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Blumen auf einer Almwiese, im Hintergrund Berge.

"Die größten Feinde der Natur sind Biologen"

Biodiversität in Österreich ist ambivalent: Einerseits ist die Artenvielfalt hoch, andererseits sind viele Tiere und Pflanzen gefährdet. Der Vegetationsökologe Georg Grabherr erklärt im Interview, warum moderne Kühe auf bunten Blumenwiesen hungern müssen und "Blumenklauber" wie er selbst der Biologie zunehmend fehlen.

Biodiversität 22.03.2010

science.ORF.at: Wie steht es um die Biodiversität in Österreich?

Georg Grabherr: Die Biodiversität in Österreich ist eine sehr hohe, und ich würde daher nicht sagen, dass es schlecht um sie steht. Es gibt aber Bereiche, wo wir mit Artenverlusten konfrontiert sind. Je nach Organismengruppe gilt ein Drittel bis die Hälfte der Arten als gefährdet; bei manchen Gruppen noch mehr. Man darf aber auch nicht vergessen, dass in Österreich - mit Ausnahme des Amphibischen Steinbrechs am Bodensee - noch keine Art ausgerottet wurde, die auch weltweit ausgestorben ist. Es sind manche natürlich nicht mehr da, manche kommen aber sogar zurück, wie etwa der Seeadler, Luchs und Wildkatze.

Welche Artengruppen sind am meisten gefährdet?

Porträt Georg Grabherr

Foto: Grabherr

Georg Grabherr leitet die Abteilung für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie am Fakultätszentrum für Biodiversität der Universität Wien und ist stellvertretender Direktor des Instituts für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Vorsitzender des österreichischen Nationalkomitees des Programms "Man and Biosphere" der UNESCO.

Er ist Mitherausgeber und -autor des 2008 im Haupt Verlag erschienenen Buchs "Biodiversität in Österreich. Räumliche Muster und Indikatoren der Arten- und Lebensraumvielfalt".

Cover des Buches "Biodiversität in Österreich".

Haupt Verlag

Vor allem Amphibien und Reptilien, auch Vögel, besonders Wiesenbrüter, sind stark gefährdet, bei Blütenpflanzen 30 bis 40 Prozent der Arten. Einzelne Pflanzen - zum Beispiel Orchideen oder Arten der Feuchtgebiete wie etwa Sumpfgladiolen - sind besonders betroffen. Man kann eigentlich von keiner größeren Artengrupe sagen, dass sie nicht gefährdet ist. Stark bedroht sind zum Beispiel auch die Moderholzsiedler. Das sind Pilze oder Insekten. Es gibt ja kaum modernde, große Bäume in den Wäldern, wo die sich reproduzieren können.

Wie viele Arten gibt es in Österreich?

Über 46.000 Tiere, ca. 10.000 Klein- und Großpilze, ziemlich genau 3.000 Blütenpflanzen, ca. 2.000 Flechten und etwas über 1.000 Moose. Das sind beträchtliche Zahlen. Aber man kennt nie alle Arten. Der Normalverbraucher kennt einen Bruchteil davon und nur einige Experten zum Beispiel alle 3.000 Blütenpflanzen. Mit etwas umzugehen, das man nicht kennt, ist das Problem der Biodiversitätserhaltung und des Biodiversitätsmanagements.

Gibt es auch Lebensräume, die gefährdet sind?

Ja. Es gibt mittlerweile auch Rote Listen für Biotope und Habitate. Es sind vor allem die Feuchthabitate - Seen oder Moore -, die stark gefährdet sind. Sie sind vor allem der Kulturtätigkeit zum Opfer gefallen, etwa durch Entwässerung. Stark gefährdet sind alle Arten des Kultur-, Acker- und Wiesenlandes. Es gibt 200 bis 300 Arten, die man als Unkräuter oder als Wildkräuter betrachten kann und von denen es fast nichts mehr gibt. Das kommt von der Intensivierung der Agrarkultur und der Wiesen bzw. dem züchterischen Erfolg bei Kühen. Die brauchen heute ganz anderes Futter als früher. Eine Blumenwiese ist für eine moderne Kuh mehr oder weniger ein Hungerurteil.

Wieso können moderne Kühe mit Blumenwiesen nichts mehr anfangen?

Die durchschnittliche jährliche Produktionsleistung einer Kuh hat sich in den letzten 20 Jahren von 4.000 auf bis zu 12.000 Liter Milch gesteigert. Solche Leistungen sind nur mit hohem Kraftfuttereinsatz zu leisten oder indem man das Gras in einer Weise nutzt, dass es möglichst viel Energie hergibt.

Man macht eigentlich kein Heu mehr, sondern Silage. Dadurch kann das Futter eiweißreicher geerntet werden, und man hat keine Verluste beim Heuen und Trocknen. Und man mäht häufiger: früher zwei- bis dreimal, jetzt bis zu siebenmal im Jahr. Dadurch ist der Großteil dieser Wiesen an Arten verarmt. Viele Blütenpflanzen, die nicht mehr aussamen können, verschwinden. Vor 30 oder 40 Jahren hat eine Wiese 20 bis 30 oder mehr Arten beherbergt. Moderne Wirtschaftswiesen liegen bei drei oder vier Arten.

Was wären die wichtigsten Schritte, um Biodiversität zu erhalten?

Die Vereinten Nationen haben 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.

Lebensministerium und Umweltbundesamt haben eine Informationsplattform zum Thema Biodiversität eingerichtet.

Es gibt das Modell der Schutzgebiete. Davon haben wir in Österreich relativ viele - ca. 25 Prozent des Landes. Das bezieht sich aber oft auf etwas, was man als Sondergut bezeichnen kann; zum Beispiel den Neusiedler See mit den Schilfflächen und die Hochmoore. Die Frage ist aber, was wir mit dem Normalen tun. Wenn man besonders artenreiche, bunte Wiesen erhalten will, muss man Betriebe fördern, die solche Wiesen pflegen, nutzen und betriebswirtschaftlich einbinden. Das geschieht etwa mit der Vorarlberger Wiesenmeisterschaft, wo die besten Wiesen prämiert werden, die beiden Aspekten entsprechen.

In den Ackerbaugebieten müsste man verstärkt darauf achten, kleine Flächen zur Verfügung zu stellen, wo sich Wildkräuter ansiedeln können. Solche Initiativen hat es in den 1980er Jahren gegeben, etwa durch den Distelverein im Marchfeld, wo fünf oder zehn Meter breite Ackerstreifen außer Nutzen gestellt worden sind. Die waren auch wichtig für Rebhühner, und auch die Jäger waren daran interessiert.

Schutzgebiete alleine reichen also nicht?

Für den Naturschutz kann man überall etwas machen, auch im eigenen Garten; etwa durch die Aktion "Natur im Garten". Man kann auf Chemikalien verzichten, eine Wiese wachsen lassen oder ein Gebüsch anpflanzen.

Wie steht es um den Wald?

Im Grunde genommen bekennt sich die österreichische Forstwirtschaft zur naturbetonten und standortbezogenen Forstwirtschaft. Was aber natürlich nicht heißt, dass der Wald nicht umgeformt wurde (ca. 25 Prozent der Waldfläche). Das hat es also großflächig gegeben - primitiv gesagt: von Buche oder Eiche zu Fichte.

Echte Urwälder sind in Österreich eine Rarität. Ihr Prozentsatz ist mit drei Prozent sehr gering. Fast 25 Prozent der Wälder sind naturnah, also mit natürlichem Baumbestand. Das hängt auch mit dem Schutzwaldcharakter in Österreich zusammen. Großflächige Rodungen wie in Amerika kann man bei uns eigentlich nicht machen. Sie sind auch gesetzlich zum Teil verboten. Aber es mangelt an Urwäldern. Man könnte deren Anteil erhöhen, wenn man die Wälder wachsen lässt. Das passiert gerade in den Kernzonen des Biosphärenparks Wienerwald.

Wie beurteilen Sie Naturschutzgesetze in Österreich und der EU?

Zum Naturschutzrecht der EU gehören unter anderem die Vogelschutzrichtlinie und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, der zufolge Mitgliedsstaaten Habitate von gemeinschaftlicher Bedeutung erhalten sollen. Die beiden Richtlinien bilden die Grundlage für ein zusammenhängendes Netz an Schutzgebieten in der EU, Natura 2000.

Die Naturschutzgesetze sind bundesländerweise verschieden. Das hat Vor- und Nachteile. Es wird immer wieder kritisiert, dass ein Vogel, der von Niederösterreich nach Oberösterreich fliegt, ganz unterschiedliche Gesetze vorfindet, die ihn das Leben kosten können oder nicht. Es wird auch immer wieder ein Bundesrahmengesetz für Naturschutz verlangt, das auch die Bundesregierung in die Pflicht nimmt.

Andererseits sind Landesgesetze besser auf ihren Bedarf abgestellt, und es gibt zwischen ihnen eine gewisse Konkurrenz, was auch ein Vorteil sein kann. Zum Teil waren sie recht streng, die modernen Naturschutzgesetze sind aber eher weich. Wir hätten in Österreich "Soft Law", wenn es die EU nicht gäbe, deren Naturschutzrecht sehr streng ist. Diese Richtlinien sind für Österreich ein Segen.

Welche Rolle spielt Naturerfahrung für den Erhalt der Biodiversität?

Es gibt die Generation der 50- bis 70-Jährigen, die noch relativ viel Natur erlebt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es fast nur bunte Wiesen. Wenn man heute als Stadtkind aufs Land fährt, wird man dieses große Erlebnis der Blumenwiese nicht mehr haben, wenn man nicht speziell dorthin kommt, wo es noch solche gibt. Die Generation, die spontan noch viel Natur genießen konnte, kommt ins Alter. Die jungen Leute haben diese Möglichkeit nicht mehr so sehr. Das liegt auch an den Biologen.

Inwiefern?

Ein alter Spruch von mir ist: Die größten Feinde der Natur sind die Biologen selbst. Die Biologie hat sich in ihren Wissensfortschritten nicht um ökologische Strukturen und Prozesse gekümmert, sondern darum, die chemischen und molekularen Prozesse des Lebens aufzuklären. Das sind große Erfolge und eine fantastische Wissenschaft, aber sie hat sich derart verselbstständigt und verstärkt, dass organismische Biologie, die sich mit der Ökologie von Wiesen und Wäldern, ihren Strukturen, Prozessen und Mustern beschäftigt, in den Hintergrund geraten ist.

Von den meisten der 3.000 Blütenpflanzen wissen wir gar nicht, wie viele wir haben. Das ist auch ein Problem, wenn für die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie regelmäßig ein Bericht über den Zustand der Arten und Habitate gelegt werden muss. Es ist hoffnungslos, hier gute, saubere Zahlen zu bekommen. Oft gibt es nur Schätzungen von Amateuren, die nicht immer anerkannt werden. Um die Folgen des Klimawandels auf die Arten abzuschätzen, müssen wir die biologischen Profile der Arten wissen. Die kennen wir aber nur von den allerwenigsten. Das ist deskriptive Forschung. Die gilt nicht als schick und wird auch nicht gewürdigt. Wir sehen auf der Universität, welchem Druck wir als die letzten Blumenklauber ausgesetzt sind.

Zeigt sich das auch in der Schulbildung?

Ich sehe das an meinen jungen Studenten. Die wissen eher die Grundstruktur der Desoxyribonukleinsäure, als dass sie den Unterschied zwischen einem Märzenbecher und einem Schneeglöckchen kennen. Das Naturerlebnis und Basiskenntnis als Selbstverständlichkeit ist verschwunden. Und welcher Lehrer wagt es noch, Kenntnis von Pflanzenarten als Prüfungsstoff zu vergeben?

Mark Hammer, science.ORF.at

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