine einfache Ausrede für schlichte Unkenntnis, meint sie im science.ORF.at-Interview.

"Kultur" wird als Faktor der Wirtschaft in jedem Fall immer wichtiger - und das hat auch Auswirkungen auf die Wissenschaft, sind sich Ong und die Kulturwissenschaftlerin Isabella Matauschek vom IFK in Wien einig.

Porträtfoto von Aihwa Ong

science.ORF.at - Lukas Wieselberg

Aihwa Ong ist Professorin für Social Cultural Anthropology an der University of California, Berkeley, Kalifornien. Auf Deutsch ist ihr Buch "Flexible Staatsbürgerschaften. Die kulturelle Logik von Transnationalität" erschienen, in dem sie die Kultur undinternational agierender Manager mit multikulturellem Hintergrund untersucht. Ong ist auf Einladung des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien sowie des Instituts für Sozialanthropologie der ÖAW und des IFK in Wien.

science.ORF.at: Ist es nicht ironisch, dass nun ausgerechnet das "kommunistische" China die kapitalistische Welt retten soll?

Ong: Durchaus. Der Staatskapitalismus in China, wie das einige Menschen genannt haben, ist sehr erfolgreich. Er hat strenge Regeln für Finanztransaktionen, die einen ähnlichen Crash wie an der Wallstreet verhindern sollen. Es gibt hohe Spar- und Produktivitätsraten, China hat die dynamischste Wirtschaft der Welt.

Wird das Unternehmen "Kapitalismusrettung" gelingen?

Ong: Das weiß ich natürlich nicht, zurzeit verteilt China sein wirtschaftliches Risiko. Es setzt bei den Währungen mehr auf den Euro, investiert viel in Asien. Die Wirtschaft soll nicht zu sehr von den USA abhängen. China geht es nicht darum, "den Kapitalismus" zu retten, sondern die eigene wirtschaftliche Macht durch Wachstum zu stärken.

Anthropologen scheinen bei der Globalisierung zu den Gewinnern zu gehören. Sie halten in Wien einen Workshop an der Wirtschaftskammer, was erwarten sich Wirtschaftstreibende von ihnen?

Ong: Genau weiß ich das nicht, vermutlich wollen sie von den kulturellen Hürden erfahren, die es in China für ihre Geschäfte gibt. Max Weber hat den standardisierten Kapitalismus beschrieben, wie er in Europa entstanden ist, basierend auf rationalem Denken, Buchhaltung, Bilanzen, Regeln etc. Den kompletten Satz dieser Bedingungen gibt es in China heute nicht. Deshalb ist es für Ausländer oft schwierig zu verstehen, wie Chinesen Geschäfte machen, wie sie ihre Entscheidungen treffen etc.

Business Seminar mit Aihwa Ong
Privatized China – Communism as capitalism: insights from below for those on the top
Ort: Wirtschaftskammer Wien, Stubenring 8-10, 1010 Wien
Zeit: 6. November, 14-16 Uhr c.t.; Eintritt frei

Ein Beispiel?

Ong: Viele westliche Manager erwarten, dass Chinesen Teamplayer sind, die vor allem an das Unternehmen denken. Das stimmt aber nicht, sie verfolgen ihren eigenen Vorteil. Sie haben wenig Sinn für Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber.

Das verstößt gegen das gemeine Vorurteil der Chinesen als Kollektiv ...

Ong: Arbeiter und Angestellte sind in China sehr unternehmerisch und individualistisch. Sie haben ganze Generationen an Wohlstand verpasst und schauen deshalb in erster Linie auf sich selbst. Oft waren ihre Eltern arm, sie wollen das nun ändern und so schnell wie möglich reich werden. Wenn sie für ausländische Unternehmen arbeiten, liebäugeln sie zugleich mit der Konkurrenz, ob die vielleicht besser zahlt. Das liegt auch daran, dass die Nachfrage nach gutausgebildeten Chinesen das Angebot übersteigt. Mit einem MBA von Harvard oder Shanghai ist man eine heiße Ware.

Matauschek: Es gibt auch eine hohe Fluktuation bei den Beschäftigten, sie wechseln den Job für nur zwei Prozent mehr Lohn, das würden Menschen im Westen vermutlich nicht machen.

Isabella Matauschek ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für soziale und interkulturelle Kompetenz der Johannes Kepler Universität Linz und derzeit Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften.

Anthropologin Aihwa Ong und Kulturwissenschaftlerin Isabella Matauschek im Gespräch

science.ORF.at - Lukas Wieselberg

Aihwa Ong und Isabella Matauschek im Gespräch am IFK

Ong: In den ausländischen Unternehmen ist es für die Chinesen dann aber schwer, Karriere zu machen, sie stoßen schnell an eine gläserne Decke. Die Manager stammen meistens aus den Ursprungsländern der Betriebe. Die Ausländer werden besser bezahlt, das schafft ein starkes Unbehagen. Die chinesischen Mitarbeiter halten ihren Anteil am Erfolg des Unternehmens für maßgeblich: Die gesamten Übersetzungsleistungen - nicht nur die sprachlichen, auch die kulturellen und sozialen - stammen von ihnen, so meinen sie. Sie sind es, die Kontakte knüpfen, mit der Regierung umgehen etc. Oft sagen mir chinesische Arbeiter: "Die Ausländer haben ja keine Ahnung, was passiert. Die sitzen in ihren Büros und wissen gar nicht, was wir alles machen. Eigentlich bräuchten wir sie gar nicht." Die Chinesen wollen selbst Unternehmer sein, nicht unter der Fuchtel von jemand anderem stehen. Viele von ihnen gründen nach einigen Jahren dann auch tatsächlich ihre eigene Firma.

Was erwarten Chinesen von einem Fremden, der mit ihnen Geschäfte machen will?

Ong: Das ist durchaus widersprüchlich. Man sollte zu Beginn freundlich und freundschaftlich sein, nicht sofort etwas verlangen. Nach der Familie fragen. Wie viele Kinder haben sie? Was macht die Frau? etc. Erst beim zweiten oder dritten Treffen sollte man über Geschäftliches sprechen. Die Chinesen mögen diese Freundlichkeit, zugleich aber auch die direkte Art der Amerikaner, die spontaner und lockerer sind, alberne Scherze machen und etwa "Commie-John" zu ihnen sagen. Damit begeben sie sich sozusagen auf ihre Ebene. Deutsche oder Japaner hingegen legen viel mehr Wert auf die soziale Hierarchie, sie würden darüber auch nicht scherzen. Generell ist die persönliche Ebene sehr wichtig.

Matauschek: Ja, wobei ich das immer ärgerlich finde, wenn man das gerade bei China betont. Denn nehmen wir z.B. Italien: Da ist das auch nicht anders. Auch dort braucht man erst ein gutes persönliches Einvernehmen, bevor man Geschäfte macht.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Ong: Die chinesischen Männer sagen: Lass die Frauen für die Ausländer arbeiten, warum wir? Sie wollen aus einem kulturellen Stolz heraus nicht gerne dominiert werden. Für Frauen ist es ein Riesenschritt für ausländische Firmen zu arbeiten, sie verdienen dort mehr, haben mehr Freiheit, können ins Ausland fahren, vielleicht auch einen Ausländer heiraten. Frauen tun sich auch mit Englisch viel leichter als Männer. Männer lernen die Fremdsprache nicht so gerne, vielleicht weil sie sich unbewusst gegen die ausländische Dominanz wehren.

Welche Rolle spielt "Kultur" heute in der Wirtschaft und wie verhält sich dabei die Wissenschaft?

Matauschek: Viele Unternehmen haben heute Anthropologen engagiert, die als Experten für kulturelle Unterschiede herangezogen werden.

Ong: Die Firmen beziehen Kultur in ihre wirtschaftlichen Überlegungen mit ein, sie arbeiten mit ihr statt sie wie zuvor zu ignorieren.

Matauschek: Länder wie China werden auch immer stärker zu Märkten. Als sie noch reine Produzenten waren und bloß Sweatshops anboten, brauchte man sich nicht um ihre Kultur zu kümmern, für die Länder als Märkte ist sie aber wichtig geworden.

Ong: Wobei man aufpassen muss. Sehr oft verwenden Menschen aus dem Westen "Kultur" für etwas, was gar nicht Kultur ist. Immer wenn sie auf ein lokales Phänomen treffen, das sie nicht mögen oder nicht verstehen, nennen sie das Kultur. Oft steckt dahinter aber bloß eine lokale Besonderheit, die z.B. ein Problem bei der rechtzeitigen Lieferung einer Ware erklärt, "Kultur" wird dabei schnell zu einem Stolperstein.

Ein Beispiel?

Viele Chinesen halten keine Deadlines ein. Das ist nicht wichtig für sie, sie gehen lieber zur Hochzeit ihres Cousins, das ist wichtiger für sie. Aber nicht weil das irrational ist: In Wahrheit steckt dahinter eine eigene Logik - und zwar eine des Protests. Sie protestieren gegen die Unternehmen, weil sie dort nicht glücklich sind, ihr Gehalt zu niedrig etc. Sie denken sich: Warum soll ich mich dann an Deadlines halten? Dahinter steckt eine indirekte Botschaft an das Unternehmen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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