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Klimamessungen im ewigen Eis.

"Da hat sich ein Kartell gebildet"

Hinter den Kulissen der Klimaforschung tobt ein Kampf um die Deutungshoheit dieser Disziplin. Der deutsche Meteorologe Hans von Storch berichtet von Ränkeschmieden, hintertriebenen Studien und unter Verschluss gehaltenen Messdaten.

Klimadebatte 18.12.2009

Vorgeschichte: Der CRU-Hack

Kurz vor Beginn der Klimakonferenz in Kopenhagen drangen Hacker in das Netzwerk des renommierten Climate Research Unit an der University of East Anglia ein, stahlen tausende E-Mails und andere Dokumente und stellten sie kurz darauf ins Internet. Einige E-Mails wurden daraufhin auf klimaskeptischen Websites als „Beweis“ dafür zitiert, dass der Klimawandel eine Erfindung sinistrer Mächte sei. Mittlerweile befasst sich die Polizei mit dem Vorfall, hinter dem britische Medien gar den russischen Geheimdienst vermuten. Für die Dauer der Untersuchung ist der Direktor des CRU, Phil Jones, zurückgetreten.

Ringen um Bedeutungen

Die Bezeichnungen des Datenklaus zeigen, wie verschiedene Interessensgruppen um mediale Konnotationen kämpfen. Unter Klimaskeptikern hat sich der Begriff „Climategate“ eingebürgert - damit suggerierend, die Veröffentlichung habe Fälschungen und Verschwörungen ans Licht gebracht.

Die Zeitschrift „New Scientist“ bezeichnete den CRU-Hack jüngst als „Deniergate“ und hatte damit das Gegenteil im Sinn, nämlich die Affäre als gescheiterten Desavouierungsversuch durch Lobbyisten und „climate change deniers“ darzustellen. Was den eigentlichen Kern der Sache – den anthropogenen Klimawandel – betrifft, hat der CRU-Hack wohl zu keinem Meinungsumschwung, aber zu einer Kontrastverschärfung geführt.

Jene, die am menschlichen Einfluss auf das Klima gezweifelt haben, sehen sich in ihrer Haltung nun bestärkt. Jene, die den Einfluss als Faktum ansehen, darunter die große Mehrheit der Wissenschaftler, verweisen weiterhin auf die deutliche Sprache aller Studien zum Thema.

"Wir müssen die Schotten aufmachen"

Anlass zur wissenschaftsinternen Kritik gibt der Vorfall dennoch: Die Klimatologin Judith Curry vom California Institute of Technology äußerte nach Lektüre der E-Mails ihre Besorgnis wegen wissenschaftlicher Seilschaften und deren offensiver Methoden, um kritische Stimmen verstummen zu lassen. Eine ähnliche Position bezieht Hans von Storch – siehe folgendes Interview.

Zu Teil eins deses Interviews:
"Spekulationen, nicht Gewissheiten"

Sie waren im Autorenteam des dritten IPCC-Berichts, haben aber die Mitarbeit an Bericht Nummer vier abgelehnt. Warum?

Hans von Storch: Beim dritten Sachstandbericht war ich für regionales Klima zuständig, beim vierten wurde ich nur eingeladen, als Review-Autor mitzuarbeiten. Also als jemand, der nachsieht, ob Einwände ordnungsgemäß bearbeitet worden sind. Dazu hatte ich keine Lust. Außerdem dachte ich: Wenn ich nicht dabei bin, kann ich mich unabhängig dazu äußern.

Stichwort CRU-Hack: Wie beurteilen Sie diesen Vorfall?

Klimaforscher Hans von Storch

KlimaCampus, Aussenhofer

Hans von Storch ist Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg und leitet das Institut für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht.
Gemeinsam mit vier weiteren Kollegen betreibt er das Weblog "Die Klimazwiebel".

Die E-Mails zeigen, dass sich unter einflussreichen IPCC-Autoren ein Kartell gebildet hat. Thematisch betrifft das vor allem den „Hockeystick“, also die historische Rekonstruktion der Temperaturen aus Baumringen und anderen Daten.

Man hat versucht, missliebige Publikationen zu hintertreiben oder bereits erfolgte Publikationen aus dem IPCC-Prozess herauszuhalten - das war sicher nicht der Arbeitsauftrag der IPCC-Leitautoren. Man hat auch die Bildung von Konkurrenz verhindert: Ich bin selbst Opfer davon. Eine E-Mail beschreibt, wie ein Akteur den Gutachter einer meiner Studien negativ beeinflussen wollte. Und zweitens hat man systematisch verhindert, dass die eigenen Daten an unabhängige Prüfer gehen.

Ihr Institutskollege Eduardo Zorita hat auf seiner Website gefordert, Phil Jones, Michael Mann und Stefan Rahmstorf sollten aus dem IPCC-Prozess ausgeschlossen werden.

Auch ich habe Mike Mann und Phil Jones empfohlen, von sich aus nicht mehr mitzuwirken, weil der Imageschaden für die Klimaforschung beträchtlich ist. Unabhängig davon, ob nun alle Vorwürfe zutreffen oder nicht.

Und Rahmstorf?

Ich nehme an, dass Eduardo Zorita das aufgrund von Vorfällen gesagt hat, die nicht unmittelbar mit den E-Mails des CRU zu tun haben.

Sie kritisieren die Zurückhaltung von Daten. Wie lange sollte man abwarten dürfen, bis man die eigenen Daten herausgibt?

Man muss den Knochen natürlich zunächst selbst abnagen dürfen. Und in Ruhe publizieren sollte man auch können. Aber nach einiger Zeit, insbesondere wenn es so wichtige Daten sind, muss man eben eine Überprüfung durch Dritte erlauben. Es gibt keine Regel, wie lange das dauern darf.

Wie lange wurden die Daten unter Verschluss gehalten?

Seit den 80ern. Es sind zwar bearbeitete Daten zugänglich, aber wir brauchen die Rohdaten. Man muss das ja überprüfen können.

Welche Art von Daten betrifft das?

Thermometermessungen. Der vorhin erwähnte Vorwurf der Meinungsdominanz bezieht sich übrigens auf andere, nämlich auf Proxy-Daten (wie etwa Baumringe, die Temperaturen nur indirekt anzeigen, Anm.).

I've just completed Mike's Nature trick of adding in the real temps to each series for the last 20 years (ie, from 1981 onwards) and from 1961 for Keith's to hide the decline.

E-Mail von Phil Jones an Michael Mann, Raymond Bradley und Malcolm Hughes, 16.11.1999

Die Diskrepanz zwischen Baum- und Thermometerdaten seit den 60ern wurde von Klimaforschern allerdings nie verschwiegen. Unter dem Begriff „divergence problem“ wird das Phänomen schon länger diskutiert (z.B. in dieser Studie).

Im Zusammenhang mit Baumringen war in einer E-Mail von einem „Trick“ die Rede. Worum geht es da?

Es geht darum, dass man Baumringe an Thermometerdaten gewissermaßen eicht, um dann in früheren Perioden, für die nur Baumdaten vorhanden sind, auf die Temperaturen schließen zu können. Das Problem ist aber: Seit den 60er Jahren passen die Baum- und Thermometerdaten nicht mehr zusammen. Erstere weisen sogar auf eine Abnahme der Temperatur hin. Das ist der „decline“ in der entsprechenden E-Mail.

Setzt sich die Diskrepanz bis heute fort?

Soweit ich weiß, ja. Das macht einen schon ein bisschen nervös. Es gibt zwar ein paar Erklärungen dafür. Beispielsweise geht man davon aus, dass der höhere CO2-Gehalt in der Atmosphäre das Baumwachstum verändert hat und daher der Zusammenhang nicht mehr gilt.
Aber man könnte natürlich fragen: Ist das vielleicht schon einmal früher passiert? Der „Trick“ spielt eine Unsicherheit herunter. Das hat den Ruf der Klimaforschung beschädigt.

Andererseits muss man zugeben, dass so eine Beschädigung auch gewissen Interessen dient.

Ja, natürlich. Das ganze Geschäft ist postnormal, es dient in allen Ausfertigungen Interessen. Aber es ist nicht so, dass es nur das Interesse von Exxon gäbe. Auch Greenpeace und Versicherungsgesellschaften verfolgen Interessen.

Würden sie einer Studie vertrauen, die den Zusammenhang von Rauchen und Krebs untersucht - und von einem Tabakkonzern gesponsert wurde?

Ich hätte durchaus meine Vorbehalte. Aber ich hätte auch meine Vorbehalte bei Institutionen, die das Rauchen von vornherein einschränken wollen.

Nur an der Front der Klimawandelleugner passieren schon sehr schrille Dinge.

Durchaus. Auch auf der anderen Seite, die Klima-Alarmisten sind von ähnlicher Sorte. Ein Beispiel dafür in Österreich ist Helga Kromp-Kolb.

Ist das nicht ungerecht? Denn was sie sagen, setzt voraus, dass es eine Symmetrie zwischen „alarmistischer“ Wissenschaft und der Leugnung des Klimawandels gibt. Da besteht doch ein methodischer Unterschied.

Da gibt es schon eine gewisse Symmetrie in der Art der Auswahl von Thesen, in der zweckbezogenen und summarsichen Darstellung. Für mich sind Alarmisten und Skeptiker schon weitgehend Geschwister, wenngleich feindliche.

In ihrem Weblog schreibt auch der Sozialwissenschaftler Reiner Grundmann, der in einem Beitrag die „climate change denial industry“ verteidigt hat. Ich fand das, bei aller kritischen Distanz zum Mainstream, etwas befremdlich. Muss man nicht aufpassen, mit wem man sich argumentativ ins Bett legt?

Da haben sie schon recht, das muss man. Wir betreiben das Weblog erst seit kurzem und betrachten das zunächst als Diskussionsforum, in dem wir jede Meinung zulassen. Wir wollen in der Anfangsphase nicht zu restriktiv sein, sonst käme die Debatte womöglich nicht in Gang. Ich möchte aber das, was Reiner Grundmann schreibt, inhaltlich nicht kommentieren.

Was sollte passieren, um das beschädigte Image der Klimaforschung zu restaurieren?

Die Forscher müssen zunächst begreifen, dass es so ist. Es sollte sich keine Wagenburgmentalität bilden. Ich fahre im Januar zu einer Tagung in die USA. Im Vorfeld wurde vorgeschlagen, mich wegen Nestbeschmutzung auszuschließen. Es ist natürlich nicht passiert - aber immerhin.

Auch in praktischer Hinsicht kann man einiges machen. Das neue deutsche Climate Service Center könnte die vorhandenen Thermometerdaten neu bewerten. Etwa, indem man ein Komitee bildet, in dem auch Klimaskeptiker sitzen. Das Komitee soll zwar die Bewertung nicht selbst machen, aber ein Protokoll festsetzen, wie das zu geschehen habe. Wir müssen die Schotten aufmachen.

Interview: Robert Czepel

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