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Mathematische Formel

"Lernen ist wie Sport"

In den 60er und 70er Jahren haben Philosophen und Forscher den Konstruktivismus entwickelt - eine radikale Weltsicht, die unsere Gesellschaft verändern sollte. Doch der Sprung von der Avantgarde zum Mainstream sollte nie gelingen. Der US-Bildungsforscher Jack Lochhead sucht nach den Gründen dieses Scheiterns.

Konstruktivismus 13.11.2009

Ein Gespräch über fleißige Musiker, schlimme Schüler und "I found Jesus"-Aufkleber.

science.ORF.at: Was ist die Kernbotschaft des Konstruktivismus?

Jack Lochhead: Wir müssen unser Wissen selbst herstellen, konstruieren. Das ist keine Frage einer bewussten Entscheidung, wir funktionieren eben so. Wenn Sie mich hören, müssen sie meine Worte interpretieren. Und zwar in Bezug auf ihre Erfahrungen mit diesen Wörtern. Ich verbinde meine eigenen Bedeutungen mit diesen Wörtern - ihre Bedeutungen könnten durchaus andere sein.

US-Bildungsforscher Jack Lochhead.

Jack Lochhead

Jack Lochhead ist studierter Mathematiker und emeritierter Bildungsforscher der University of Massachusetts. Sein Forschungsgebiet ist die Mathematik- und Physik-Didaktik.

Weiterführende Literatur:
"Making math mean", ein Beitrag aus dem Sammelband "Radical constructivism in mathematics education".

Ist es dann nicht eigenartig, dass wir einander dennoch verstehen?

Ja, das ist es! Mich interessieren die philosophischen Probleme des Konstruktivismus, aber als Forscher habe ich mich vor allem mit seinen Konsequenzen für Bildung und Unterricht befasst. Die Hauptbotschaft, die ich für diesen Bereich ableite, lautet: Die meisten Lehrer, insbesondere Universitätslehrer, bereiten eine Vorlesung vor und erwarten, dass die Studenten sie verstehen. Und wenn sie sie nicht verstehen, ist es deren Fehler.

Als Konstruktivist muss ich sagen: Es ist doch überraschend, wenn die Studenten meine Worte genau so interpretieren, wie ich es intendiert habe. Für mich war es als Lehrer immer wichtig zu fragen: Wie habt ihr das, was ich gesagt habe, verstanden?

Man könnte noch früher einhaken: Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?

Ich glaube, es ist für Lehrer wie für Eltern wichtig herauszufinden, wie die Kinder die Welt sehen. Und man sollte ihnen nicht die eigenen Erwartungen aufzwingen. Auch wenn das nicht immer einfach ist.

Es ist viel wichtiger, Kindern beizubringen, wie man lernt, als was man lernt. Die Lehrpläne können nicht alle Inhalte definieren. Es kommt auf den Prozess des Lernens und Verstehens an.

Heinz von Foerster-Kongress 2009
Beim diesjährigen Wiener Heinz von Foerster-Kongress nehmen Kognitionswissenschaftler, Kybernetiker, Psychologen, Soziologen und Philosophen aus der ganzen Welt teil. Ernst von Glasersfeld, mittlerweile im 92. Lebensjahr und einer der wichtigsten Pioniere auf dem Gebiet einer konstruktivistischen Lernforschung, hat den Kongress gestern im Wiener Rathaus eröffnet. Jack Lochhead wird am 13. November um 16.30 Uhr einen Vortrag zum Thema "Obstructions to Constructivism" halten.

Also stimulieren statt disziplinieren.

Ja, aber ich wäre vorsichtig mit einer totalen Ablehnung der Disziplin. Natürlich gibt es Disziplinen, die es wert sind, eingeführt zu werden. Wenn Sie ein Instrument erlernen, müssen Sie die Tonleiter kennen und Fingerbewegungen üben. Einen in diesem Sinn "undisziplinierten" Musiker gibt es nicht. Aber klar: Viele alte Unterrichtskonzepte bestanden fast nur aus Disziplin und dem Rezitieren vorgefertigten Wissens. Dagegen bin ich natürlich.

Wie kann man Lernen lernen?

Lehrer müssen Schüler immer wieder fragen: Wie seid ihr zu diesem Schluss gelangt? Im Grunde ist es nicht viel anders als im Sport: Wer Fußballspielen lernen will, braucht zunächst einen Ball, auf den er (oder sie) draufhaut. Erst danach kann man sagen: Du könntest es auch so und so probieren. Die Rolle von Eltern und Lehrern hat vieles mit der eines Trainers gemeinsam.

Sie vertreten die These, dass die gesellschaftliche Wirkung des Konstruktivismus ziemlich enttäuschend war.

In den 60 und 70er Jahren, als die Kybernetik en vogue und der radikale Konstruktivismus noch relativ neu war, dachten viele, das würde eine große Wirkung auf den Bildungsbereich haben. Rückblickend betrachtet muss man sagen: Das war nicht der Fall, auch nicht an den Universitäten.

Ich glaube nicht, dass sich der Konstruktivismus besser erklären muss, dass es an den Argumenten liegt. Ich glaube eher, dass man herausfinden sollte, warum die meisten Menschen diese Ideen nicht akzeptieren. Das wurde meiner Meinung nach noch nicht genügend untersucht.

Gibt es Vermutungen?

Der US-Linguist George Lakoff unterschiedet zwei Arten Verursachung. Die direkte Verursachung ist etwas der Art: 'Ich tue etwas und bin dafür verantwortlich, dass es passiert.' Mit systemischer Verursachung meint Lakoff ein Verhalten von Systemen, das weniger planbar und vorhersehbar ist.

Er meint, dass die meisten Menschen in der ersten Art der Verursachung denken und die meisten Sprachen auch gar nicht die Ausstattung besitzen, um der systemischen Verursachung gerecht zu werden. Er trifft auch eine politische Unterscheidung und rechnet die Konservativen eher der ersten, die Progressiven eher der zweiten Variante zu.

Das geht in die richtige Richtung, aber es hilft uns nicht wirklich zu verstehen, warum die Menschen der einer Gruppe zuzurechnen sind - und was man bräuchte, um sie von einer in die andere zu bewegen.

"Erfinden statt Entdecken"

Heinz von Foerster.

University of Illinois

Ausgehend von seiner kybernetischen Grundlagenforschung hat Heinz von Foerster versucht, Ethik und Erkenntnistheorie radikal neu zu gestalten - und dort die Prinzipien der Autonomie und Verantwortung zu verankern. Der Verbindung dieser Disziplinen hat er im Schlagwort "KybernEthik" angedeutet.

Ein anderer Ansatz stammt von Heinz von Foerster. Er wurde 1999 in einem Interview gefragt: "Warum wurde die Kybernetik nie Mainstream?" Und er sagte: "Ich glaube, dass wir immer kreieren, dass wir immer etwas Neues schaffen, das zuvor nicht da war. Die Position des Entdeckers hingegen, die die meisten Menschen mögen, heißt auch, dass man nicht verantwortlich für die Dinge ist, die bereits da waren. Wenn man nur den Schleier zu lüften braucht, dann schiebt man auch jede Verantwortung hinweg."

In den USA gibt es viele Autos, die haben auf dem Heck einen Aufkleber mit dem Schriftzug: "I found Jesus". Hätte Heinz so einen Aufkleber auf seinem Auto gehabt, wäre darauf gestanden: "I made Jesus".

Könnte es nicht sein, dass viele einfach Angst davor haben, ein hohes Maß an Eigenverantwortung könnte auch im Chaos enden?

Mit Sicherheit. Der Grund, warum ich keine Angst habe, ist: Es kann so oder so passieren. Erst seit ich mich davon überzeugt habe, bin ich vom Podium heruntergestiegen und habe meine Studenten einander gegenseitig unterrichten lassen.

Glauben Sie, dass die Teilnehmer des Heinz-von-Foerster-Kongresses an der Uni den Konstruktivismus auch wirklich konstruktivistisch lehren?

Nein, höchstens ein paar. Die anderen werden ihn wohl auf sehr traditionelle Weise lehren.

Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Absolut!

Ist es überhaupt möglich, den Konstruktivimus zu lehren?

Ich glaube schon. An meiner Universität hatten wir Mathematik-Kurse, die einen kurzen Vorlesungsteil beinhalteten. Etwas mehr Zeit investierten die Studenten in Lektüre des Lehrstoffes, aber die meiste Zeit verbrachten sie damit, einander über den Stoff zu fragen: Warum machst du das so? Warum ist das die richtige Entscheidung? etc.

Relativ häufig kam dabei heraus, dass man dem Lehrbuch nicht immer absolut vertrauen kann. Wenn man das bei einem Mathematik-Lehrbuch behaupten kann, ist das schon eine ganze Menge.

Stichwort Reform-Pädagogik: Maria Montessori und Célestin Freinet haben Schüler als autonome Akteure betrachtet, die sich Wissen aktiv aneignen. Das ist eigentlich sehr konstruktivistisch gedacht.

Ohne Zweifel. Man kann auch ältere Beispiele finden. In den USA hatten wir sehr lange "one room schools", Mehrstufenklassen, in denen die Schüler einander zum Teil gegenseitig unterrichtet haben. Und in den Talmud-Schulen, die noch viel älter sind, bilden die Schüler Paare und diskutieren miteinander den Inhalt des Talmud.

Was mich ärgert ist: Der Mainstream des Bildungswesens hat diese Prinzipien nicht verinnerlicht - obwohl sie erwiesenermaßen funktionieren.

Man sollte Schülern und Studenten mehr Verantwortung übertragen.

Freilich, es ist ein wenig riskant, denn sie könnten die Eigenverantwortung missbrauchen. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur sagen: Es ist immer wieder überraschend, wie ernst sie das nehmen.

Ich habe ein Buch aus den 60er Jahren mit dem Titel " A Class of Their Own", darin wird der Fall des Schülers "Danny" beschrieben. Ein fürchterlicher Schüler, der den Unterricht nur störte. Die Lehrer wussten nicht, was sie mit ihm tun sollten, bis sie ihn schließlich vier Schulstufen tiefer als Assistent einsetzten, um dem Lehrer beim Unterricht behilflich zu sein. Er änderte sein Verhalten über Nacht und wurde ein fleißiger und verantwortungsvoller Schüler.

Eine fiktive Figur?

Nein, nein, das ist ein Tatsachenbericht.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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Forum

 
  • Andocken an die Noosphäre,...

    neutrino, vor 2444 Tagen, 11 Stunden, 41 Minuten

    od. laut R. Steiner die Fähigkeit aus dem energetisch-geistigen Bewusstseinsfeld der Akascha-Chronik Informationen zu empfangen, natürlich könnte man auch Lernen dazu sagen, aber es scheint eher ein sich wieder-erinnern zu sein,...;-)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Noosph%C3%A4re
    http://geisterbahn.yagii.de/reflexionen/index.html

    Fakten: Global Correlations in Random Data
    http://noosphere.princeton.edu/homepage3pp.html

    ...ein Bewusstseins - Hologramm wird wohl an Kontrast zunehmen wenn ernsthaft alle in die gleiche Richtung sich entwickeln wollen, sich fortgesetzt Übend in allen Dingen nur die Wahrheit zu erkennen, quasi als ein zukünftiger geistig-seelischer Sport,...;-)
    http://www.petrovfond.de/programm.php
    .:.

    • es "gibt" aber

      mantispa, vor 2443 Tagen, 2 Stunden, 59 Minuten

      keine noosphäre im nawi. sinn.

    • Global Consciousness Project,...

      neutrino, vor 2442 Tagen, 17 Stunden, 57 Minuten

      ist Wissenschaft in Echtzeit,...

      http://noosphere.princeton.edu/index.html

      Hier die weltweiten Messstellen des GCP - Projektes,...

      EGG HOST INFORMATION:
      http://noosphere.princeton.edu/egghosts.html#egghosts

      Dieses wissenschaftliche Princeton - Projekt das bereits seit 14 Jahren läuft beschäftig sich mit der Messung und statistischen Auswertung von Bewusstseinsfeldern die eindeutig signifikante Ereignisse im täglichen weltlichen Ablauf jeweils vor einem markanten physischen Ereignis anzeigt, so z.B. das Geschehen am 11. Sep. 2001, sie enthüllte in der späteren Auswertung eindeutig bereits einige Stunden vorher recht ungewöhnliche Abweichungen vom täglichen Mittelwert aller weltweiten Messstellen!

      ...daraus darf man indirekt schliessen dass es soetwas wie ein globales Bewusstseinsfeld tatsächlich gibt, egal ob man es nun fiktiv als Noosphere benennt, od. als ein holographisches Informationsfeld, od. als ein morphogenetisches Feld,...die Messwerte sprechen ja für sich,...;-)

      III. Theoretical Models:
      http://www.princeton.edu/~pear/theory.html

      ...hier noch die gerade aktuellen Echtzeitergebnisse als graphisches u. akustisches Ereignis, evtl. als der global-kollektive geistig-seelische Herzschlag der gesamten Menschheit!?,...;-)

      The GCP Basket Observer:
      http://www.global-mind.org/bsktobsrv/basketobserver2.html

      ...ja und?, was hat das ganze nun mit dem Lernen in der Schule zu tun?,...ganz einfach, jeder Mensch generiert ein persönliches Bewusstseinsfeld das wenige Zentimeter, bis (in einigen Fällen sogar) einige Meter weit reicht, so verknüpfen sich alle diese energetischen Bewusstseinsfelder eines jeden Schülers innerhalb einer Schulklasse zu einem gemeinsamen kollektiven Energiefeld, als...

    • dynamische augenblickliche Erfahrung od. spontane Sichtweise,...

      neutrino, vor 2442 Tagen, 17 Stunden, 54 Minuten

      die zunächst mal (leider) nur kurzfristig erhalten bleibt wobei der Lehrer im Idealfall hier leicht korrigierend über seine Lebenserfahrung ebenfalls energetisch seine eigenen Bewusstseinsinformationen in die Gruppe einbring,...nur ein Problem ergibt sich bei dieser Art des Lernens,...wenn auch nur ein Einziger sich Querstellt würde diese positive Atmosphäre der gemeinsamen Bemühung sehr gehemmt werden, od. sogar gänzlich unmöglich werden, daher die sorgfältige Auswahl der richtigen Schüler ist sehr Entscheidend für den Erfolg dieser zukünftigen Lernformen,...daher echte Neandertaler sollte man am besten gleich in die Wüste schicken!...;-)
      .:.

  • Was ist/war Kybernetik?

    regow, vor 2445 Tagen, 4 Stunden, 8 Minuten

    War das nicht einmal der Vorläufer der heutigen Informatik?

    Das Denken in Systemen war in Form der Chaostheorie und der Selbstorganisation auf jeden Fall main stream.

    Entspannt lernen kann man nur, indem man auf vorhandenes Wissen aufbaut.
    Wenn noch nicht da ist, muss man sich zb. das Lesen, Schreiben und das Einmaleins durch ständiges Wiederholen quasi ins Hirn prügeln.

    • mynona, vor 2445 Tagen, 2 Stunden, 42 Minuten

      mainstream bei einer Minderheit. Eine Formulierung mit Widerspruch in sich (- wie viele interessierts überhaupt)
      Organisation von Bildung und Forschung icl. Mittel verteilen ist nämlich eine politische Angelegenheit. Ich finde die routinemäßige Politikerschelte zwar ermüdend, aber: Politiker, die wiedergewählt werden wollen, fördern instinktiv nicht das Denken in Systemen ... wir Menschen sind stammesgeschichtlich auf "einfache Rezepte" programmiert. Darum wird dauernd nur extrapoliert statt systemisch gedacht. Wissen kann man solche Geschichten allerdings, und dieses Wissen nützt einem immerhin fürs persönliche Wohlbefinden.

    • mynona, vor 2445 Tagen, 2 Stunden, 18 Minuten

      ah, PS.: Eigenartig, ich erinnere mich daran, wie das Lernen von Lesen/Schreiben/Grundrechenarten war. Einige Seiten unserer Fibel stehen mir vor Augen, nach dem halben Jahrhundert, echt kurios. Deine Beschreibung trifft es nicht recht. Es ging wie "der Groschen fällt" vonstatten, plötzlich, Wiederholen nicht nötig.

    • regow, vor 2444 Tagen, 23 Stunden, 59 Minuten

      Beim Lesen ging es tatsächlich von einem Tag auf den anderen. Das EinmalEins mußte ich mir reinprügeln, obwohl ich kein schlechter Schüler war.

    • mynona, vor 2444 Tagen, 7 Stunden, 45 Minuten

      wenn ich genau drüber nachdenke, ja - Lesen und Einmaleins sind wohl verschiedene Fälle "fürs Hirn".
      Naja. Dem Konstruktivismus werfe ich, fast bereits routinemäßig, vor, ein "-ismus" zu sein ;-)

  • Der innere Fluss des Lebens,...

    neutrino, vor 2445 Tagen, 4 Stunden, 17 Minuten

    ist der eigentliche Lehrmeister,...;-)
    http://tinyurl.com/yc93sm9
    .:.