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Ein Gedenktstein im KZ Ravensbrück

Die "Faszinationskraft" der KZ-Bordelle

Sex, Gewalt und Nazis: Dass sich diese Themen gut verkaufen lassen wissen Medien, Filmemacher und Autoren gleichermaßen. Während KZ-Bordelle in Gedenkstätten tabuisiert wurden, waren sie in der Popkultur immer präsent. Hat die Trivialisierung zum Vergessen der Realgeschichte der Sex-Zwangsarbeiterinnen beigetragen?

Zeitgeschichte 18.08.2010

Insa Eschebach, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe von "L'Homme", der Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, einen Essay zu diesem Thema.

Sie vermutet, dass die wahre Geschichte der KZ-Prostituierten zwischen Pornos und Trivialliteratur, die sich der "Faszinationskraft der Bilder" nicht entziehen konnten, untergegangen ist.

Sex-Zwangsarbeit in Konzentrationslagern

Zur Person und zum Essay:

Insa Eschebach, geboren 1954, hat Religionswissenschaften, Philosophie und Publizistik studiert. Seit 2005 ist sie Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück. Ihr Essay "Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern. Geschichte, Deutungen und Repräsentationen" ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "L'Homme" erschienen.

Den "fleißig arbeitenden Gefangen" sollten als Leistungsanreiz "Weiber in Bordellen zugeführt" werden schrieb Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, im März 1942 in einem Brief an den Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, Oswald Pohl. Es war die Geburtsstunde der Sex-Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern der Nazis.

Dahinter stand die Idee, durch "Hafterleichterungen" wie Tabakwaren, Tragen eines militärischen Haarschnitts oder eben Bordellbesuche die "Arbeitsleistung" der Häftlinge zu steigern. Die ersten Bordelle gab es in Mauthausen und Gusen. Bis Kriegsende arbeiteten etwa 220 Frauen in zehn Konzentrationslagern als Zwangsprostituierte. Sie kamen aus Deutschland, Polen, der Ukraine, Weißrussland und den Niederlanden, wie Eschebach in ihrem Essay schreibt.

Unter ihnen waren keine Jüdinnen und die Häftlinge, die diese Bordelle aufsuchten, waren vorwiegend Deutsche oder politische Gefangene aber keine Juden oder Roma und Sinti. "Die abstrusen Rassengesetze der Nazis waren vermutlich der Grund dafür", so Eschebach im Gespräch mit science.ORF.at.

Weiterverarbeitung in der Popkultur

Die KZ-Bordelle wurden seit Kriegsende unzählige Male in Filmen und Büchern thematisch verarbeitet. Eschebach beschreibt in ihrem Essay folgendes Phänomen: Einerseits gab es eine Tabuisierung des Themas, denn die Frauen, die in diesen Bordellen Sex-Zwangsarbeit leisten mussten, gerieten in Vergessenheit. KZ-Gedenkstätten in Ost- und Westdeutschland wiesen jahrzehntelang nicht auf die Bordelle hin.

Andererseits gab es Filme, Bilder und Literatur, die sich der Faszinationskraft von sexualisierter Gewalt in KZs - oft auch im pornografischen Kontext - nicht entziehen konnten. Eschebach nennt folgende Beispiele: In den 1960er Jahren gab es die "Stalag-Literatur" in der sich beispielsweise ein US-amerikanischer Offizier während seines Kampfes gegen Nazi-Deutschland in einem Lager am Wachpersonal sexuell rächte.

Der israelische KZ-Überlebende und Autor Yehiel Feiner schrieb unter dem Pseudonym Ka-Tzetnik den Roman "House of Dolls", in dem sich Häftlinge prostituieren müssen. Der Inhalt dieses Romans ist übrigens auch Namensgeber der Post-Punk-Band Joy Division, die in den späten 1970er Jahren rund um Sänger Ian Curtis gegründet wurde. Ab den späten 1960er Jahren entstanden in Italien Filme wie "Der Nachtportier" und "Nazi Love Camp #27" um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Vergessen der Realgeschichte?

Ganz offensichtlich hat die Popkultur wie ein Schwamm diese Thematik aufgesogen. Eine Trivialisierung des Themas war die Folge. Eschebach betont den negativen Beigeschmack und vermutet: "Je mehr phantasmatische Bilder und schillernde Vorstellungen existieren, desto weniger setzt man sich mit der Realgeschichte auseinander."

Die wahre Geschichte der Frauen, die Sex-Arbeit leisten mussten, sei zwischen Pornos und Trivialliteratur untergegangen. Die wirkliche Lage wurde in Filmen und Büchern in keiner Weise widergespiegelt.

Helga Amesberger vom Wiener Institut für Konfliktforschung veröffentlichte 2004 das Buch "Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern" und sieht das ähnlich: "Die Bilderflut der Populärkultur und die Trivialisierung haben sicher dazu beigetragen. Es gab eben einen Markt dafür," meinte sie gegenüber science.ORF.at.

Faszinationskraft brechen

Aber warum übt die Kombination Sex, Gewalt und Nazis so einen starken Reiz aus? Amesberger meint: "Sex sells. Und: Man könnte ja glauben, dass Sexualität und Aggression ein Widerspruch sind - so ist es aber nicht. In dieser Ambivalenz liegt wahrscheinlich die Anziehungskraft."

Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück kann sich die Faszinationskraft der Bilder nicht erklären: "Mir persönlich ist das rätselhaft und ich habe keine Ahnung warum das so ein Faszinosum ist", so Eschebach. Aber sie ist sich sicher: "Wir von Seiten der Gedenkstätten müssen über dieses Kapitel der KZ-Geschichte informieren um diese unglaubliche Faszinationskraft zu brechen."

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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