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Bauer auf einem Stück kargen Land

Freier Markt führte in Afrika zu Hunger

Die Liberalisierung des Handels hat trotz bester Absichten in einigen afrikanischen Staaten mehr Schaden als Nutzen gebracht. Laut einer neuen Studie führte der freie Markt zu einem Rückgang der Nahrungsmittelproduktion sowie zu mehr Armut und Hunger.

Welternährung 16.02.2010

Arme und abhängige Staaten

Die Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel sind zu Beginn dieses Jahrzehnts rasant gestiegen. 2008 gipfelte dieser Anstieg in einer Welternährungskrise. Weltweit kam es in Regionen, in denen Menschen den größten Teil ihres Einkommens für Essen ausgeben müssen, zu Unruhen, besonders betroffen waren unter anderem einige Staaten Westafrikas.

Viele davon waren in den letzten drei Jahrzehnten zunehmend abhängig von Importen geworden. Billiger Reis aus Südostasien, wo die Produktion in den 1970er Jahren stark industrialisiert wurde, sowie subventionierte Produkte aus Amerika und Europa hatten den Weltmarkt überschwemmt. Der Preis war daher bis zur Jahrtausendwende relativ niedrig und stabil.

Erst als im Jahr 2008 die Preise explodierten - der Reispreis war innerhalb eines Jahres um ganze 100 Prozent gestiegen - wurde sichtbar, welch fatalen Abhängigkeiten hier entstanden waren. Viele auf Import angewiesene Staaten sahen sich plötzlich mit Lebensmittelknappheit, Hunger und in der Folge politischen Krisen konfrontiert.

Marktreformen für ein besseres Leben

Wie es soweit kommen konnte, dass einzelne Staaten derartig bedürftig und abhängig geworden sind, haben die US-Forscher rund um William G. Moseley vom Macalester College in ihrer Studie nun näher untersucht.

Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences": "Neoliberal policy, rural livelihood, and urban food security in West Africa: A comparative study of the Gambia, Côte 'Ivoire, and Mali" (sobald online) von William G. Moseley et al.

Exemplarisch haben sie dafür die wirtschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Gambia, der Elfenbeinküste und von Mali analysiert. In allen Ländern gab es Mitte der 1980er Jahre größere Marktreformen. Die Märkte sollten liberaler und offener werden, die Staaten sollten ein modernes marktorientiertes Wirtschaftsmodell nach westlichem Vorbild erhalten.

Neue Ernährungsgewohnheiten

Die Ernährungsgewohnheiten haben sich in diesen Teilen Westafrikas im Lauf der letzten vier Jahrzehnten ziemlich verschoben. Der Bedarf nach Reis ist deutlich gestiegen, mehr und mehr hat er andere grobkörnige Getreidesorten wie Hirse oder Mais verdrängt. Vor allem Städter, die seine zeitsparende und einfache Zubereitung bevorzugen, haben diese Entwicklung beschleunigt.

In Gambia wie in der Elfenbeinküste ist es laut den Studienautoren zunehmend unmöglich geworden, den wachsenden Bedarf aus eigenem Anbau zu decken. Bemühungen zum Ausbau scheiterten an technologischen, aber auch an kulturellen Rahmenbedingungen.

Erzwungen Strukturreformen

Dazu kamen die wirtschaftlichen Reformen in den 1980er Jahren. Der Internationale Währungsfonds hatte damals Strukturanpassungsprogramme an die Vergabe von Krediten geknüpft.

In Gambia wurden daraufhin staatliche Unterstützungen für den heimischen Reisanbau und Düngemittel gestrichen, die halbstaatliche Dachorganisation für den Handel mit Reis aufgelassen und schützende Zollbarrieren abgeschafft. Importe wurden dadurch billiger und verdoppelten sich innerhalb von zehn Jahren. Der wenige Reis, der heute noch im Land produziert wird, bleibt laut den Forschern in der Region, in der er wächst.

"Plötzlich mussten die Menschen mit den effizientesten landwirtschaftlichen Systemen der Welt in Konkurrenz treten", so der Koautor Laurence Becker von der University of Oregon. "Viele gaben die Landwirtschaft einfach auf." Die Arbeitslosigkeit stieg, die Produktion eigener Nahrungsmittel ging hingegen stark zurück.

Abwanderung in die Städte

So sei ein zweigeteiltes Gambia entstanden: auf der einen Seite die wachsende Stadtbevölkerung, die auf den billigen Importreis angewiesen ist; auf der anderen Seite die ländlichen Regionen in Landesinneren, die maximal ihren eigenen Bedarf decken können.

Ein recht ähnliches Bild zeichnen die Forscher von der Lage in der Elfenbeinküste, obwohl der Staat in den 1970er Jahren wirtschaftlich fast unabhängig gewesen war. Auch hier ging die Liberalisierung demnach im Großen und Ganzen nach hinten los.

Selbstversorgung als Ausweg?

Nur in Mali stellt sich die Situation laut den Autoren etwas anders dar. Ein Grund sind die anderen Essgewohnheiten; die Bevölkerung ernährt sich hier noch immer zu 85 Prozent von Hirse und Mais. Der auch hier vor allem von der Stadtbevölkerung bevorzugte Reis macht nur 15 Prozent aus, 80 Prozent davon werden noch heute im Land produziert. Die Welternährungskrise 2008 habe Mali zwar auch getroffen, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß wie andere Staaten.

Die Forscher haben dafür verschiedene Erklärungen: eine robustere inländische Produktion von Getreide, eine - dank ausreichender Regenfälle - Rekordernte im Jahr 2008, und eine wachsende Produktion von grobkörnigem Getreide auf Anbauflächen, die aufgrund des Exportrückgangs von Baumwolle frei geworden sind. Dazu kommt eine vergleichsweise gute Infrastruktur mit einem ausgebauten Transportsystem. Auch hätten es seine Binnenlage und politische Entscheidungen unabhängiger von Importen gemacht.

Unterstützung der Bauern

Eine vor allem privatwirtschaftliche Struktur hat laut den Studienautoren in vielen Ländern Afrikas nur funktioniert, solange Nahrungsmittel - vor allem Reis - billig waren. Aus heutiger Sicht seien die Reformen aber zum Teil kontraproduktiv gewesen. Sie hätten zu hoher Arbeitslosigkeit und einer Auflösung der eigenen Nahrungsmittelproduktion geführt. Staatliche Maßnahmen hätten zudem den ländlichen Bereich völlig vernachlässigt.

Es gebe aber auch mögliche Auswege aus der misslichen Lage: Der Anbau und die Vielfalt lokaler Getreidesorten sollten vermehrt gefördert werden. Zollschranken, staatliche Unterstützungen und günstige Kredite würden den einheimischen Bauern realistischere Konkurrenzchancen eröffnen, und durch ein ausgebautes Verkehrsnetz könnten sie mit ihren Waren heimische Märkte beliefern.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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