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Sonnenuntergang

"Spekulationen, nicht Gewissheiten"

Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch ist mit dem öffentlichen Bild seiner Fachdisziplin äußerst unzufrieden: Einzelmeinungen würden oft als Konsens, Vermutungen als Tatsachen ausgegeben, kritisiert er.

Klimadebatte 14.12.2009

Ist die Klimasituation wirklich so dramatisch wie sie derzeit dargestellt wird?

Teil zwei dieses Interviews erscheint in den nächsten Tagen. Thema: Seilschaften und Kartelle in der Klimaforschung.

Hans von Storch: Ein Teil der Dramatiken ist sicher nicht gerechtfertigt und stellt Spekulationen als sichere Erkenntnisse dar. Aber: Die Klimasituation ist dennoch ernst und eine große Herausforderung. Der Kern des Wissens ist: Menschliche Emissionen von Treibhausgasen führen zu einer Erwärmung des Klimasystems, die auch unsere Lebenssituation massiv verändert, etwa durch die Veränderung der Niederschläge.

Was die Häufigkeit von Wirbelstürmen und den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, ist noch kein abschließendes Urteil möglich – auch wenn manche Leute so tun, als ob das der Fall sei.

Die Kopenhagen-Diagnose wurde kurz vor Beginn des Klimagipfels in Kopenhagen veröffentlicht. Das Dokument gibt einen aktuellen Überblick zum Stand der Klimaforschung aus Sicht von 26 Wissenschaftlern.

Denken Sie etwa an die so genannte Kopenhagen-Diagnose. Das ist ein Beispiel dafür, dass Einzelmeinungen als Konsens der Forschergemeinde ausgegeben werden.

Was kritisieren Sie daran konkret?

Der mögliche Anstieg des Meeresspiegels ist schon sehr einseitig dargestellt.

Sind die ein bis zwei Meter, die vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung angegeben wurden, zu hoch gegriffen?

Sie sind vor allem methodisch obskur. Die Seriosität wissenschaftlicher Aussagen lebt davon, dass die Methoden in Ordnung sind.

Klimaforscher Hans von Storch

KlimaCampus, Aussenhofer

Hans von Storch ist Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg und leitet das Institut für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht.
Gemeinsam mit vier weiteren Kollegen betreibt er das Weblog "Die Klimazwiebel".

Warum sind die Methoden aus ihrer Sicht problematisch?

Man hat von der global gemittelten Temperatur direkt auf das Meeresniveau geschlossen. Dieser Zusammenhang gilt nicht einmal in einer vereinfachten Klimamodellwelt.

Sie bestreiten, dass ein Temperaturplus zu einem Meeresspiegelanstieg führt?

Nein, aber der Zusammenhang ist nicht so einfach und das Resultat von zwei Metern halte ich für problematisch. Das sind interessante Spekulationen, aber man sollte sie nicht als Gewissheit hinausposaunen.

Seit zehn Jahren stagniert die globale Mitteltemperatur. Kann man das mit den gängigen Modellen erklären?

Der Verlauf der Temperatur setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Zum einen der Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre. Ihre Konzentration bestimmt direkt die Temperatur. Zum zweiten gibt es auch zufällige Schwankungen, da gehören El Nino/Southern Oscillation dazu. Das sind Variationen, die wir als Rauch ohne Feuer bezeichnen müssen.

Bei manchen Schwankungen kann man eben nicht sagen, wo das herkommt. Sie können die Erwärmung durch die Treibhausgase überlagern und, wie Modelle zeigen, sogar zu einer kurzfristigen Netto-Abkühlung führen. Die gegenwärtige Stagnation ist daher nichts Ungewöhnliches.

Der US-Klimaforscher und IPCC-Autor Kevin Trenberth schrieb kürzlich in einer Email: „Wir können die ausbleibende Erwärmung nicht erklären. Und es ist ein Hohn, dass wir es nicht können.“
Warum, wenn diese Schwankungen ganz normal sind?

„The fact is that we can’t account for the lack of warming at the moment and it is a travesty that we can’t.“

Email von Kevin Trenberth am 12. Oktober 2009 an Michael Mann, Philip D. Jones und andere Kollegen.

Weil er versucht hat, die Stagnation aus externen Faktoren herzuleiten.

Also aus dem zufälligen Systemrauschen eine Kausalität herstellen wollte?

Genau. Es wäre natürlich befriedigend zu sagen: Es liegt z.B. nur an der Sonne. Aber sie ist nicht alleine für die Stagnation verantwortlich.

Die Sache hat auch eine Diskussion um folgende Frage ausgelöst: Wie lange müsste so eine Stagnation dauern, sodass wir an der Theorie des menschgemachten Klimawandel zu zweifeln begännen?

Solche Vorhersagen inklusive Widerlegungsmöglichkeit unserer Theorien fehlten bislang, nun entstehen erstmals Modelle, die das leisten könnten. Ich bin übrigens völlig überzeugt, dass die Klimawandeltheorie nicht widerlegt wird.

Welche Rolle spielen hier die Medien?

Leider wurde immer wieder ein Bild erzeugt, das den Klimawandel als stetigen Vorgang darstellt. Der Rekordsommer 2003 wurde zum Beispiel als Beleg dafür angeführt, dass der Klimawandel nun spürbar sei. Aber ein kalter Winter könnte in dieser Logik natürlich als Beleg für das Gegenteil herangezogen werden – und wird es unerfreulicherweise auch.

Das ist die Gefahr des „Oversellings“, des Überverkaufens: Die übertriebene Vereinfachung führt zu Widersprüchen und lässt die Angelegenheit problematisch erscheinen, obwohl sie es gar nicht ist.

Vom neunten bis 14. Jahrhundert herrschte vor allem in Europa ein ungewöhnlich mildes Klima. Kann man diese Warmzeit erklären?

Es gibt zwar eine Reihe von Hypothesen dazu, aber ich habe das Phänomen nicht wirklich verstanden und habe daher keine befriedigende Antwort dazu.

Könnte der Temperaturanstieg seit der industriellen Revolution genau so ein Phänomen sein?

Im Prinzip ja, aber der Unterschied ist, dass sich die Temperaturen in historischen Zeiten nie so schnell geändert haben – glauben wir jedenfalls. Den raschen Anstieg in der jüngeren Vergangenheit können wir eben nur mit dem Faktor Treibhausgase erklären.

Der historische Temperaturverlauf wurde im berühmten „Hockeystick“ dargestellt. Ist er nun tot oder nicht?

Als Hockeystick bzw. Hockeyschläger bezeichnen Klimaforscher ein Diagramm, das die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur während der letzten 1.000 Jahre beschreibt. Der Name leitet sich von der charakteristischen Form der Temperaturkurve ab, die seit 1900 rapide ansteigt. Zumindest die Erstversion dieser Darstellung wurde innerhalb der Forschergemeinde stark kritisiert.

Nein, er ist nicht tot. In der Wissenschaft wird er jetzt gehandelt als ein Vorschlag unter mehreren, der weiterhin diskutiert wird. Es gab einige Vorbehalte ...

Welche?

Der Hockeystick besteht aus zwei Teilen, aus einem „Griff“ und einem „Schläger“. Die stärkste Kritik betrifft den „Griff“: Er ist unnatürlich glatt, da sollte es viel mehr Variation geben.

Ein stärkeres Auf und Ab, aber das Temperaturniveau bliebe das gleiche.

Das ist eben die Frage. Bei stärkerer Variation könnte die mittelalterliche Warmzeit auch wärmer gewesen sein, als es der Hockeystick beschreibt. Ich weiß es nicht.

Interview: Robert Czepel

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