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Der Turmbau zu Babel (1563).

Statistik entlarvt Fälscher

Laut einer aktuellen Studie blicken Kunstfälscher schweren Zeiten entgegen: Drei US-Mathematiker haben eine Art statistisches Echtheitszertifikat für Pieter Brueghel den Älteren entwickelt - andere Maler könnten folgen.

Kunst 05.01.2010

Die totale Quantifizierung

"Alles messen, was messbar ist, und messbar machen, was noch nicht messbar ist!" Die einst von Galileo Galilei ausgegebene Maxime hat sich als erfolgreich erwiesen - so erfolgreich, dass sie auch außerhalb ihres ursprünglich zugedachten Wirkungsbereiches angewandt wurde. So entstanden durchaus kurios klingende Disziplinen, wie etwa die Logometrie (die Erfassung sprachlicher Fähigkeiten), die Szientometrie (die Messung von Zitaten in Fachliteratur) und die Stilometrie (die Vermessung künstlerischer Charakteristika).

Letztere hat in der Sprach- und Literaturwissenschaft eine relativ lange Tradition, neuerdings wird sie auch in der bildenden Kunst eingesetzt. Das hat durchaus praktische Gründe: Ein echtes Kunstwerk von einer Fälschung unterscheiden zu können, ist im Kunstbetrieb von zentraler Bedeutung. Bislang ging das nur durch die Expertise von Kunsthistorikern, in einigen Fällen haben diesen Job nun Stilstatistiker übernommen.

Praxistest bei Pollock

So etwa bei Jackson Pollock, dem Begründer des Action Paintings: Vor einige Jahren wurden im Nachlass eines mit Pollock befreundeten Ehepaars 32 Bilder gefunden, die das Kürzel "JP" trugen und auch sonst wie echte Pollocks aussahen. Die Frage, ob echt oder nicht, blieb längere Zeit unentschieden, bis sich ein australischer Physiker der Sache annahm und die abstrakten Werke geometrisch untersuchte. Er schloss: Bei den Fundstücken müsse sich um 32 Imitate handeln, die echten Pollock'schen Tröpfchenbilder hätten einen anderen fraktalen Fingerabdruck.

Brueghels Stil in Zahlen

Nun könnte man meinen, derlei Methoden seien auf die abstrakte Malerei beschränkt. Drei US-Mathematiker zeigen nun jedoch: Selbst in der realistischen Renaissance-Malerei liegen Muster verborgen, mit denen man den Stil eines Künstlers zu Maßzahlen eindampfen kann.

Daniel Rockmore und seine Kollegen vom Dartmouth College, New Hampshire, haben acht Werke von Pieter Brueghel dem Älteren mit fünf Bildern verglichen, die laut Auskunft von Kunsthistorikern eindeutig als Imitate anzusehen sind. Eine Ansicht, die sich auch in den statistischen Analysen von Rockmore und Co. wiederfindet: Laut Studie weisen die authentischen Brueghels eine statistische Signatur auf, die sie klar von den anderen, unechten Bildern unterscheidet.

Statistiken im Hirn?

Die von den US-Mathematikern angewandte Methode namens sparse coding stammt übrigens aus der Sehforschung. Sie klassifiziert Bilder mit Hilfe eines Bündels von Funktionen, die einzelne grafische Aspekte beschreiben, aus denen sich wiederum global gültige, im Fall von Malerei: "stilistische" Größen destillieren lassen.

Manche Forscher sind der Meinung, bei der Methode handle es sich nicht nur um eine praktische Statistik, sondern auch um eine recht gute Beschreibung dessen, was im Gehirn vor sich geht, wenn wir Bilder betrachten. Sollte das stimmen, hätten auch Kunsthistoriker bei Werkanalysen immer schon statistisch gearbeitet - wenn auch ohne etwas davon zu merken.

Robert Czepel, science.ORF.at

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