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Alter Mann sitzt am Straßenrand

Einsamkeit - die vergessene Krankheit

Übergewicht, Rauchen und Bewegungsarmut gelten als wichtige medizinische Risikofaktoren. Laut einer Studie wiegt Einsamkeit mindestens ebenso schwer: Soziale Isolation schadet der Gesundheit wie 15 Zigaretten pro Tag.

Gesellschaft 28.07.2010

Homo socialis

Die Einsicht, dass wir Menschen Gemeinschaftswesen sind, ist so alt wie die Wissenschaft. Bemerkenswerterweise wurden daraus bis vor kurzem aber kaum medizinische Schlüsse gezogen. Im Jahr 1988 schrieben drei US-Forscher im Fachblatt "Science": "Der Mangel an sozialen Beziehungen stellt ein wichtiges Gesundheitsrisiko dar, der sich mit den bekannten Risikofaktoren durchaus messen kann - etwa mit Zigarettenkonsum, Blutdruck, Blutfetten und Fettsucht."

Studien

Die Arbeit der drei Mediziner wurde in der Fachgemeinde zunächst als Provokation aufgefasst. Studien zu diesem Thema waren damals noch Mangelware, unter anderem deshalb, weil soziale Bindungen als zu diffuses, fast unwissenschaftliches Konzept angesehen wurden. Doch die Zeiten ändern sich. Mittlerweile wurde der gesundheitliche Effekt von sozialen Netzwerken in hunderten Arbeiten untersucht.

148 ausgewählte Studien mit über 300.000 Probanden hat nun Julianne Holt-Lunstad mit zwei Kollegen ausgewertet, die Metaanalyse der Psychologin von der Brigham Young University spricht eine klare Sprache: Mangelnde soziale Integration ist demnach so riskant wie Alkoholismus, sie wiegt stärker als der Verzicht auf Sport und körperliche Betätigung - und sie ist sogar zwei Mal so schädlich wie Dickleibigkeit, die in letzter Zeit immer wieder als "Pandemie westlicher Industriestaaten" bezeichnet wurde.

Effekt in jedem Alter

Menschen, die über ein soziales Umfeld verfügen, haben der Studie zufolge eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Kein geringer Faktor also, zumal die Daten der 148 Studien gar nichts über die Qualität der Beziehungen aussagen. "Die Daten zeigen nur, ob jemand in ein soziales Netzwerk integriert war", erklärt Julianne Holt-Lunstad. Wären gute und schlechte Beziehungen gesondert analysiert worden, hätte die Metastudie wohl noch stärkere Wirkungen freigelegt.

Ein weiteres Ergebnis der Analyse: Der Zusammenhang gilt keineswegs nur für die ältere Generation. "Beziehungen bieten Schutz - und zwar auf allen Altersstufen", sagt Timothy B. Smith, einer der beiden Co-Autoren. "Wir nehmen Sozialkontakte als selbstverständlich und verhalten uns wie Fische, die das Wasser nicht bemerken. Diese Kontakte sind jedoch nicht nur psychologisch wichtig, sie sind in der Tat auch physisch wirksam."

Trend zur Einsamkeit

Ö1 Sendungshinweis:
"Ganz Ich - Wohlfühlen mit Ö1" (25.Juli 2010): "Vom Gefühl der Einsamkeit"

Um zu erklären, wie sich die soziale Dimension in die körperliche übersetzt, haben Forscher zwei Theorien entwickelt. Die eine, "Pufferhypothese" genannt, betont die Nützlichkeit von Beziehungen. Familien, Freunde und Kollegen schützen uns demnach vor den Widrigkeiten des Lebens, etwa durch nützliche Informationen und durch emotionale Unterstützung. Laut dem "Effektmodell" sind die Wirkungen unmittelbarer: Teil einer Gemeinschaft zu sein ist per se schon positiv, weil es das Leben mit Sinn erfüllt, Menschen Geborgenheit gibt und sie zu verantwortungsvollem Verhalten anregt.

Und dass solche Empfindungen auch immer von körperlichen Reaktionen begleitet sind, wurde schon mehrfach nachgewiesen: Stresshormone, Immunsystem, Blutdruck und Herz - sie alle sind ein Spiegel des Sozialen und seiner Defizite. Studien zeigen leider auch, dass in westlichen Industriestaaten eher letztere zunehmen werden. Die Zahl jener US-Amerikaner, die dem Satz "Ich habe keine Vertrauten" zustimmen, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht. In Europa wird wohl es nicht wesentlich anders sein.

Robert Czepel, science.ORF.at

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