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Ein Teilnehmer der japanischen Börse in Tokio schlägt sich nach einem Kursverlust vor den Kopf.

Finanzkrise: Alles weiter wie bisher

Die Verantwortlichen der jüngsten Finanzkrise sind bisher kaum belangt worden. Spekulationen aller Art sind nach wie vor gang und gäbe. Banken versprechen immer noch sagenhafte Renditen, die keinen realen Wertsteigerungen entsprechen, schreibt Heiner Flassbeck in einem Gastbeitrag.

Forum Alpbach 2010 13.08.2010

Der Ökonom der Vereinten Nationen leitet beim Europäischen Forum Alpbach 2010 ein Seminar zu dem Thema.

Finanzkrise und kein Ende

Von Heiner Flassbeck

Über den Autor

Porträtfoto des Wirtschaftswissenschaftlers Heiner Flassbeck

Heiner Flassbeck

Heiner Flassbeck ist Wirtschaftswissenschaftler und Direktor der Abteilung für Globalisierung und Entwicklungsstrategien bei der UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung) in Genf.

Die große Krise der globalen Finanzen ist keineswegs zu Ende. Sie hat nur eine Pause eingelegt. Die Staaten haben zwar Notmaßnahmen ergriffen und die reale Wirtschaft stabilisiert, aber da die Politik in den meisten Ländern noch nicht einmal im Ansatz begriffen hat, was da eigentlich passiert ist, schwelt der Brand weiter und kann jederzeit neu ausbrechen.

Was ist geschehen? Es gab offensichtlich eine große Katastrophe, es gibt aber keine Schuldigen. War es eine Naturkatastrophe? Bisher ist nur ein einziger Banker rechtskräftig verurteilt worden. In New York wurde Bernard Madoff zu hundertfünfzig Jahre Gefängnis verurteilt worden, weil er etwa 65 Milliarden Dollar veruntreut hat. Was ist eigentlich mit den anderen 3.000 Milliarden passiert, die in der Krise untergegangen sind? Waren die anders und besser angelegt?

Verbotenes Schneeballsystem

Schon hier dringen wir zum Kern der Moral der Börsen vor, mit der sich Oswald von Nell-Breuning schon vor der letzten großen Krise im Jahr 1928 befasst hat. Was war in der Sache so anders zwischen dem, was Herr Madoff gemacht hat, verglichen mit den anderen Bankern, den "richtigen" Bankern sozusagen, oder den Investmentbankern und den übrigen Spielern in den globalen Kasinos?

Nun, Herr Madoff hat ein einfaches Spiel gespielt, ein sehr einfaches Spiel, das man in der deutschen Sprache "Schneeballsystem" und in Englisch "Ponzi-game" nennt, nach einem italienischstämmigen Betrüger in den USA der 20er Jahre. Das sind Spiele, bei denen man Leute mithilfe eines besonders attraktiven Renditeversprechens bittet, Geld in einen Topf zu geben, um - das ist das Versprechen - dieses Geld besonders Ertrag bringend anzulegen.

Das ist nicht verboten. Ein Verbrechen wird daraus erst, wenn man die versprochene Rendite gar nicht durch wirkliche Investitionen in Sachanlagen oder sonstige stabile Finanzanlagen erzielt, sondern und immer mehr Leute darum bittet, Geld zu geben, mit dem man dann die Rendite für die ersten Teilnehmer bezahlt. Irgendwann bricht das Schneeballsystem zusammen und alle wissen ganz genau, dass der Mensch, der es organisierte, ein Betrüger war und ins Gefängnis muss.

Wo ist der Unterschied zu 25 Prozent Rendite?

Seminar beim Forum Alpbach:

Heiner Flassbeck leitet gemeinsam mit Susan Schadler beim Europäischen Forum Alpbach 2010 das Seminar "Economic Theory and Economic Policy in Crisis?" (20.-25.8.2010). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Folglich gewinnen die Ersten und die Letzten verlieren. Ist das ganz anders als bei den normalen Versprechen, die an den Kapitalmärkten abgegeben werden? Gibt es nicht scheinbar seriöse Banker, die immer noch oder schon wieder 25 Prozent Rendite versprechen? Machen die etwas fundamental anderes? Wird nicht auch dort Geld gesammelt, investiert und in der Krise verloren, wenn man nicht rechtzeitig aus seiner "Investition" aussteigt?

In der Tat, auch an den normalen legalen Finanzmärkten wird Geld hereingenommen und in verschiedenen Märkten angelegt. Man legt es in amerikanischen Hauspreispapieren an, in Derivaten von Rohstoffen, in Währungen oder in Aktien. Doch was geschieht dann? Woher kommen die Erträge für diese "Investition"? Kommen sie aus Erträgen von Investitionen in Sachkapital? Ist folglich der Ertrag, den Investmentbanker und Hedgefonds erzielen, realer Ertrag im Sinne von durch produktive Investitionen erwirtschaftetem Ertrag?

Offenbar könnten wir nur dann, wenn es Erträge aus produktiven Investitionen oder sicheren langfristigen Anlagen wie Staatsanleihen gewesen wären, zu Recht sagen, es war kein Ponzi-game.

Zwei Prozent Wachstum, zwei Prozent Rendite

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleiten das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell und in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr).

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Wie aber erzielen die Kunden der Bank mit produktiven Investitionen auf Dauer die 25 Prozent Rendite, die anscheinend alle Banken "brauchen", um ihre Eigenkapitalgeber, ihre Aktionäre zu befriedigen? Gesamtwirtschaftlich gesehen gibt es ja nur Kapital und keine Trennung von Eigen- und Fremdkapital, was bedeutet, dass man generell sehr hohe Renditen auf Kapital erzielen muss, will ein großer Akteur systematisch und auf lange Zeit 25 Prozent Eigenkapitalrendite erzielen.

Bei zwei Prozent realem Wachstum erzielt nämlich auch Kapital insgesamt nur zwei Prozent "nationale Dividende", und das auch nur dann, wenn die Arbeitnehmer sich ebenfalls mit zwei Prozent zufriedengeben.

Glaube an Wertsteigerung steigert "Werte"

Welchen anderen Ertrag kennt eine Volkswirtschaft als den, der sich aus Investitionen in Sachanlagen ergibt? Wird an den Finanzmärkten ein Spiel gespielt, bei dem es auf die Rendite von Sachanlagen gar nicht ankommt? Setzt man gar nicht auf die Dividende (oder den Zins), die man mit einer Anlage auf lange Sicht erzielen kann, sondern von vorneherein auf einen steigenden Preis der Anlage selbst?

Es ist aber offensichtlich: Wenn viele Leute mit viel anlagebereitem Geld glauben, dass die Aktienkurse steigen und daraufhin große Summen in Aktien investieren, dann steigen tatsächlich die Aktienkurse genau deswegen, weil so viele das glauben. Wenn aber der "Wert" eines Unternehmens an der Börse innerhalb eines halben Jahres um 100 Prozent steigt, ist dann der wirkliche Wert dieses Unternehmens im Sinne seiner Produktivkraft oder seiner Wettbewerbsfähigkeit notwendigerweise auch um 100 Prozent gestiegen?

Oder erhöhen sich, wenn viele Leute ihr Geld in Rohstofffutures anlegen und dabei die Rohstoffpreise steigen, Werte, außer, dass die Produzenten von Rohstoffen reicher und die Konsumenten um genau gleich viel ärmer werden? Dadurch ist mit Sicherheit auf dieser Welt kein Wert entstanden! Oder sind dadurch Werte entstanden, dass viele amerikanische Bürger, die sich eigentlich keine Häuser leisten konnten, Häuser auf Pump gekauft und später wieder verloren haben?

Beispiel Währungsspekulation

Das beste Beispiel für die Fragwürdigkeit der "Investition" in solche Finanzanlagen sind Währungen. Eigentlich kann eine Anlage in fremder Währung, für sich genommen, keinen Ertrag erbringen. Es ist ja nur der Tausch von Geld gegen Geld. Wer Aktien in einem anderen Land kauft, muss zwar auch in die fremde Währung tauschen, aber er hofft ja vielleicht auf Dividende.

Das Währungsgeschäft an sich ist nur die Verfügung über ein anderes Geld, das im Prinzip genauso wenig gewinnbringend sein sollte, wie das Halten des eigenen Geldes. Es ist auch sofort klar, dass das Halten von Geld selbst dann nicht gewinnbringend sein sollte, wenn man es kurzfristig auf einem Konto deponiert. Selbst wenn man dafür einen Zins kassiert, darf der nicht höher sein als im eigenen Land und sollte nahe Null liegen, weil ein höherer Zins in einem anderen Land ja nur ein höheres Inflationsrisiko dort signalisieren könnte.

Und wenn es dort ein höheres Inflationsrisiko gibt, sollte sich das systematisch in einem entsprechenden Währungsrisiko niederschlagen. So zeigt allein die Tatsache, dass Währungsspekulation eines der größten Geschäfte überhaupt ist, wie krank unser Finanzsystem geworden ist.

Die hohlen Phrasen der Banker

Hinzu kommt das, was man im Englischen eine "fallacy of composition" nennt, was nichts anderes meint, als dass nicht alle das Gleiche tun können, was ein einzelner tut. Wenn bestimmte Währungen durch die "Investition" von Banken und Hedgefonds aufwerten, müssen notgedrungen andere Währungen abwerten. Schon deswegen kann niemals ein Wert entstehen und das Gerede vom "Werte Schaffen", das die Banker so gerne benutzen, um ihr Tun zu tarnen, erweist sich sofort und ohne jeden Zweifel als hohle Phrase.

Zudem treibt die Aufwertung einer Währung, nehmen wir z. B. den ungarischen Forint, der in den letzten zehn Jahren vor der Krise aufgewertet hat, die Wirtschaft des aufwertenden Landes in eine Krise, weil die eigenen Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und, obwohl sie vielleicht kerngesund waren, in die Pleite gehen. Entsteht dann ein Wert?

Wenn viele Leute ihr Geld kurzfristig von japanischen Yen in ungarische Forint oder isländischen Krone tauschen und das getauschte Geld für drei Wochen, drei Tage oder drei Stunden in Ungarn oder Island deponieren, kann dann ein Wert entstehen? Offensichtlich nicht. In keinem dieser Fälle entsteht ein Wert, es werden sogar in großem Maßstab reale Werte vernichtet, wenn die Aufwertung ungerechtfertigter Weise die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften verändert hat!

Spekulationen führen zum Zusammenbruch

Die Folgen all dieser spekulativer Veränderungen von Preisen sind leicht zu verstehen. Irgendwann werden diese Preise für die reale Wirtschaft, für die Menschen also, die wirklich arbeiten und Geld verdienen könnten, für die Leute, die wirklich investieren und damit produktive Erträge erwirtschaften könnten, für diese Menschen werden die spekulativ verzerrten Preise irgendwann nicht mehr tragbar.

Irgendwann kann die ungarische Wirtschaft einen in die Höhe getriebenen ungarischen Forint nicht mehr verkraften. Oder die isländische Wirtschaft kann eine gewaltig aufgewertete isländische Krone nicht mehr durchhalten und bricht zusammen. Irgendwann können die Marktteilnehmer keine 150 Dollar Ölpreis mehr zahlen und irgendwann können auch die amerikanischen Haushalte insgesamt mit massiv nach oben getriebenen Hauspreisen nicht mehr besser gestellt werden, weil es niemanden mehr gibt, der sich noch ein neues Haus leisten kann.

Scheingewinne und Blasen

Und genau dann bricht diese ganze Pyramide, bricht dieses ganze Kettenbriefsystem zusammen. Und dann sehen wir, dass es nichts anderes war als ein Ponzisystem. Es ist nur ein verzögertes Ponzisystem sozusagen. Ein paar Jahre lang konnte man sich der Illusion hingeben, man habe aus Nichts Einkommen und Gewinn gemacht, weil es gelungen ist, diese Preise nach oben zu treiben.

Der einzige Unterschied zum Ponzigame ist die Tatsache, dass es gelingt, für ein paar Jahre die Preise an entscheidenden Märkten so zu verzerren, man kann auch sagen, so zu verunstalten, so weit von der Wirklichkeit zu entfernen, dass man auf dieser Basis für ein paar Jahre Gewinne machen kann.

Vorübergehend sieht das toll aus, die Banken erzielen prächtige (Buch)gewinne und schwellen die Brust. Die Medien bejubeln nach der Krise in gleicher Weise wie vor der Krise die Scheingewinne der Banken wie eine nationale Großtat. Weil das, was in den Büchern steht, aber zum größten Teil aus solchen Scheingewinnen besteht, bei denen die zwingend notwendigen Verluste der späteren Jahre nicht eingerechnet waren, ist die ganze Blase von vorneherein eine Katastrophe?

Verluste werden von allen getragen

Die Antwort auf die Frage, welche Werte geschaffen werden, ist also ganz einfach, und jeder vernünftige Mensch kann sie sofort geben: Null Werte sind im allerbesten Fall entstanden. Aus dem Kasino kommt eben nicht mehr heraus, als man hineingetragen hat. Null wäre aber noch gut! Für fast alle Menschen ist es weit weniger als Null, weil der Staat gezwungen ist, die Verluste der Kasinogeschäfte zu übernehmen und die angerichteten Schäden zu beseitigen.

Die während der Scheinblüte materialisierten Gewinne aber, die in Form von schönen Yachten auf dem Mittelmeer schaukeln, dürfen natürlich nicht angetastet werden. So wird aus dem Nullsummenspiel ein gewaltiges Negativsummenspiel für die Gesellschaft als Ganzes.

Lösung: Banken von Investmentbanken trennen

Vor der großen Krise haben ganz viele Zocker mit ganz viel geliehenem Geld Nullsummenspiele gespielt, um die berühmten 25 Prozent Rendite zu verdienen. Da man aber mit Nullsummenspielen weder 25 Prozent noch irgendeine andere Rendite erzielen kann, musste es schief gehen. Etwas anderes war logisch unmöglich.

Der Großteil der Investmentbanker hat nichts anderes getan, als sich mit Hilfe solcher Spiele kurzfristig reich zu rechnen. Der Großteil der Aktivitäten der Helden der neuen Finanzindustrie, der "Masters of the Universe", der Investmentbanker, waren Nullsummenspiele, die früher oder später zusammenkrachen mussten, weil man die Preise soweit von der Wirklichkeit entfernt hat, dass die wirkliche Wirtschaft sie nicht mehr darstellen konnte.

Die Lösung ist einfach: Man muss wieder strikt trennen zwischen normalen Bankaktivitäten und solchen, die reine Nullsummenspiele sind. Nur wer normale Bankgeschäfte betreibt, darf sich Bank nennen und hat Zugang zur Refinanzierung durch die Notenbanken und wird im Ernstfall gerettet. Investmentbanken dürfen mit dem Geld ihrer Kunden auf einigen wenigen Märkten spielen, erhalten aber niemals Kredit von einer normalen Bank, weil die für Nullsummenspiele keine Kredite vergeben dürfen.

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