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Kursverlauf an der New Yorker Börse

Ein "Turing-Test" für Börsenkurse

Können Menschen reale Devisen- und Rohstoffkurse von ähnlichen, jedoch zufälligen Kurven unterscheiden? Drei US-Ökonomen haben zu diesem Thema einen Test entwickelt, der zeigt: Das Reale ist unverkennbar.

Ökonomie 08.03.2010

"Ein Glaubensbekenntnis"

Der französische Ökonophysiker Jean Michel Bouchaud hat die "Effizienz des Marktes" vor zwei Jahren im Fachblatt "Nature" (Bd. 455, S. 1181) als Dogma bezeichnet, das gegenüber wissenschaftlichen Korrekturen erstaunlich resistent sei. So resistent, dass die Vermutung nahe liege, seine Popularität beruhe eher auf einem Glaubensbekenntnis denn auf Erfahrungswissen. Oder, wie es der Ökonom Robert Nelson in seinem Buch "Economics as Religion" ausgedrückt hat: Der Markt hat etwas Göttliches an sich.

Die Effizienzmarkthypothese stammt aus den 1970er Jahren und geht davon aus, dass die Kurse von Aktien, Rohstoffen, Währungen ein direktes Spiegelbild der realen Werte sind, die Unternehmen und Volkswirtschaften innewohnen. Im Prinzip geht es dabei um die Frage, ob man mit Hilfe eines Informationsvorsprungs dauerhaft Gewinne machen kann. Und es geht auch um die Frage, ob psychologische Effekte die Kurse maßgeblich beeinflussen. Vertreter der starken Variante der Effizienzmarkthypothese sagen: Der Markt hat immer Recht und die Psychologie ist vernachlässigbar.

Effiziente Märkte rauschen

Mit dieser Ansicht geht die Erwartung einher, dass sich die Effizienz den Kursverläufen förmlich einprägt. "Je effizienter ein Markt ist, desto zufälliger sind die Preisänderungen. Der perfekt effiziente Markt ist einer, der völlig zufällige Änderungen erzeugt und daher keine Vorhersagen zulässt", schreibt ein Team um Jasmina Hasanhodzic in einer aktuellen Studie.

Die US-Ökonomin hat sich mit einem Kollegen vom MIT und einer Kollegin von der Northeastern University der Frage angenommen: Kann man reale und zufälligen Kursverläufe überhaupt auseinanderhalten? Zu diesem Zweck speisten die drei Forscher den Goldpreis, den US-Dollars-Index und diverse andere Kurse der letzten Monate und Jahre in ein Computerprogramm - sowie randomisierte Varianten derselben: Letztere wiesen zwar die gleichen statistischen Kennwerte hinsichtlich Mittelwert und Streuung auf wie ihre realen Vorbilder.

Aber sämtliche Muster in Zeitintervallen, die auf eine inhärente Ordnung hindeuten hätten können, wurden rechnerisch entfernt. Beide Kurvenvarianten boten Hasanhodzic und ihre Kollegin Studenten in einem Onlinespiel namens ARORA an. Aufgabenstellung: Erkenne den echten Graphen.

Die US-Forscher nennen ihr Spiel einen "finanziellen Turing-Test" - und spielen damit auf eine berühmte, vom britischen Mathematiker Alan Turing ersonnene Testsituation an, in der Maschinensprache und menschliche Kommunikation auf ähnliche Weise verglichen werden.

Signatur der Wirklichkeit

Wie es sich für eine ökonomische Testsituation gehört, winkten den Probanden im Falle erfolgreicher Bewältigung der Aufgabe 100 Dollar. Der finanzielle Motivator verfehlte seine Wirkung nicht: Die Studenten konnten nach wenigen Lernversuchen echte Kursverläufe relativ verlässlich erkennen.

Manche gaben danach in Interviews an, die realen Kurven hätten einen glatteren Verlauf gehabt - das traf zwar nur in einem Teil der Fälle zu (tatsächlich war ebenso oft auch das Gegenteil richtig), dennoch erwies sich die gute Performanz der Probanden als statistisch wasserdicht. Was allerdings nicht notwendigerweise bedeutet, dass man aus dieser Unterscheidung auch einen Nutzen ziehen kann. Ob an Kursentwicklungen auch gewinnträchtige Prognosen abzulesen sind, wird durch die Studie nicht beantwortet.

Sie weist lediglich darauf hin, dass die menschliche Mustererkennung sehr gut ist. Und dass sie Computern in dieser Leistungskategorie vermutlich noch immer überlegen ist. So gesehen ist die begriffliche Anleihe beim klassischen Turing-Test durchaus passend. Die menschliche Kommunikation hat nämlich bisher noch kein Sprachprogramm glaubhaft imitieren können.

Robert Czepel, science.ORF.at

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