Standort: science.ORF.at / Meldung: "Digitale Datenberge für die Sozialwissenschaft"

Visualisierung von FlickR-Daten aus Spanien des MIT

Digitale Datenberge für die Sozialwissenschaft

Beim Surfen im Internet und beim Telefonieren mit dem Handy hinterlassen wir zahlreiche Anhaltspunkte über unser privates Leben. Kommerzielle Unternehmen wie Google haben den Wert der Daten längst erkannt, und auch die Sozialwissenschaften haben die digitalen Datenberge entdeckt.

Technologiegespräche 30.08.2010

Filippo dal Fiore vom Senseable City Lab des MIT präsentierte bei den Technologiegesprächen in Alpbach einige originelle Beispiele, wie sich über anonyme allgemein verfügbare Daten menschliches Verhalten studieren lässt - etwa von Fotoplattformen im Internet.

Die Verteilung von Menschen in der Stadt

Amsterdam zu Silvester 2008, das SMS-Verhalten der Einwohner

MIT Senseable City Lab

Die SMS-Häufigkeit in Amsterdam zu Silvester 2007/08 visualisiert: Schon um 20 Uhr wird viel getextet (Bild oben), um Mitternacht expoldieren die Botschaften (Bild unten).
Video des SMS-Verhaltens

Fast minütlich hinterlassen wir auf irgendeinem Server Lebens- und Verhaltensspuren, seien es die Logindaten unseres Mobiltelefons, das sich bei einem Sender anmeldet, oder auch nur Belege unseres Emailverkehrs, der verrät, wie unser soziales Netz gewoben ist.

Für Filippo dal Fiore vom MIT Senseable City Lab sind Daten aus der digitalen Welt der Grundstoff, um Städte besser zu verstehen und besser zu planen. In Amsterdam etwa nimmt dal Fiore die anonymen Mobiltelefondaten, um ein Bild zu erhalten, wie sich Menschenmassen in der Stadt verteilen und bewegen - das interessiert die Polizei genauso wie den öffentlichen Transport:

"Stellen Sie sich vor, es gibt einen großen Unfall oder eine Explosion in der Stadt, etwa im Industriegebiet. Und irgendwo findet gerade ein Megaevent statt: Dann müssen die Behörden unbedingt wissen, wo sich im Augenblick besonders viele Menschen aufhalten. Vielleicht muss man Evakuierungspläne erstellen, oder Menschenmassen drängen sich in Plätzen, die gar nicht für eine große Menge ausgelegt sind. Unsere Daten, die wir aus dem Internetverkehr oder von Mobiltelefonen beziehen, können den Behörden helfen, die Situation in Echtzeit zu überwachen", erklärt dal Fiore.

Seine Forschergruppe hat eine Methode entworfen, mit deren Hilfe die Verteilung von Menschen in einer Stadt gut vorhergesagt werden kann, obwohl dazu nur die Daten von relativ wenigen Mobiltelefonbenutzern benötigt wird.

Was Touristen in Spanien machen

Ein besonders spektakuläres Beispiel von Datamining stammt aus Spanien. Dort haben dal Fiore und seine Kollegen Fotos analysiert, die inklusive Standortdaten auf die Fotoplattform FlickR hochgeladen wurden.

Viele Handys und auch manche Kameras zeichnen diese Daten mit auf, ohne dass es dem Benutzer bewusst ist. FlickR bindet die Fotos in eine Landkarte ein, über die IP-Adresse des Computerbenutzers weiß der Bilderdienst zudem, von wo aus die Fotos hochgeladen wurden, ob etwa von England oder Deutschland aus.

Dal Fiore nutzte die Fotos in dem Projekt "The World's Eyes, um touristische Vorlieben zu erheben: "Wir haben Fotos analysiert, die auf FlickR hochgeladen wurden und klar Spanien zugeordnet werden konnten. Danach haben wir mit diesen Bildern das touristische Verhalten rekonstruiert. Zum Beispiel wollten wir wissen, ob Engländer andere Plätze besuchen als Amerikaner oder Deutsche. Und wir wollten sehen, ob Amerikaner eher Monumente fotografieren und Engländer eher Menschen", erklärt dal Fiore.

Trockenheit des Landes, Puls der Stadt

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2010 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen (Freitag, 27.8., und Montag, 30.8, 19.06 Uhr) und bei der Kinderuni (Sonntag, 19.9. und 17.11).

Alle Beiträge zu Alpbach 2010 in oe1.ORF.at

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Die FlickR-Daten wurden aber auch noch zu etwas anderem verwendet: "Wir haben dokumentiert, wo Spanien besonders stark von der Dürre heimgesucht wird. Dort waren die Bilder nämlich weitaus weniger grün und stattdessen brauner. Der Braunton der Landschaften auf den Fotos zeigte uns, wie stark der jeweilige Ort an Wassermangel litt."

In Florenz wiederum hat dal Fiore mit den anonymen Standortdaten von Mobiltelefonen Touristenströme modelliert. Während es klar sei, in welchen Hotels Touristen wohnen und bei welchen Sehenswürdigkeiten sie sich anstellen, wisse man sehr wenig über ihr Verhalten dazwischen, so der MIT-Forscher.

Digitale Daten zeigen dir den Puls der Stadt, und der ändert sich ständig, sagt Dal Fiore. "Konventionelle Methoden geben dir nur einen Schnappschuss mit Daten, die im nächsten Augenblick schon wieder veraltet sind."

Mit Hilfe anonymer Datenspuren lässt sich auch das Pendlerverhalten von und zu Städten analysieren - ohne neue Infrastruktur auf Straßen installieren zu müssen."Sie können sich vorstellen, dass öffentliche Transportunternehmen sehr interessiert daran sind, solche Daten zu bekommen. Eine Alternative wäre, Straßen mit Sensoren auszurüsten, die den Verkehr beobachten. Der Vorteil unserer Methode besteht darin, dass es keine neuen Geräte, keine Hardware braucht - wir nehmen einfach Daten, die schon vorliegen."

Zwei Beispiele aus New York

Technologiegespräche in Alpbach

Von 26. bis 28. August fanden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautete "Entwurf und Wirklichkeit in Forschung und Technologie". Dazu diskutierten Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten.

Beiträge zum Forum Alpbach 2010

Schauplatz New York: Dort beschloss der Bürgermeister, unter der Brooklyn-Bridge für ein halbes Jahr eine Wasserskulptur zu installieren. Das Projekt kostete Millionen - und brauchte natürlich eine Rechtfertigung bzw. Qualitätssicherung:

"Die Behörden haben uns also angerufen und gebeten, die Telekommunikation zu analysieren und die FlickR-Aktivitäten im Umfeld des Kunstwerks zu beobachten. Wir haben dokumentiert, wie sich die Aktivitäten dort vor, während und nach der Installation entwickelt haben. Dadurch konnten wir der Stadtverwaltung genug Daten liefern, die zeigten, dass sich das Investment gelohnt hatte."

Ebenfalls in New York hat dal Fiore eine Landkarte der Internetverbindungen zwischen dem Big Apple und dem Rest der Welt gezeichnet - und für seine Analysen verwendet.

"Diese Daten zeigten uns, dass eine Community in Brooklyn besonders viel mit Nigeria kommunizierte, eine andere Gemeinschaft in Flushing Meadows hatte besonders viele Verbindungen mit Brasilien. Dadurch konnten die Behörden ein besseres Bild der Bevölkerung gewinnen - die letzte Volkszählung lag schließlich schon zehn Jahre zurück. Sie können sich vorstellen, wie sehr Immigration in zehn Jahren das Stadtbild verändern kann - die letzte Volkszählung hat die Einwanderung der Brasilianer vielleicht noch gar nicht mitbekommen. Aber mit Hilfe der Daten aus Internet und Mobilkommunikation kann man diese Veränderungen relativ schnell und gut erfassen."

Durch die neue Datenwelt habe sich für die Sozialwissenschaften eine neue Ära aufgetan, betont Filippo dal Fiore. Man müsse bei der Nutzung dieser Daten sehr kreativ sein, meint der Forscher, weil sie neue Horizonte eröffnen könnten.

Franz Zeller, Ö1 Wissenschaft

Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2010: