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Ein Mann, nur im Schatten zu sehen, geht an einer Wand mit einer virtuellen Realität vorbei.

Männer reagieren auf virtuelle Menschen anders

Bei der Interaktion von Mensch und Computer gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während sich Frauen eher auf die Inhalte konzentrieren, ist bei Männern die Art der Darstellung wichtiger. Das gilt zumindest für eine Studie, bei der Probanden ein moralisches Dilemma lösten mussten, das durch eine virtuelle Frauenfigur ausgelöst wurde.

Technologie 14.05.2010

Männer bevorzugten Fotorealismus und Authentizität dabei viel stärker.

Menschenähnlichkeit ist unheimlich

Die entsprechende Studie "Gender Differences in the Impact of Presentational Factors in Human Character Animation on Decisions of Ethical Consequence" erscheint in der Juni-Ausgabe der Fachzeitschrift "Presence: Teleoperators and Virtual Environments".

In den 70er Jahren hat der japanische Robotiker Masahiro Mori ein Phänomen beschrieben, das bis heute zu beobachten ist. Je menschenähnlicher Roboter oder künstlich generierte Bilder von Menschen sind, desto vertrauenswürdiger erscheinen sie uns. Dieser Zusammenhang ist aber nicht linear: Ab einem gewissen Punkt nimmt die Akzeptanz trotz zunehmendem Anthropomorphismus drastisch ab und steigt erst wieder bei beinahe Fotorealismus an.

Masahiro Mori hat diesen Effekt "uncanny valley" genannt. Dieses "unheimliche Tal" meint, dass uns kleine Fehler von Avataren oder Robotern, die bereits ziemlich menschenähnlich sind, besonders auffallen und beunruhigen. Deshalb ist es für viele Menschen einfacher, abstrakten oder auch nur skizzenhaften Kunst- oder Comicfiguren zu vertrauen, als besonders realistischen, die aber doch mit Fehlern behaftet sind.

Lösung eines moralischen Dilemmas

Zahlreiche Studien haben sich bereits der unterschiedlichen Qualitätsgrade computergenerierter Menschenbilder angenommen, die das unheimliche Gefühl des Phänomens auslösen: Fehler des körperlichen Äußeren, Mangel an zufälliger Interaktion und schlechte Bewegungsmuster sind einige der Hauptursachen. Karl MacDorman von der Indiana University School hat nun mit Kollegen untersucht, wie sich derartige Fehler auf die Lösung von moralischen Entscheidungsfragen auswirken.

Dazu haben sie einen Versuch mit knapp 700 Teilnehmern und Teilnehmerinnen in vier verschiedenen Varianten durchgeführt. Die Probanden hatten in die Rolle eines praktischen Arztes zu schlüpfen, der via PC-Bildschirm mit einer Patientin spricht.

Oben die echte, menschliche und unten die computergenerierte Patientin "Kelly", die um Verständnis wirkt.

Karl MacDorman/Indiana University

Oben die echte Kelly, unten die computer-generierte, beide bitten um Verständnis.

Diese Patientin ("Kelly") ist Teil eines Ehepaares, das bereits länger verheiratet ist, auch der Ehemann ("Paul") ist Patient des Arztes. In dem Gespräch mit dem Arzt wird Kelly mitgeteilt, dass sie unter genitalem Herpes leidet. Paul soll am nächsten Tag zu einem Untersuchungstermin kommen, Kelly bittet den Arzt, ihm nichts von ihrer Krankheit zu erzählen, schließlich sei diese durch einen Akt ehelicher Untreue entstanden. Der Arzt bzw. die Versuchspersonen kommen somit in ein moralisches Dilemma: Sollen Sie der Verschwiegenheitspflicht gegenüber Kelly nachkommen, oder Paul warnen, sich möglicherweise auch mit Herpes anzustecken?

Echt und computergeneriert, synchron und ruckelnd

Kelly wurde bei dem Versuch in vier verschiedenen Varianten angeboten: zweimal durch eine reale Schauspielerin, davon einmal in perfekter Synchronie mit der Stimme eines von einer Sprecherin gesprochenen Textes, das andere Mal wurden einige Bilder aus dem Video entfernt, sodass ein "ruckelnder" Film samt nicht genau passender Lippenbewegung entstand. Und zweimal durch eine computergenerierte Frau, wieder in den Varianten "normal" und "ruckelnd".

In sieben Fragerunden mussten die Probanden virtuell mit Kelly interagieren und schließlich zwei Fragen beantworten: Werden Sie 1) Paul von der Krankheit berichten und 2) im Falle seiner Erkrankung von der vermutlichen Überträgerin?

Männer bevorzugen Realismus

Insgesamt bejahten die erste Frage 43 Prozent aller Teilnehmer, die zweite knapp 26 Prozent. Eindeutig auf Pauls Seite (zweimal Ja) standen nur 18 Prozent der Probanden, eindeutig auf Seiten Kellys (zweimal Nein) 49 Prozent. Noch aussagekräftiger als dieser Unterschied sind aber die Resultate, wenn man die Antworten von Männern und Frauen vergleicht.

Weibliche Probanden unterstützten Kelly nämlich in allen vier Varianten nahezu gleich stark. Männer hingegen machten klare Unterschiede: In der "ruckelnden" computergenerierten Version fügten sich nur 31 Prozent den Wünschen von Kelly, in den anderen Varianten waren es jeweils um die 50 Prozent.

"Es ist zwar schwierig zu verallgemeinern, ich denke aber prinzipiell können sich sowohl Männer als auch Frauen in echte menschliche Charaktere besser einfühlen als in simulierte", interpretiert Karl MacDorman in einer Aussendung. "Die Frauen waren bei ihrer Entscheidung aber offenbar vor allem durch das moralische Dilemma selbst beeinflusst und empathischer mit der Figur, weil sie sich besser vorstellen konnten in eine solche zu geraten als die Männer."

Unterschiede bei der Mensch-Computer-Interaktion

Letztere legten auf größtmögliche Menschenähnlichkeit mehr wert als die Frauen. Das steht, so schreiben die Forscher, in ihrer Studie, durchaus im Widerspruch zu früheren Untersuchungen.

Ein Grund dafür könnte im konkreten Versuchssetting liegen: So gab es keinen männlichen virtuellen Agenten, der sowohl die Identifikationsmöglichkeit als auch die Reaktion auf optische Reize ändern könnte. Da Männer stärker auf die Attraktivität eines auch virtuellen gegengeschlechtlichen Gegenübers achten, wollen die Forscher diese Variante in einer Folgestudie durchspielen.

Was aber schon jetzt klar ist, dass es Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der Mensch-Computer-Interaktion gibt. Und die gelte es in Zukunft zu berücksichtigen, speziell wenn es sich um Situationen mit Entscheidungsfragen handelt.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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