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Historisches Handelsschiff, im Hintergrund der Mond.

Ohne Kulturwissen kein globaler Handel

Globalisierung ist keine Erfindung der Gegenwart. Der Kapitalismus hat immer neue Märkte und Ressourcenquellen erschlossen. Die niederländische Ostindienkompanie etwa wurde vor 400 Jahren gegründet. Ohne Sprachkenntnisse und angewandtes Kulturwissen wäre sie nicht zum ersten "Konzernmulti" der Geschichte geworden.

Wirtschaft 23.11.2009

Fragen, wie Handelsbeziehungen am besten zu knüpfen und zu erhalten seien, waren für die niederländischen Händler in Südostasien zentral: Sprachkenntnisse waren nützlich und wichtig, aber bei weitem nicht ausreichend.

Es war die Gewinnung und Vermittlung von kulturellem Wissen, das den Erfolg in den neuen Netzwerken sicherte, wie die Kulturwissenschaftlerin Isabella Matauschek in einem Gastbeitrag schreibt.

Business Talk: Was ein Expatriate wissen musste

Porträtfoto Isabella Matauschek

Isabella Matauschek

Isabella Matauschek ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für soziale und interkulturelle Kompetenz der Johannes Kepler Universität Linz und IFK-Research fellow.
Sie forscht dazu wie multinationale Konzerne interkulturelle Begegnungen zwischen Europa und Asien strukturieren und organisieren.

Von Isabella Matauschek

Der Business Talk von Vertretern der Niederländischen Ostindienkompanie setzte mehr als örtliche Sprachkenntnis voraus: Die gekonnte Vermittlung angewandten kulturellen Wissens über Südostasien war unverzichtbar für den wirtschaftlichen Erfolg.

Allen Definitionen zur Globalisierung ist gemeinsam, dass der Wirtschaft eine zentrale Rolle zukommt. Nun stehen wir jedoch vor der paradoxen Situation, dass in der kulturwissenschaftlichen Forschung gerade diesem zentralen Interaktionsraum keine oder nur eine sehr marginale Rolle zukommt.

Dies ist umso erstaunlicher, als ein breiter Konsens darüber besteht, dass multinationale Konzerne sowohl eine treibende Kraft hinter der zunehmenden ökonomischen Globalisierung als auch ein zentraler sozialer Raum interkultureller Begegnung sind.

Globalisierung alt und neu

Die niederländische Ostindienkompanie, gegründet 1602, steht am Beginn der Entwicklung modernen Aktiengesellschaften und wird häufig als erster multinationaler Konzern bezeichnet. Sie war das Ergebnis des Bestrebens niederländischer Händler, das portugiesische Handelsmonopol im lukrativen Gewürzhandel mit Südostasien zu brechen.

Die Ostindienkompanie war lange Zeit hindurch ein höchst profitables Unternehmen, das die finanzielle Basis und kulturelle Impulse für die wirtschaftliche und kulturelle Hochblüte des 17. Jahrhunderts, dem so genannten goldenen Zeitalter der Niederlande, lieferte.

Menschen aus ganz Europa waren für sie tätig: Die Kompanie stellte nicht nur eine Verbindung nach Asien her, sondern schuf auch einen Arbeitsmarkt, der den gesamten europäischen Kontinent mit Asien verband.

Exotische Gewürze und Handelsnetze über dem Pazifik

Vortrag zum Thema
Isabella Matauschek: Business Talk - Was ein historischer Expatriate wissen musste
Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 23. November 2009, 18.00 Uhr c.t., freier Eintritt

Die europäischen Händler wurden Teil eines pazifischen Handelsnetzwerkes, in welchem Kaufmänner aus der arabischen Halbinsel, indische, südostasiatische sowie chinesische Händler aktiv waren und Güter austauschten: Gewürze aus Südostasien, Seide und Tee aus China, Stoffe aus Indien waren unter den Waren, die in den Handelsstützpunkten Südostasiens gehandelt wurden. Es ist ein Kennzeichen dieser Proto-Globalisierung, dass sie viele Zentren hatte und die asiatischen Reiche eine große Bedeutung in diesen Netzwerken spielten.

Kulturkontakt und Sprachenlernen

Ironisch erzählt ein englischer Teilnehmer der ersten niederländischen Expedition ins maritime Südostasien davon, wie schnell die Niederländer dabei waren, sich dem Auftreten malaiischer Herrscher anzupassen: Ein Sklave trägt den Sonnenschirm über dem Herrscher. Und genau so sei auch der niederländische Leiter der Handelsexpedition seinen südostasiatischen Verhandlungspartnern gegenübergetreten – den Schirm freilich trug ein Mannschaftsmitglied.

Die Frage danach, wie Handelsbeziehungen am besten zu knüpfen und zu erhalten seien, welche Waren nachgefragt wurden, und derlei angewandtes kulturelles Wissen waren für die niederländischen Händler bei ihrem Eintritt in den lukrativen Handel mit dem maritimen Südostasien zentral: Sprachkenntnisse waren nützlich und wichtig, aber bei weitem nicht ausreichend. Nicht nur die Gewinnung von kulturellem Wissen war für sie von Bedeutung, sondern insbesondere die Vermittlung dieses Wissens nahm eine zentrale Rolle ein.

Sprachlehr-Besteller wurde Standardlehrwerk

Ein Teilnehmer der ersten beiden niederländischen Expeditionen zu den Gewürzinseln Südostasiens, Frederik de Houtman (1571-1621), verfasste ein Sprachlehr- und Wörterbuch, das Einblick darin gewährt, wie mit den Erfahrungen von kultureller Differenz umgegangen wurde und wie diese Differenzen für eine europäische Leserschaft aufbereitet wurden. Insbesonders im Vergleich mit der ebenfalls von Houtman verfassten Reisebeschreibung wird deutlich, auf welche spezifischen Erfahrungen in dem Lehrbuch Bezug genommen wird und wie diese in Dialoge zum Spracherwerb und, was vielleicht noch wichtiger war, zum Erlernen eines konstruktiven Umgangs mit fremden kulturellen Praktiken, umgewandelt wurden.

Dieses Lehrbuch von Frederik de Houtman ist jedoch keine genuine Neuschaffung; das Buch greift weitgehend auf einen Klassiker der frühen Neuzeit, das Sprachlehrwerk von Noël van Berlaimont, zurück. Dieses Buch, das anhand von Dialogen und Wörterlisten arbeitet, war in der flämischen Stadt Antwerpen im 16. Jahrhundert entstanden.

Es war ursprünglich zweisprachig, niederländisch-französisch, bis zum Ende des Jahrhunderts in unzähligen Neuauflagen erschienen und kontinuierlich auf bis zu acht Sprachen erweitert worden. Zum Zeitpunkt der ersten niederländischen Expedition nach Südostasien war dieses Lehrbuch bereits ein Klassiker und das am weitesten verbreitete Lehrbuch seiner Zeit.

Von der Erfahrung kultureller Differenz zu ihrer Tradierung mit Hilfe der Didaktik

Frederik de Houtman, der auf Sumatra gefangen genommen worden war und zwei Jahre als Geisel des Sultans von Atjeh verbracht hatte, übersetzte Teile des Wörterbuchs und fügte neue Dialoge hinzu. In diesen Dialogen erfährt der Leser unter anderem, wie man um Pfeffer handelt, welche Waren nachgefragt werden, wie man mit der Obrigkeit verhandelt und andere essentielle Informationen für den erfolgreichen Handel von Vertretern der Ostindienhandelskompanie.

Im Vergleich mit dem Werk von Berlaimont wird deutlich, auf welche Wissensbestände zurückgegriffen werden konnte. Es zeigt auch, wie bestehendes Wissen über kulturelle Differenzen an die neue Situation angepasst und damit auch verändert wurde. Während die Dialoge aus dem klassischen Berlaimont durch ihre diskursive Lebendigkeit bestechen, sind die neu eingefügten Dialoge in Houtmans Lehrbuch statischer und durch ein Frage-Antworten-Schema geprägt.

Wer kommt da am Elefanten? - wird da zum Beispiel gefragt. Das Gegenüber erklärt, um wen es sich handelt. Die soziale Realität, die in der europäischen Realität ohne explizite Erklärungen auskommt, wird im Kontakt mit der Realität im maritimen Südostasien erklärungsbedürftig: Warum geschieht das, fragt der Sprecher sein Gegenüber im selben Dialog.

Gelungene Kommunikation ...

Interessant ist auch der Vergleich des Wörterbuchs mit dem von Houtman verfassten Reisebericht. Während die Dialoge des Wörterbuchs gelungene Kommunikation in Form von Dialogen sowie Erklärungen beinhalten, ist der Reisebericht von abgebrochener Kommunikation, Missverständnissen und den sich daraus ergebenden Gefahren für das Leben des Autors geprägt. Gefahren, die der Autor den Konventionen seiner Zeit gemäß, als Prüfungen deutet, die er mit Gottes Hilfe und als Vertreter der glorreichen niederländischen Nation meistert.

Der amerikanische Anthropologe und Psychologe Gregory Bateson hat für dieses Phänomen den Begriff der komplementären Schismogenese geprägt: Die Gesprächsteilnehmer verhalten sich jeweils entsprechend ihrer kulturellen Sozialisation und im Verlauf der Kommunikationssituation kommt es zu einer Dynamik des Missverstehens, die sich gegenseitig aufschaukelt und zur Eskalation führen kann.

...und komplementäre Schismogenese

Die Handlungslogik seines Gegenübers, des Sultans von Atjeh, der sich in einem Netzwerk der Macht zwischen regionalen Herrschaftsansprüchen und europäischer Präsenz behauptet, bleiben Houtman fremd. Im Sprachlehrbuch jedoch werden die im Reisebericht ausführlich beschriebenen religiösen und kulturelle Differenzen ausgespart: es wird nüchtern beschrieben, wie die Bürokratie und Organisation, soweit es die Handelsinteressen betrifft, funktionieren.

Der Expatriate, an den sich das Sprachlehrbuch wendet, ist daran interessiert, Teil des lukrativen Handelsnetzwerkes, das den Pazifik verbindet, zu werden. Kulturelles Wissen ist ein wichtiges Handwerkszeug, um erfolgreich in diesem Netzwerk bestehen zu können. Die Lingua franca der Region, das Malaiische wurde als Verkehrs- und Handelssprache übernommen und zusammen mit der Sprache werden kulturelle Gegebenheiten vermittelt.

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