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Ausschnitt aus dem Voynich-Manuskript.

Das Voynich-Rätsel

Die geheimnisvollste Handschrift der Welt: Ein Buch, verfasst von einem unbekannten Autor, illustriert mit ebenso skurrilen wie rätselhaften Darstellungen – und in einer Sprache geschrieben, die noch kein Kryptograf entschlüsseln konnte.

"Universum" 03.12.2009

Das Voynich-Manuskript fesselt seit seiner Entdeckung vor 100 Jahren Wissenschaftler und Okkultisten gleichermaßen. Ob die Entzifferer des japanischen PURPLE-Codes, Physiker mit modernen Hochleistungscomputern oder universalgelehrte Historiker – sie alle versuchten ihr Glück. Aber bisher konnte niemand den Inhalt des Buches dechiffrieren.

Ungeklärte Herkunft

Bis heute halten viele Historiker die Handschrift für eine Fälschung, die der New Yorker Antiquariatsbuchhändler Wilfried Voynich im Jahr 1912 in Umlauf gebracht haben soll, um sie zahlungskräftigen Handschriftensammlern anzubieten. Und tatsächlich sind die Umstände der Entdeckung des Manuskripts höchst mysteriös.

In der Villa Mondragone nahe Rom soll Voynich auf eine Truhe aus dem Nachlass eines der berühmtesten Gelehrten des 17. Jahrhunderts, Athanasius Kirchner, gestoßen sein. Darin hätte sich neben weiteren Handschriften dieses außergewöhnliche Manuskript befunden. Voynich schaffte es allerdings zeitlebens nicht, die geheimnisvolle Handschrift an einen Sammler zu verkaufen.

Nach seinem Tod gelangte das Buch über einige Umwege in den Bestand der „Beinecke Rare Books Library“ der Universität Yale. Alter, Herkunft und Inhalt des Manuskripts sind bis heute unbekannt. Ebenso blieb bis vor kurzem ungeklärt, ob es sich um eine Fälschung handelt.

Spekulationen um Illustrationen

Sendungshinweis:

Die „Universum“-Dokumentation „Das Voynich-Rätsel – Die geheimnisvollste Handschrift der Welt“ von Klaus Steindl und Andreas Sulzer verfolgt am Donnerstag, dem 10. Dezember 2009, um 21.05 Uhr in in ORF 2 eine völlig neue Spur zum Autor und lüftet das Geheimnis des mysteriösen Manuskripts mit materialwissenschaftlichen Methoden.

Vor allem die zahlreichen Illustrationen in dem Buch geben seit fast einem Jahrhundert Anlass zu den abenteuerlichsten Spekulationen und erstaunlichsten Theorien. Einige erkennen darin eine mittelalterliche Alchemisten-Rezeptur für den sagenumwobenen Jungbrunnen oder den Schlüssel für den Stein der Weisen.

Andere halten es für ein Geheimdokument aus der Zeit der europäischen Religionskriege, in denen verbotenes Wissen über Optik und Astronomie verborgen wurde. Roger Bacon, der große Universalgelehrte des 13. Jahrhunderts, wäre ein vielversprechender Kandidat für die Autorenschaft. Oder auch Jacobus de Tepenec, ein Alchemist am Hof von Rudolf II., dessen Namen von der ersten Seite des Manuskripts ausgekratzt wurde und heute nur mehr unter UV-Licht zu erkennen ist.

In Frage käme auch der englischen Alchemist und notorische Schwindler Edward Kelley, der im späten 16. Jahrhundert durch halb Europa tingelte und auf vielen Höfen seine übersinnlichen Dienste anbot. Sogar der junge Leonardo da Vinci geriet ins Visier der Voynich-Forscher ebenso wie der Medizin-Pionier Paracelsus. Es existieren für jeden dieser potenziellen Urheber verblüffend plausible Indizien. Doch den endgültigen Beweis blieb jede Autorentheorie bisher schuldig.

Keine einheitliche Sprachstruktur

Besonders viele Rätsel gibt nach wie vor auch die verwendete Geheimschrift selbst auf. Beginnend mit den Experten des „Signal Intelligence Service“ der US-Armee wurde der Text seit den 1940er Jahren immer wieder mit raffinierten statistischen und kryptografischen Methoden untersucht.

Das Ergebnis: Es ist keine einheitliche sprachliche Struktur erkennbar – weder Häufigkeit, Verteilung und Abfolge der Zeichen folgen den Gesetzen europäischer Sprachsysteme. Das Schriftbild ähnelt zwar den Chiffren historischer Geheimalphabete, die ab Mitte des 15. Jahrhunderts rund um Florenz entstanden sind, scheint aber ungleich komplexere Verschlüsselungsalgorithmen zu verwenden. Allerdings sind diese erst mithilfe moderner elektronischer Methoden möglich.

Materialanalyse: Noch älter als gedacht

Doch jetzt bringt ein neuer Untersuchungsansatz Klarheit in das Dickicht von widerstreitenden Theorien und Ideen. Am Verwahrungsort des Voynich-Manuskripts, an der Universität Yale, hat man sich entschlossen, der mysteriösen Handschrift mit materialwissenschaftlichen Methoden zu Leibe zu rücken.

An mehreren Stellen von Pergament, Tinten und Farben wurden Proben entnommen, um sie auf Alter und chemische Zusammensetzung zu untersuchen. Die Untersuchung unter UV-Licht brachte außerdem mehrere ausgekratzte Löschstellen zutage.

Das Ergebnis dieser Untersuchungen stellt alles, was man bisher über das Voynich-Manuskript wusste, auf den Kopf. Jetzt ist sicher: Alle bisherigen Theorien sind falsch. Denn das Buch ist viel älter als gedacht!

ORF

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