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"Wikipedia ist nichts für blutige Anfänger"

Trotz aller Verbote und Plagiate: Wikipedia gehört auch bei Studenten und Dozenten längst zum Alltag. Dass man die Online-Enzyklopädie an der Universität sinnvoll nutzen kann, davon ist der Historiker Peter Haber überzeugt. Er sieht aber auch ihre Grenzen, speziell was den Einsatz in der Geschichtswissenschaft betrifft.

Wissen 25.06.2010

Für "blutige Anfänger" eines Fachgebiets sei Wikipedia nichts, meint der Historiker und "Wikipedist" in einem science.ORF.at-Interview.

Auch könne er Kollegen nicht raten, sich aktiv an dem Online-Almanach zu beteiligen - nicht zuletzt aus Zeitgründen, denn bei der Publikation braucht man ziemlich viel Sitzfleisch.

Peter Haber

Porträtfoto des Historikers Peter Haber

Peter Haber

Peter Haber ist Historiker an der Universität Basel. Im Sommersemester 2010 war er Gastprofessor für "Geschichte, Didaktik und digitale Medien" am Institut für Geschichte sowie am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Peter Habers Weblog zu Geschichte und Digitalen Medien

science.ORF.at: Herr Haber, lesen Sie gerne in der Wikipedia?

Ja, sehr gerne. Ich finde das eine tolle Sache. Ich wage aber auch zu behaupten, dass ich ihre Grenzen kenne und versuche, Wikipedia richtig einzusetzen.

Im Gegensatz zu den Studenten?

Diejenigen, die in meinen Kursen waren, kennen diese Grenzen jetzt auch genau. Praktisch alle Studenten verwenden Wikipedia. Wir sollten ihnen die Kompetenzen mitgeben, um richtig damit umzugehen.

Welche Kompetenzen sind das?

Man sollte zuerst einmal wissen, wie so ein Eintrag zustande kommt. Konkret geht es um die zwei Knöpfe oben, die die meisten großzügig übersehen: Die Diskussionsseite und die Versionsgeschichte. Dort kann man recht schnell herausfinden, wo die heiklen Stellen sind, die man beachten sollte. Diese einfache Kompetenz geht den meisten Leuten ab.

Trotzdem informieren sich die meisten Leute zuerst einmal auf Wikipedia ...

... und das kann und soll man ihnen auch nicht verbieten – das wäre der völlig falsche Ansatz. Wikipedia ist eine gute Quelle, wenn sie nicht als einzige Quelle in Frage kommt, und wenn man die Informationen einordnen kann, die sie einem gibt. Für blutige Anfänger in einem komplexen Fachgebiet ist Wikipedia darum eher ungeeignet.

Im Fach Geschichte ist es vermutlich sinnvoller, dass man zuerst einmal zum Bücherregal geht und ein normales Lexikon in die Hand nimmt. Wenn man sich aber schon ein bisschen auskennt oder ganz aktuelle Ereignisse behandelt, sieht es wieder anders aus. Dann kann Wikipedia eine gute Strukturierungshilfe für die Gedanken sein.

Oft ist sie aber mehr als das. Dann tauchen auch ganze Absätze aus Wikipedia unzitiert in Seminararbeiten auf. Wie bekommt man das in den Griff?

Das ist natürlich sehr gängig. Aber statt Plagiatsmaschinen einzusetzen, sollte man besser die Betreuungsverhältnisse an den Hochschulen verbessern. Es gibt mittlerweile genug Untersuchungen, die zeigen, dass Plagiatssoftware nicht viel taugt. Die ganz Schlauen übersetzen einfach den Artikel aus der englischen Wikipedia, dann funktioniert keine Plagiatsmaschine.

Müssen die Universitäten also damit leben?

Wir können Wikipedia nicht wegdiskutieren. Also fragen wir uns lieber, wie wir sie sinnvoll nutzen können. Man kann zum Beispiel inhaltsanalytische Vergleiche machen oder an den Metadaten von Wikipedia den Verlauf von Diskursen anschauen.

Wir haben auch untersucht, ob sich das kollaborative Schreiben für die Geschichtswissenschaft eignet. Denn diese Methode passt nicht zum Selbstverständnis der Historiker. Hier geht es nicht nur um nackte Daten und Fakten, sondern auch um den Kontext. Den liefert der Historiker mit der Erzählung mit. Und das funktioniert besser bei einem Einzelautor.

Also verderben viele Köche den Stil?

Ja. Wir haben in unserem Forschungsseminar wunderbare Stilblüten aus Wikipedia zusammengetragen, die sprechen auch dafür. Es gibt aber auch genug Leute, die alleine einen schlechten Text hinbekommen.

Mein Kollege Roy Rosenzweig hat die These aufgestellt, dass Wikipedia die Darstellung von Wissen in einzelnen Fakten fördert. Die Aufbereitung verlagert sich von einem narrativen zu einem eher faktenorientierten Zugang. Aber in der Geschichtswissenschaft muss man die Fakten auch einordnen und erklären.

Sollten sich dann mehr Historiker aktiv bei Wikipedia beteiligen?

Es gibt leider viele Gründe, die dagegen sprechen. Das Problem ist die Anonymität. Wenn ich anonym bleibe, kann ich zwar sagen, ich bin Experte, aber ich kann das nicht nachweisen. Dann kommt der nächste und sagt: ich bin auch Experte!

Auch wenn er vielleicht nur einen Volkshochschulkurs besucht hat. Und wenn ich die Anonymität aufgebe und meinen Namen hinschreibe, gewinne ich dadurch keine akademische Reputation und es kann sogar passieren, dass jemand nach mir irgendeinen Blödsinn in einen Text hineinschreibt und auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre das von mir. Da sehe ich ein ziemliches Risiko.

Ist das der Knackpunkt von Wikipedia – dass jeder Laie ein Besserwisser sein darf?

Es gibt da auch die Definition als "Diktatur der Zeitreichen". Man braucht oft extrem viel Zeit, um sich bei einem Artikel durchzusetzen. Und das steht jemand aus dem akademischen Mittelbau einfach nicht durch. Es gibt viele Ausnahmefälle, und das ist sehr löblich. Aber im Moment könnte ich niemandem aus der Geschichtswissenschaft die Mitarbeit mit gutem Gewissen empfehlen.

Warum vor allem im Bereich Geschichte?

Geschichte ist immer auch ein öffentliches Thema und emotional sehr aufgeladen. Das ist von Land zu Land sehr verschieden, aber Österreich ist eines der Länder, wo man an jeder Straßenecke die aufgeladene Geschichte findet, und das spiegelt sich in Wikipedia wider. Wenn Sie einen Eintrag zu Quantenphysik schreiben, ist die Emotionalität sicher geringer.

Interview: Raffael Fritz, science.ORF.at

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