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Modell eines Gehirns.

"Möglichst nicht daran denken"

Hirndoping kann Wolfgang Klimesch nicht viel abgewinnen. Der Psychologe von der Universität Salzburg empfiehlt zur Stärkung des Gedächtnisses stattdessen zweierlei: gezieltes Geistestraining und die Nutzung von bereits vorhandenem Vorwissen.

Gedächtnisforschung 10.11.2009

science.ORF.at: Hat die Gedächtnisforschung auch den Umgang mit ihrem eigenen Gedächtnis verändert?

Wolfgang Klimesch: Natürlich habe ich mir Strategien zurechtgelegt, um mir Dinge besser zu merken. Aber Wunderformeln kann ich nicht ableiten aus meiner Arbeit.

Das heißt, sie sind mit ihrer Merkleistung zufrieden?

Im Großen und Ganzen ja. Ich stehe zumindest nicht auf Kriegsfuß mit meinem Gedächtnis. Obwohl es ja unter Psychologen folgende Vermutung gibt: Wir tun das, wo wir die größten Defizite haben (lacht).

Wolfgang Klimesch, Psychologe.

Uni Salzburg

Wolfgang Klimesch ist Professor für Psychologie an der Universität Salzburg. In seiner Forschungsarbeit untersucht er die Zusammenhänge von Sprache, Schlaf und Gedächtnis. Derzeit leitet er das FWF-Projekt "Die Bedeutung der Alpha-Synchronisation für das Gedächtnis".

Stichwort Merkstrategien: Welche Grundregeln gibt es?

Eine Grundregel lautet: Alles, was neu eingespeichert wird, wird auf Grundlage von bereits vorhandenem Wissen eingespeichert. Wenn es bereits Vorwissen gibt, ergibt sich die Merkleistung fast mühelos. Wenn ich mir etwas neu aneignen muss, z.B. eine völlig neuartige Fremdsprache, ist das ungleich schwieriger. Eine ehemalige Dissertantin von mir hat herausgefunden, dass das Lernen von Sprachen viel effektiver abläuft, wenn man Vokabel multisensorisch repräsentiert – etwa, indem man ein Wort mit einer Geste, einem Geräusch usw. verbindet.

So kommt das, was neu ist, bereits vernetzt in unser Gehirn. Das ist ein zweites Prinzip: Je mehr Sinne an der Verarbeitung neuer Information beteiligt sind, desto besser funktioniert deren die Speicherung.

Die klassische Eselsbrücke ...

... ist eine Mischung dieser beiden Prinzipien.

Mir fallen oft die Namen von Schauspielern nicht ein, obwohl ich sie kenne. Was kann ich dagegen tun?

Möglichst nicht konzentriert daran denken. Das hat mit dem Nadelöhr des bewussten Zugriffs zu tun – der kann sehr leicht gestört sein. Freies Assozieren löst solche Blockaden oft.

„Wir funktionieren genau umgekehrt wie ein Computer: Er wird immer langsamer, je mehr drinnen ist – wir werden immer schneller, je mehr wir wissen.“

Und das Verlegen des Schlüssels?

Wenn er bereits verlegt wurde, ist es schon zu spät. Hier handelt es sich um einen typischen Fehler der Aufmerksamkeitssteuerung, der im Nachhinein nicht zu beheben ist. Prophylaktisch kann man aber schon etwas tun: Man muss sich dazu zwingen, ganz bewusst zu sein, wenn man den Schlüssel das nächst Mal in die Hand nimmt.

Oft heißt es: Je öfter Lernstoff wiederholt wird, desto eher bleibt er im Langzeitgedächtnis haften. Stimmt das?

Nicht unbedingt. Es kommt, wie erwähnt, vielmehr auf das Vorwissen an. Je mehr davon vorhanden ist, desto besser merkt man sich Dinge. Das ist bei uns genau umgekehrt wie beim Computer: Dieser wird immer langsamer, je mehr drinnen ist – wir werden immer schneller, je mehr wir wissen.

Deutsche Hirnforscher haben kürzlich öffentlich gefordert, das Thema Hirndoping müsse nüchterner und liberaler diskutiert werden. Wie stehen Sie dazu?

Ich glaube, dass man mit psychologischem Training viel größere Effekte für das Gedächtnis erzielen kann als mit pharmakologischen Eingriffen.

Sollte man Neurodoping verbieten?

Verbieten ist nie gut. Aber ich würde es nicht empfehlen. Leute, die so etwas vorschlagen, würde ich fragen: Welche Ergebnisse der Grundlagenforschung geben uns Anlass zu glauben, dass die Substanz X die Gedächtnisbildung so stark fördert? So etwas kennt man bis dato nicht.

Sicher, es gibt zum Beispiel Substanzen, die die Aufmerksamkeit erhöhen, was in Summe auch der Merkfähigkeit zuträglich ist.

„Wissen ist wichtig. Aber viel wichtiger ist: Auf Basis des Gewussten argumentieren zu können“

Zum Beispiel Ritalin, das einen zügelnden Effekt auf den Geist hat, aber gleichzeitig zu einem Affektverlust führt.

Ja, das Präparat greift auf Ebene der Botenstoffe ein. Ich würde gerne wissen: Ist das wirklich unproblematisch? Davon abgesehen glaube ich auch hier, dass psychologische Interventionen wesentlich mächtiger sind als der isolierte Eingriff über eine Wirksubstanz.

Sogenannte Savants, Menschen mit Inselbegabungen, haben oft erstaunliche Fähigkeiten. Der US-Amerikaner Kim Peek etwa, das Vorbild für die Hauptperson des Films „Rain Man“, soll den Inhalt von rund 10.000 Büchern auswendig im Kopf haben. Wie ist das möglich?

Man weiß es nicht. Man hat nicht einmal fundierte Hypothesen. Ich kann ihnen lediglich Spekulationen nennen.

Bitte gerne.

heureka! 3/09

Falter/heureka!

Dieser Text ist auch im Wissenschaftsmagazin "heureka!" erschienen. Thema der aktuellen Ausgabe: Das Gedächtnis in Natur- und Geisteswissenschaften.

Eine Spekulation lautet, dass Savants eine andere Form des Wissenszugriffs besitzen als wir. Normale Menschen greifen sehr spezifisch auf gespeichertes Wissen zu. Wir brauchen große physiologische Kräfte, um das Nadelöhr unserer selektiven Aufmerksamkeit zu erreichen.

Savants greifen hier womöglich viel ungehemmter zu. Mit dem Vorteil, dass sie enormes Wissen zur Verfügung haben, aber eventuell mit dem Nachteil, dass sie damit nicht so konstruktiv umgehen können wie wir.

Stichwort Lehrpläne: Ist das Psychologie-Studium an ihrer Universität so aufgebaut, dass es den Erkenntnissen der Gedächtnisforschung gerecht wird?

Lassen sie mich in Bezug auf einen Detailaspekt antworten. Wenn mich Studenten am Ende eines Literaturseminars fragen: „Muss ich bei der Prüfung alles wissen, was in den besprochenen Artikeln steht?“ Dann antworte ich - und meine Kollegen sehen das sicher auch so: „Ihr müsst schon etwas wissen. Aber das viel Wichtigere ist: Ihr müsst auf Basis des Gewussten argumentieren können.“

Wenn mir ein Student auf eine Frage antwortet: „Das weiß ich nicht“ und er bringt mir ein gutes Argument, warum das in diesem Zusammenhang für ihn nicht wichtig ist, dann ist für mich die Sache erledigt. Ich muss allerdings zugeben: Ich schildere hier einen Idealfall mit individueller Betreuung. In einer x-beliebigen Klausur lässt sich so etwas nicht umsetzen.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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