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Juanita Lascarro als "Poppea" am Montag, 18. Jänner 2010, während einer Fotoprobe zu "L'incoronazione di Poppea" im Theater an der Wien

Erbauliches macht uns hilfsbereiter

Wenn wir ein besonders schönes Kunsterlebnis genießen oder andere beobachten, wie sie sich freuen und Gutes tun, dann "geht uns das Herz auf", wie es sprichwörtlich heißt. Dass wir dabei auch hilfsbereiter und altruistischer werden, hat nun eine Studie von Psychologinnen gezeigt.

Psychologie 05.02.2010

Wie wir andere in unser Glück mit einbeziehen, haben Simone Schnall von der Universität Cambridge und Kolleginnen untersucht.

Licht ins Dunkel unserer Gefühle

Die entsprechende Studie "Elevation Leads to Altruistic Behavior" ist in "Psychological Science" erschienen (sobald online).

Dass uns virtuose Kunsteindrücke - seien sie im Konzertsaal, im Museum oder im Kino entstanden - rühren und bewegen können, kennt vermutlich jeder und jede. Ein psychologischer Mechanismus, der besonders gut funktioniert, wenn er mit einem "Hilfsaspekt" verknüpft ist - man denke etwa an die Benefizveranstaltungen zum jüngsten Erdbeben in Haiti oder an Aktionstage für "Licht ins Dunkel".

Die Millionen an Spendengeldern haben nicht nur mit unserer allgemeinen Fähigkeit zu Empathie und Mitleid zu tun, sondern auch mit dem Gefühl der Erbauung, das wir beim Betrachten guter Taten und virtuoser Handlungen verspüren. Empirisch untersucht wurde dieses Phänomen bereits einige Male: So haben Psychologen u.a. in einer Studie beschrieben, dass sich stillende Mütter nach dem Betrachten erbaulicher Videos stärker um ihre Kinder kümmern als andere. Offenbar führen die erbaulichen Bilder bei ihnen zu einer höheren Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin.

Oprah Winfrey gegen David Attenborough

Ob sich derartiges aber auch direkt in altruistische Hilfe gegenüber Fremden übersetzen lässt, war empirisch bisher nicht überprüft, schreiben Simone Schnall und Kolleginnen. In zwei Studien haben sie eben dies nun nachgeholt.

Da die Studienleiterin eine Frau war, die männliche "Charme-Hilfe" vermeiden wollte, wählte sie als Probanden ausschließlich Frauen. Knapp 60 von ihnen hatten sich in einem ersten Schritt einen von zwei Videoclips anzusehen. Dabei handelte es sich um einen Ausschnitt aus der in den USA sehr populären Oprah Winfrey Show, in der sich Musiker bei ihren Mentoren bedankten (das "Erbauungsvideo"), bzw. eine Sequenz aus einem Naturfilm von Sir David Attenborough (die "Kontrollgruppe").

Mehr Hilfsbereitschaft: Theoretisch ...

Den Versuchsteilnehmerinnen wurde danach ein Fragebogen gegeben, mit dem sie eine Reihe ihrer Gefühle beschreiben sollten. Wenig verwunderlich zeigten sich jene mit dem Erbauungsvideo "bewegter", "hilfsfreudiger" und insgesamt "optimistischer gegenüber der Menschheit".

In der Folge wurden die Probandinnen gebeten, das Gesehene schriftlich zusammenzufassen. Zum Schluss bekamen sie die zuvor vereinbarte Aufwandsentschädigung von drei britischen Pfund mitsamt der Frage, ob sie an einem weiteren, diesmal unbezahlten, Experiment teilnehmen wollen. Dazu zeigten sich weit mehr der Erbauten bereit als jene der Kontrollgruppe - für die Psychologinnen ein erster Hinweis auf die verändernde Macht der erbaulichen Gefühle.

Fawlty Towers

Die vermutlich beste Folge der BBC-Serie aus dem Jahr 1975: "The Germans".

Nun ist es das eine, altruistisches Verhalten von sich zu behaupten. Das andere ist, es auch wirklich an den Tag zu legen. Deshalb haben die Forscherinnen eine zweite Studie durchgeführt, die genau das untersucht hat.

Dabei wurden die Probanden - wieder ausschließlich Frauen - in drei Gruppen eingeteilt: Zwei sahen die aus der ersten Studie bekannten Videos, eine dritte Gruppe einen Ausschnitt aus der überaus amüsanten TV-Serie "Fawlty Towers".

... und auch praktisch

Nachdem die Probandinnen wieder ihren Gemütszustand selbst beschrieben hatten, gab die Versuchsleiterin vor, ein Problem mit ihrem Computer zu haben, weshalb sie den weiteren Verlauf des Experiments abbrechen müsse. Den Teilnehmerinnen erklärte sie, dass sie nach Hause gehen könnten, das vereinbarte Honorar aber dennoch bekämen.

Mit einer Art Columbo-Trick ("Eine Frage hätte ich noch") fragte die Studienleiterin knapp vor Verlassen der Probandinnen, ob sie noch Zeit hätten, an einem anderen Experiment teilzunehmen. Dabei ginge es um das unbezahlte Ausfüllen eines ziemlich langen und "langweiligen", wie sie betonte, Fragebogens. Falls ihnen derselbe zu viel werden würde, könnten sie ihn zu jeder Zeit verlassen, fügte sie hinzu.

Der Fragebogen entpuppte sich für die Probandinnen als - tatsächlich langweilige - Aneinanderreihung von Mathematikaufgaben. Bei der Bereitschaft, diesen dennoch auszufüllen, zeigten sich gravierende Unterschiede. Während die Mitglieder der Kontroll- und der Spaßgruppe (Fawlty Towers) rund 20 Minuten für das Ausfüllen des Fragebogens erübrigten, waren es bei den Erbauten über 40 Minuten. Sie waren also doppelt so hilfsbereit wie ihre Kolleginnen, manche verbrachten mehr als die ursprünglich anberaumte Zeit von einer Stunde im Experimentierraum.

Nicht bloß eine "gute Stimmung"

Damit, so schreiben die Psychologinnen um Simone Schnall, sei bewiesen, dass erbauliche Erfahrungen unseren Altruismus nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch beflügeln. Erbauung sei ein eigenständiges Gefühl, dass sich von der einfachen "guten Stimmung" unterscheide und unser Verhalten positiv beeinflussen kann. Und auch wenn sie das aus methodischen Gründen nicht untersucht haben, gelte dies vermutlich auch für Männer.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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