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Eine Person steht vor einer Wand mit TV-Geräten

"Schlechte Medien bringen Politik-Populismus"

Die Geschichte der Moderne ist eine der Öffentlichkeit und ihrer Medien. Mit dem verstärktem Wettbewerb und Neuen Medien erleben wir derzeit einen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Nicht mehr Staatsbürger stehen im Mittelpunkt, sondern Medienkonsumenten - und das hat fatale Konsequenzen.

Wissensgesellschaft 13.04.2010

Denn die Qualität der Medien ist immer auch ein Indiz für die Qualität der Demokratie, meint der Schweizer Mediensoziologe Kurt Imhof.

Im Wettbewerb der kommerziellen Medien verschiebt sich die Aufmerksamkeit: Skandalisierung, Personalisierung und Emotionales nehmen zu, die Rationalität der öffentlichen Kommunikation leidet.

Letztlich führt der Qualitätszerfall der Medien zu politischem Populismus, Fremdenfeindlichkeit und Barbarei, meint Imhof in einem Interview anlässlich eines Vortrags im Rahmen der Hedy-Lamarr-Lectures in Wien.

Der Kommunikationswissenschaftlers Kurt Imhof bei einem Vortrag

Telekom Austria Group/R. Unger

Kurt Imhof ist Publizistikwissenschaftler und Soziologe sowie Leiter des Forschungsbereiches Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich. Am Montag hielt er im Rahmen der Hedy-Lamarr-Lectures an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien einen Vortrag.

science.ORF.at: Der Titel Ihres Vortrages lautet: "Der Wandel der medialen Wissensvermittlung in der Moderne" und damit erklären sie vor allem die Anfänge unserer Wissensgesellschaft. Aber was macht eine Wissensgesellschaft eigentlich aus?

Kurt Imhof: Die Wissensgesellschaft beginnt mit der Moderne und setzt voraus, dass magisches Handeln nicht mehr möglich ist. Magisches Handeln beruht auf der Vorstellung, dass man über göttliche Wesen oder Gott selbst die Welt oder andere Menschen beeinflussen kann, zum Beispiel indem ich Puppen nadle. Schicksal und Fügung enthalten die Vorstellung, dass Gott alles steuert. Auch Katastrophen und Krisen sind demnach göttlichen Ursprungs oder Ursprung des Teuflischen.

Das alles ist im vormodernen, christlichen Weltbild enthalten, und die Moderne beginnt mit der Aufklärung, die jede Form des magischen Handelns ablehnt. Die Moderne geht davon aus, dass die Welt realer Sachverhalte, etwa der Landbauer und seine Maschinen, mit Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen erklärt werden können. Und sie geht davon aus, dass nicht Gott, sondern die Menschen selbst eine soziale Ordnung kreieren können. Die ursprüngliche Identität des Menschen als Abbild des Göttlichen wird ersetzt durch säkulare Identität und Weltanschauung. Und genau hier beginnt die Wissensgesellschaft.

Wer vermittelt das Wissen in der Wissensgesellschaft?

Kurt Imhof: Die Öffentlichkeit ist das Zentrum der Wissensvermittlung. Was wir über die Welt wissen, wissen wir über die Öffentlichkeit, und diese wiederum wird über die Medien kreiert. Man kann auch sehen, wie Identitätsprobleme der Gesellschaft, zum Beispiel das Problem des Guten und des Schönen, von Medien gelöst wurden: durch Ressorts. Sie entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Anlehnung an die Aufklärung.

Die Welt wurde aufgeteilt in das politische Ressort, das sich dafür interessiert, wie die soziale Welt zusammengesetzt wird, in das Wirtschafts- und Handelsressort und das Feuilleton, das die Komplexität des Schönen, der Literatur, Kunst und Musik abbildet, und später die Wissenschaftsbeilage, die sich für die Welt der realen Sachverhalte interessiert. Diese Ressorts entsprechen auch Spezialisierungen derjenigen, die dort arbeiten.

Diese Strukturierung hat sich bis in die 1980er Jahre gehalten, Qualitätsmedien sind heute noch so strukturiert. Wir können also auf rund 130 bis 140 Jahre Aufteilung der Welt in Ressorts zurückblicken. Die Ressorts, die die Moderne beschreiben, lösen sich seither auf.

Wodurch?

Kurt Imhof: Die Medien sind unabhängige, kommerzielle Organisationen. Sie haben nicht mehr den Staatsbürger, sondern den Medienkonsumenten im Auge. Im Wettbewerb um den Medienkonsumenten verschiebt sich die Aufmerksamkeit: Skandalisierung und Personalisierung nehmen zu, Ressorts werden abgebaut und Newsrooms, in denen Journalisten ohne Spezialwissen alles machen, nehmen zu. Ohne dieses Spezialwissen haben wir es nicht mehr mit Literatur-, Musik-, und Kunstkritikern zu tun, sondern mit einem Lifestyle-Journalismus, in dem sie alles politische, wirtschaftliche, soziale und künstlerische gleichzeitig abdecken müssen. Die Konsequenz ist die Personalisierung.

Durch diesen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass man die Gesellschaft ändern kann, indem man die skandalisierten Personen austauscht, aber die Strukturen beibehält. Medien beschreiben nicht mehr kognitiv-normative Sachverhalte der Welt, sondern diese werden durch eine moralisch-emotionale, mediale öffentliche Kommunikation ersetzt. Es handelt sich dabei um einen Rationalitätsverlust öffentlicher Kommunikation: Über Kognitionen, also Ursache-Wirkung, kann man streiten, über Normen ebenfalls, nicht aber über subjektive Wertungen. Man kann ja nicht darüber streiten, ob man jemanden liebt oder hasst – das entzieht sich dem Diskurs.

2002 gab Kurt Imhof dem "Soziologie Magazin" ein Interview, in dem er sein Forschungsinstitut als "Kommunikations-CERN" bezeichnet hat.

In einem Interview bezeichnen Sie den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich ("fög") als "Kommunikations-CERN", der beobachtet, wie einzelne Kommunikationsereignisse in Medienarenen entstehen. Diesen Vorgang vergleichen sie mit einem Physiker, der Elementarteilchen untersucht. Am Ende des Tages gelangen sie nach vielen Einzeluntersuchungen schließlich zu einer Struktur öffentlicher Kommunikationsereignisse. Wie sieht sie aus?

Kurt Imhof: Wenn man über die Zeit hinweg die kleinsten Einheiten der sozialen Welt, also die Kommunikationsereignisse, vergleicht, dann kann man Verschiedenstes feststellen. Betrachtet man etwa die Kommunikationsereignisse während der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren und die heutigen, lässt sich feststellen, dass Kommunikationsverdichtungen stattfinden: Die Aufmerksamkeit konzentriert sich, d.h. dass viele über dasselbe sprechen. Dadurch einigt man sich zumindest darauf, was das Problem ist. In den krisenlosen 1950er Jahren, gab es eine viel breitere Agenda öffentlicher Kommunikation. Wir können also zwischen Krisenphasen und Normalphasen unterscheiden. Außerdem wissen wir, dass in Krisenperioden oder Perioden der Kommunikationsverdichtung das Fremde zum Problem wird.

Außerdem wissen wir, dass der Populismus der Medien auch den politischen Populismus befördert. Politische Akteure, die Inputlogiken der Medien ideal erfüllen, haben höhere Chancen in die Medien zu kommen als andere. D.h. Politik muss sich den Medienlogiken anpassen. Je tiefer die Qualität sinkt, desto höher sind die Chancen populistischer politischer Akteure. Überall wo wir einen Qualitätszerfall der öffentlichen Kommunikation haben, haben wir Wellen des politischen Populismus: in Österreich, in der Schweiz, in Holland, in Ungarn und in Italien.

Welche Entwicklungen sehen Sie durch Twitter, Blogs und Co.?

Kurt Imhof: In diesen Medien geben Menschen subjektiv Innerliches preis – man schreibt wo man ist, wie man sich fühlt, was man vorhat. Es ist ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit und die Kommunikationsereignisse sind hier stärker subjektivistisch aufgeladen als die öffentliche Kommunikation.

Welche Gefahren bzw. Potenziale ergeben sich dadurch für die Wissensvermittlung und die Gesellschaft?

Kurt Imhof: Rationalität wird abgebaut zugunsten einer Intimisierung des Öffentlichen, in der subjektive Befindlichkeiten eine große Rolle spielen. Die Kategorie der Identität bekommt somit eine unerhört große Bedeutung. Zeiten, in denen die Kategorie der Identität wichtig ist und das emotional Subjektive überhandnimmt, also Zeiten der Fremdenfeindlichkeit, sind auch Zeiten der Barbarei.

Das ist sehr pessimistisch. Sehen Sie durch neue Medien nicht auch Chancen – beispielsweise was Demokratisierung und Meinungsvielfalt betrifft?

Kurt Imhof: Nein. Wenn wir uns informieren wollen, müssen wir vertrauen. Und Vertrauen bezieht sich auf die Marke. Den Informationen eines Blogs oder einer Facebook-Meldung können wir nicht vertrauen. Deshalb werden große Marken nicht aussterben.

Mir geht es nicht um einen Feldzug gegen das Internet. Es gehen ja auch klassische Medien in die digitale Welt. Die technische Vermittlung ist aber nicht entscheidend für mein Argument. Entscheidend ist, inwieweit die aufklärungs-orientierten Strukturen der öffentlichen Kommunikation über die Qualität des Journalismus erhalten werden können oder nicht. Und die Qualität der öffentlichen Kommunikation bedingt die Qualität der öffentlichen Demokratie.

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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