Standort: science.ORF.at / Meldung: "Weichmacher für Kunststoffe und Buben"

Plastikflaschen

Weichmacher für Kunststoffe und Buben

Zwei Plastikchemikalien aus der Gruppe der Phthalate wirken sich auf die Gehirnentwicklung und damit auf das Spielverhalten von Buben aus. Die Buben geben sich dadurch weniger männlich: Sie greifen lieber zur Puppe als zum Spielzeugauto und kämpfen weniger.

Chemikalien 16.11.2009

Knallharte Rollenverteilung

Als "Weichei" muss sich so mancher beschimpfen lassen, wenn er bei den groben Bubenspielen nicht mitmacht oder gar einmal zur Puppe greift. Anständige Burschen rangeln herum und rollen Spielzeug-Lkws durch die Gegend. So sieht zumindest das Klischee aus, und in den meisten Fällen vermutlich auch die Wirklichkeit.

Die Studie "Prenatal phthalate exposure and reduced masculine play in boys" ist "im International Journal of Andrology" erschienen (Abstract, sobald online).

Wenn Buben aus dem typischen Rollenmuster ausbrechen, liegt das möglicherweise daran, dass ihre Mütter während der Schwangerschaft zu viel Kunststoffweichmacher im Körper hatten. Das hat ein Forscherteam um die Gynäkologin Shanna H. Swan vom Zentrum für reproduktive Epidemiologie an der Universität Rochester in New York in einer Studie herausgefunden.

Kunststoffe mit hormoneller Wirkung

Phtalate kommen unter anderem in PVC vor. In die Nahrungskette und damit in den menschlichen Körper gelangen sie über Verpackungen und Behälter, in denen Lebensmittel aufbewahrt werden. Sie können auch in Beißringen und Kinderspielzeug eingesetzt werden, sofern sie dort nicht gesetzlich verboten sind.

Zudem kommen Phthalate in Fußböden, Duschvorhängen, Plastikrohren, Haushaltsprodukten, Seifen und kosmetischen Flüssigkeiten vor.

Weitere Informationen zu Phtalaten findet man unter anderem auf den Webseiten des Kinofilms "Plastic Planet" und des Umweltbundesamts.

Die Weichmacher im Kunststoff sind endokrine Disruptoren. Diese Stoffe wirken im Körper wie Hormone und stören damit den natürlichen Hormonhaushalt. Hormone wirken sich in Kindern unter anderem auf die geschlechtsspezifische Entwicklung des Gehirns aus. Die Chemikalien beeinflussen damit das Verhalten der Kinder.

Die Folgen für das Spielverhalten zeigten sich bei Buben bei zwei Phtalaten, dem Diethylhexylphthalat und dem Dibutylphthalat. Waren die Konzentrationen dieser Stoffe im Urin der Mütter während der Schwangerschaft erhöht, spielten ihre Buben seltener typisch "männliche Spiele" bzw. mit "männlichem Spielzeug". Bei Mädchen war kein Effekt durch die Weichmacher zu beobachten. Andere Phthalate veränderten auch bei Buben das Spielverhalten nicht.

Auch Geschlechtsorgane betroffen

Die neuen Erkenntnisse passen den Autoren zufolge zu älteren Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass Phthalate die Entwicklung von Geschlechtsorganen bei Nagetieren und bei Kindern beeinflussen. So können etwa die Geschlechtsorgane kleiner ausfallen oder die Hoden nicht vollständig absinken.

Im konkreten Fall geht es um die Rolle des Hormons Testosteron. Phthalate könnten die Testosteronproduktion im Fötus zwischen der achten und 24. Schwangerschaftswoche herabsetzen, vermuten die Forscher. In jener Zeit beginnen die Hoden, Testosteron zu erzeugen.

Griff in die Spielekiste

Untersucht wurden 145 Vorschulkinder. Ihre Eltern wurden u. a. befragt, welches Spielzeug im Haushalt vorhanden war und ob sie geschlechtsatypische Spiele ihrer Sprösslinge unterstützten. Damit wollten die Forscher sichergehen, dass nicht das der ausschlaggebende Punkt für die Entscheidung der Buben und Mädchen war. Ob sich die Kunststoffe auch langfristig auf das Rollenverhalten der werdenden Männer auswirken, verrät die Studie nicht.

Mark Hammer, science.ORF.at

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