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Adler - Symbol für den Nationalsozialismus

Täter, Opfer, Widerstand

Nazideutschland hatte drei Nachfolgestaaten, deren Umgang mit der Geschichte unterschiedlicher nicht ausfallen hätte können. "Westdeutschen Tätern" standen "österreichische Opfer" und "ostdeutsche Widerstandskämpfer" gegenüber. Das sind zumindest die öffentlichen Geschichtsbilder der Nachkriegszeit, deren Umrisse spätestens in den 1980er Jahren zu verschwimmen begannen.

Zeitgeschichte 04.04.2010

Trotz zahlloser Literatur zur NS-Zeit gibt es bisher erstaunlich wenig Vergleiche von Gedächtniskulturen und Identitätskonstruktionen dieser drei Länder. Die Historikerin Katrin Hammerstein von der Universität Heidelberg versucht in ihrer Dissertation genau diese Lücke zu schließen.

Bei ihren Recherchen hat sie einige überraschende Erkenntnisse gewonnen: Die DDR unterstützte etwa die Position, wonach Österreich "das erste Opfer Hitlers" war, und erwähnte die Waldheim-Affäre nicht. Generell ist Westdeutschland ein Vorbild in Sachen Geschichtsaufarbeitung gewesen - sowohl für die DDR als auch für Österreich, meint Hammerstein in einem science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Über die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich und der BRD ist vieles bekannt: Wie hat die DDR aufgearbeitet?

Katrin Hammerstein: So wie in Österreich hat es auch in der DDR einen Gründungsmythos gegeben. Fühlte sich Österreich als "erstes Opfer von Hitler", so baute die DDR auf einem antifaschistischen Gründungsmythos auf, demzufolge die gesamte DDR-Bevölkerung im Widerstand gegen die Nazis gestanden ist. Dieses Bild hat sich im Grunde bis zum Ende der DDR gehalten. Erst im Laufe der 1980er Jahre kamen andere Elemente dazu: jüdische Opfer etwa, die bis dahin hinter den "antifaschistischen Widerstandskämpfern " sozusagen Opfer zweiter Klasse waren.

Wie ist dieser Übergang vor sich gegangen?

Katrin Hammerstein: Schleichend. Interessant ist die rhetorische Akrobatik, die die DDR dabei vollzogen hat. Zum einen tauchen jüdische Opfer auf als "jüdische Antifaschisten" und Widerstandskämpfer, es dauert eine Weile bis explizit von "ermordeten Juden" die Rede ist ohne Hinweis auf eine "widerständige Tätigkeit". Das Gedenken an die jüdischen Opfer schleicht sich langsam in das DDR-Narrativ ein, aber man merkt, dass das nicht ganz zur ostdeutschen Widerstandserzählung passt. So wird es einfach zum Geschichtsbild dazu addiert und nicht organisch eingepasst. Insofern wurde auch der 9. November 1988 als "Tag des Gedenkens an die sechs Millionen jüdischen wie alle Opfer des Faschismus" bezeichnet.

Wie ist das Selbstbild der DDR als Land des Nazi-Widerstands entstanden?

Katrin Hammerstein: Es wurde "von oben" entworfen. Dabei konnte sich die SED-Führung auch darauf stützen, dass es schon in der Sowjetischen Besatzungszone relativ viele Prozesse gegen Nationalsozialisten mit Aburteilungen gab, 1950 dann die umstrittenen Waldheimer Prozesse mit ihrem Radikalumschlag. Es gab Todesurteile, lebenslange Haftstrafen. Gleichzeitig hat die DDR das aber auch genutzt, um unliebsame Gegner, keineswegs nur Nationalsozialisten, auszuschalten.

Danach wurde konstatiert: "Wir haben alle Nazis erwischt; bei uns ist der Faschismus ausgerottet, zumal wir ja eine neue Gesellschaft gegründet haben, die antifaschistisch ist." Vieles war aber reine Rhetorik. Natürlich gab es auch in der DDR Altnazis. Auch in den 1980er Jahren finden sich sogar in der ostdeutschen Zeitung "Neues Deutschland" Berichte über welche, die sich über Jahrzehnte versteckt hatten. Es wurde aber immer betont, wie gut die DDR diese Zeit aufgearbeitet habe und dass die Bundesrepublik viel größeren Nachholbedarf hätte.

In Ihrer Dissertation gehen Sie von drei Identitäten aus, die die drei Nachfolgestaaten Nazideutschlands charakterisieren: die BRD als Täter, die DDR als Widerständler, Österreich als Opfer.

Katrin Hammerstein: Das sind zumindest die Erzählungen, auf denen DDR und Österreich ihre Gründungsmythen in der Nachkriegszeit aufbauen. Bei der Bundesrepublik muss man differenzieren: Offiziell sieht man sich als Nachfolgestaat NS-Deutschlands, sozusagen als Täter, aber auch hier gab es Relativierungsversuche, etwa in der Externalisierung der Verantwortung: "Der Verführer Hitler war es mit seiner Führungsclique, aber nicht die breite Bevölkerung" etc. Für meine Forschung zu den offiziellen Geschichtsbildern vom Nationalsozialismus bringt das Dreieck Täter-Opfer-Widerstand die Ausgangssituation nach 1945 zugespitzt, aber gut auf den Punkt.

Wie hat sich dieses Dreieck in den Jahrzehnten nach Kriegsende verändert?

Katrin Hammerstein: In Österreich und der DDR blieben die Geschichtsbilder lange konstant. In den 80er Jahren dann bricht in Österreich im Zuge der Waldheim-Affäre der Opfermythos auf; das ist bekannt. Aber auch in der DDR fängt man allmählich an, auch andere Opfergruppen und nicht nur "den Widerstand" wahrzunehmen. Ein Höhepunkt dabei ist 1988: Zum 50. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht gibt es sehr viele Veranstaltungen, der 9. November wird zum Großgedenktag. In der Form war das neu, 1978 gab es zwar leichte Anklänge, aber dass der Staat sich so aktiv einschaltet, war neu. Dass man eigene Schuld und Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen reflektiert, das geschieht allerdings erst 1990, in der allerletzten, demokratischen Phase der DDR.

Warum ist es zur Aufweichung des Antifaschismus-Mythos in der DDR gekommen?

Katrin Hammerstein: Neben außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Motiven – die DDR versuchte in den 1980er Jahren, ihre Beziehungen zu den USA zu verbessern – ist ein wesentlicher Faktor, dass die DDR-Führung sich unter Druck fühlte. Zum einen durch oppositionelle Gruppen, die das Thema zunehmend aufgegriffen haben. Zum anderen haben die westlichen Medien viel über die westdeutsche Geschichtsaufarbeitung berichtet. Die DDR wollte nicht schlechter dastehen als die Bundesrepublik und musste reagieren.

Wie haben sich die drei Erzählungen beeinflusst?

Katrin Hammerstein: Österreich und die DDR haben oft nach Westdeutschland geblickt. Je mehr man sich dort mit der Frage nach der eigenen Verantwortung beschäftigte, desto stärker sind Elemente des westdeutschen Umgangs mit der NS-Vergangenheit aufgenommen worden. Auch wenn die Bundesrepublik sicher nicht alles "wunderbar aufgearbeitet" hat – auch hier gab es natürlich Defizite –, war sie doch ein Vorbild für die beiden anderen Staaten.

Und das Verhältnis der Geschichtsbilder von DDR und Österreich?

Katrin Hammerstein: Die Beziehung der beiden Länder ist prinzipiell wenig erforscht. Bei meinen Recherchen ist mir die Berichterstattung über die Waldheim-Affäre in der DDR aufgefallen: Die gab es nämlich so gut wie gar nicht. Es wurde nur über die Wahl an sich berichtet, nicht über die Affäre. Das "Neue Deutschland" hat anlässlich von Waldheims Wahl eine Biografie abgedruckt, in der die Jahre des "Dritten Reiches" sehr unterbelichtet sind. Der Skandal um Waldheim wird nicht ausgeschlachtet, was ja auch hätte sein können, vor allem wenn man daran denkt, wie die DDR entsprechende Gelegenheiten nutzte, gegen die Bundesrepublik zu agitieren. In Artikeln über Österreich wird aber gerne vom "ersten Opfer Hitlers" geschrieben, man hat den Eindruck, dass die DDR Österreich in diesem Sinne sozusagen den Rücken stärken wollte. Für die DDR war Österreich wegen seiner offiziellen Neutralität und auch als Handelspartner wichtig. Sie hat wohl daher den Opfermythos nicht kritisiert, sondern sogar unterstützt.

In Ihrer Dissertation beschäftigen Sie sich zwar hauptsächlich mit den 1980er Jahren. Dennoch: Wie ist die Geschichtsaufarbeitung in den drei Ländern danach weitergegangen?

Katrin Hammerstein: Beispielsweise ist eine Synchronisierung der Erinnerungslandschaften eingetreten. Wenn Sie an das Holocaust-Mahnmal und das jüdische Museum in Berlin denken: Auch Wien hat beides. Gewisse Elemente muss es scheinbar geben, wenn man "richtig aufgearbeitet" hat oder haben möchte. Hier sind z.B. auch die großen Erklärungen und Schuldeingeständnisse von Politikern zu nennen. wie z.B. Franz Vranitzky 1991 - die DDR war mit dem Schuldbekenntnis der Volkskammer vom April 1990 übrigens ein Jahr früher dran als Österreich. Zu berücksichtigen ist natürlich, dass es die DDR danach nicht mehr gegeben hat. In Deutschland war man nun mit einer "Opferkonkurrenz" konfrontiert, zu den Opfern des Nationalsozialismus kamen die Opfer des Kommunismus, was in Österreich keine Entsprechung hat.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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