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Ein Mädchen wird geimpft

Schmetterlingszellen liefern Impfstoff schneller

In Westeuropa geht die Anzahl der Schweinegrippe-Patienten zurück. Frankreich hat gerade 50 Millionen Dosen Impfstoff abbestellt. In anderen Erdregionen steigt die Zahl der Krankheitsfälle aber weiter. Wiener Forscher haben nun eine Methode angewendet, mit der sich Impfstoffe schneller produzieren lassen: Basis sind Zellen von Schmetterlingen.

Schweinegrippe 06.01.2010

War zwischen der Isolierung des H1N1-Virus und dem ersten Einsatz eines Vakzins fast ein halbes Jahr vergangen, könnte man mit der Methode bereits in rund vier Monaten einsatzbereit sein, erklärt Florian Krammer im science.ORF.at-Gespräch. Gemeinsam mit Kollegen hat der Biotechnologe von der Universität für Bodenkultur in Wien soeben eine entsprechende Studie veröffentlicht.

Geschwindigkeit ist Trumpf

Mittlerweile ist die Schweinegrippe aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zum Jahreswechsel erklärt, dass weltweit rund 12.000 Menschen an den Folgen einer Influenza A/H1N1-Viruserkrankung gestorben sind. Das ist deutlich weniger, als in den ursprünglichen Szenarien befürchtet wurde - kann aber auch als Erfolg der Maßnahmen interpretiert werden, die gegen die Pandemie ergriffen worden sind.

WHO: Bisher 12.000 Schweinegrippe-Tote
Mehr als 12.000 Menschen sind bisher weltweit an der Schweinegrippe gestorben. Diese Zahl beinhalte nur die gemeldeten laborbestätigten Fälle, die tatsächliche liege weitaus höher, teilte die Weltgesundheitsorganisation zu Jahresbeginn mit. In Europa wurden 2.422 Todesfälle registriert. Derzeit grassiere die Infektion vor allem in Mittel- und Osteuropa. In Westeuropa und Amerika gehe die Zahl der Infektionen derzeit zurück.

Eine davon betraf die möglichst schnelle Entwicklung von Impfstoffen. Knapp ein halbes Jahr hat es gedauert, bis etwa in der Europäischen Union drei Vakzine entwickelt und zugelassen wurden. Die Nachfrage danach ist zwar geringer als angenommen, sodass die französische Regierung diese Woche bekanntgab, 50 Millionen Dosen abzubestellen. Die schnelle Produktionszeit ist aber ein gutes Zeichen für die Zukunft, in der mutierte Viren aller Art zu einer noch größeren Bedrohung werden könnten.

Virus-ähnliche Partikel in Insektenzellen

Üblicherweise werden Influenza-Impfstoffe in bebrüteten Hühnereiern hergestellt. Fachleute schätzen, dass weltweit pro Jahr 300 Millionen Eier dafür zur Verfügung stehen: Da die Faustregel "Pro Ei ein Impfstoff" gilt, ist das auch das Maximum der jährlichen Produktionskapazität. Mit der nun erstmals mit dem Schweinegrippe-Virus angewendeten Methode der Forschergruppe um Florian Krammer könnten Entwicklungsgeschwindigkeit und Menge der Vakzine erhöht werden.

Zwei Merkmale stehen dabei im Vordergrund: Zum einen werden virus-ähnliche Partikel (VLPs) verwendet. Diese VLPs haben die äußere Struktur von Grippepartikeln, ihnen fehlt jedoch die gesamte genetische Information, wodurch sie sich nicht vermehren können.

Zum anderen werden die VLPs nicht in Eiern hergestellt, sondern in Zellen bestimmter Insekten. Sie stammten von zwei Arten von Nachtfaltern. Der Produktionsprozess ist dadurch weit schneller als mit Eiern, erklärt Florian Krammer: "Wir konnten die erste Charge unserer H1N1-VLPs für immunologische Tests in Mäusen innerhalb von zehn Wochen herstellen."

Theoretisch in vier Monaten auf dem Markt

Rechnet man noch die notwendige Zeit für klinische Tests am Menschen und das Zulassungsverfahren dazu, könnte ein mit dieser Methode produzierter Impfstoff innerhalb von rund vier Monaten auf den Markt kommen.

"Weiters lassen sich mit unserem Verfahren viele Nachteile von herkömmlichen Influenza-Impfstoffen, wie etwa limitierte Produktionsmengen, allergische Reaktionen der Impflinge gegen Hühnereiweiß, Ausbeuteprobleme und schlechtes Wachstum vieler Virusisolate und Kontaminationen vermeiden", so Krammer.

science.ORF.at

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