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Eine Frau im Flüchtlingslager Traiskircher mit einer vollen Tasche in der Hand

Die Angst der Anderen

Dass viele Österreicher Angst vor Migranten haben, ist bekannt: weil sie vermeintlich kriminell sind, Sozialhilfe erschummeln, Arbeitsplätze bedrohen etc. Den Spieß umgedreht haben nun Sozialforscherinnen: Sie haben die Ängste untersucht, die Migranten vor Österreichern haben.

Gesellschaft 17.03.2010

Dabei zeigen sich zwei Bereiche. Zum einen der gesetzlich-bürokratische: Ängste von Migranten und Migranten beziehen sich hier in erste Linie auf den Aufenthaltsstatus und den damit verbundenen Arbeitsmöglichkeiten.

Zum anderen ist es der Alltag in Österreich, der ihnen Angst macht: Ausnahmslos alle Befragten der Studie hatten wiederholt fremdenfeindliche Erlebnisse.

Studien
Die Studie "Erleben von Angst und Bedrohung durch Fremdenfeindlichkeit. Einflussfaktoren und Bewältigungsstrategien" von Diana Braakmann und Edith Enzenhofer ist in der "SWS-Rundschau" erschienen (Heft 1/2010, S. 83) . Sie beruht auf der umfassenderen Studie Bedrohungs-wahrnehmung von MigrantInnen, die Ende des Vorjahrs im Rahmen der österreichischen Sicherheitsforschungs-programms Kiras des Infrastrukturministeriums publiziert wurde.
Die Studie war ein Gemeinschaftsprojekt des Forschungsinstituts des Roten Kreuzes, der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und des Sozialwissenschaftsinstituts SORA

Fremdenfeindlichkeit ist Normalität

36 qualitative Interviews haben die Sozialwissenschaftlerin Edith Enzenhofer und ihre Kolleginnen 2008 und 2009 geführt. Interviewpartner waren "Fremde" in sehr unterschiedlicher Ausprägung: Die Palette reichte vom eingebürgerten Migranten über Angehörige der "zweiten Generation" und Asylwerbern bis zu undokumentiert hier Lebenden vulgo "Illegalen".

Gleichgültig welcher Status, sie haben allesamt mehrfach fremdenfeindliche Erlebnisse gemacht. "Die meisten davon sind verbal, Beschimpfungen und Beleidigungen im öffentlichen Raum oder in der Wohnumgebung. Die Menschen wurden aber auch bespuckt und körperlich attackiert", führt Edith Enzenhofer gegenüber science.ORF.at aus.

Das Risiko von Übergriffen verstärke sich dramatisch, wenn die Fremdheit eindeutig sichtbar oder hörbar ist: Dunkle Hautfarbe, Kopftuch oder gebrochenes Deutsch beflügeln die Fremdenfeindlichkeit. "Sie ist in Österreich Normalität."

Lange Asylverfahren und die Behörden

Prinzipiell erzeugt bei Migranten die Frage ihres Aufenthaltsstatus Unsicherheit und Angst. Speziell lange Asylverfahren wirken sich psychologisch und materiell verheerend aus. Ein "Leben auf Zeit" lässt kein Sicherheitsgefühl zu, zumal der legale Arbeitsmarkt oft versperrt ist, was wiederum Armut verursacht oder verstärkt. "Unter der Wahrung menschenrechtlicher Gesichtspunkte trägt eine Verkürzung der Verfahren zur Sicherheit der Betroffenen bei", sagt die Sozialforscherin.

Das ist nicht unbedingt neu, aber: "Wir haben herausgefunden, dass auch die permanenten Änderungen des Fremdenrechts verunsichern. Kaum wird das aktuelle Gesetz verstanden, wird es schon wieder geändert. Das verunsichert zutiefst", so Enzenhofer.

Was den Umgang mit Behörden, speziell mit der Polizei, betrifft, so sind die Aussagen der Zuwanderer ambivalent. Ein gar nicht kleiner Teil zeigt sich sehr zufrieden mit den hiesigen Erfahrungen. "Das ist auch kein Wunder, wenn man an die Länder und ihre Polizei denkt, aus denen diese Menschen stammen", erklärt Enzenhofer. Auf der anderen Seite berichten viele auch von schlechten Erfahrungen mit der Polizei und anderen Behörden, die eindeutig mit der eigenen Herkunft zu tun haben.

Schlechte Erfahrungen keine Einbahnstraße

Wovor sich die mehr oder minder autochthonen Österreicher fürchten, wenn sie mit Fremden konfrontiert werden, hat die aktuelle Studie nicht untersucht. Laut der jüngsten, für das Innenministerium produzierten Untersuchung "Integration in Österreich" haben aber 20 Prozent der österreichischen "Mehrheitsbevölkerung in den letzten Monaten schlechte Erfahrungen mit Ausländern bzw. Migranten gemacht".

Dem stehen über 60 Prozent etwa der türkischen Zuwanderer gegenüber, die von schlechten Erfahrungen mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft berichteten.

Ängste auf beiden Seiten

Bei den jungen Österreichern der Mehrheitsbevölkerung sieht laut der Integrationsstudie prinzipiell rund jeder Zweite Probleme mit Zuwanderern - deutlich mehr als jene, die konkret schlechte Erfahrungen gemacht haben. Konkret genannt werden dabei "mangelnde Anpassung an die Lebensweisen und Wertvorstellungen der Österreicher, mangelnde Deutschkenntnisse, Abkapselung und die mangelnde Akzeptanz durch die Österreicher; Schwierigkeiten durch religiöse Vorschriften und (speziell bei Frauen) Verhalten gegenüber Frauen." Die Angst vor Konkurrenz am Arbeitsmarkt ist demzufolge relativ gering.

Beim Aufeinandertreffen von Menschen verschiedener Herkunft treffen also verschiedene Ängste aufeinander. Dabei ist "Migration auch als Suche nach Sicherheit zu verstehen", wie es in der Studie von Enzenhofer heißt.

Prinzipiell sei jede Angst ernst zu nehmen, unterstreicht die Sozialforscherin. "Es ist aber hilfreich zu entmystifizieren, zu schauen, welche Bedrohungen eine reale Grundlage haben und welche bloß geschürt werden. Für unsere Arbeit war wichtig zu zeigen, dass Ängste auf beiden Seiten bestehen."

Abschottung als Sicherheitsstrategie

Auf ihre Angstsituation reagieren die Zuwanderer mit verschiedenen Strategien. Um nur eine von mehreren herauszugreifen: die Abschottung. Viel war in den vergangenen Jahren zu lesen von "Parallelgesellschaften" zu lesen, die sich in manchen Vierteln westlicher Städte gebildet haben. Liegt das daran, dass die Ansässigen die Zuwanderer ausschließen oder kapseln sich letztere "integrationsunwillig" selbst ab?

"Das ist wie Henne und Ei", meint Enzenhofer gegenüber science.ORF.at. "Abschottung ist aus Sicht der Zuwanderer eine Sicherheitsstrategie. Unter Ihresgleichen ist die Gefahr von Angriffen geringer." Diese Strategie ist Teil einer größeren, die "Rückzug" heißt, so die Sozialforscherin.

"Wir haben bei unseren Interviews kaum jemanden gefunden, der seine Wut artikuliert hat, die meisten reagieren mit Resignation und Rückzug. Das kann auch zu Abschottung führen, auch wenn das politisch nicht gewünscht wird."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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