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Maskierte Männer

Gewalt erzeugt neue Gewalt

Während Israelis und Palästinenser einander zu Friedensgesprächen treffen, zeigt eine Studie die psychologischen Folgen des Krieges in Nahost auf: Die Dauerpräsenz der Gewalt löst bei Jugendlichen nicht nur Angststörungen aus, sie führt auch zu Gewalt unter Ihresgleichen.

Nahost-Konflikt 17.09.2010

Zeugen des Krieges

Dass Raketenangriffe und Bombardements mit Flugzeugen ein Klima permanenter physischer Gefahr erzeugen, ist nicht nur naheliegend - der Effekt ist wohl auch von den jeweiligen Aggressoren des Nahostkonflikts intendiert. Laut einer Befragung von Forschern der University of Michigan sollte man auch die indirekten psychologischen Wirkungen nicht unterschätzen.

Die Studie

The Effects of Exposure to Violence on Aggressive Behavior: The Case of Arab and Jewish Children in Israel ist im Sammelband Indirect and direct aggression erschienen; New York: Peter Lang 2010.

Nahezu 50 Prozent aller palästinensischen Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren haben Menschen gesehen, die weinten oder verzweifelt waren, weil jemand aus ihrem näheren Bekanntenkreis durch einen Angriff getötet worden war. Fast ebenso viele Jugendliche aus Palästina wurden innerhalb des letzten Jahres direkte Zeugen der Gewalt - in Form von auf dem Boden liegenden Verwundeten oder Toten.

Auf israelischer Seite sind die entsprechenden Zahlen nicht ganz so hoch, bedenklich sind sie dennoch. Etwa ein Viertel der befragten Jugendlichen wurden mit der Verzweiflung anderer durch gewaltsame Todesfälle konfrontiert, rund 10 Prozent sahen Verwundete oder Tote.

Angst und Aggressionen

"Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem die palästinensischen Jugendlichen in ihrem Alltag mit einem außergewöhnlich hohen Maß an Gewalt konfrontiert sind", sagt Rowell Huesmann, Direktor des Reserach Center for Group Dynamics in Michigan und Leiter des entsprechenden Forschungsprojekts. "Diese Konfrontation bewirkt nicht nur einen dramatischen Anstieg posttraumatischer Stresssymptome, sie führt auch zu aggressivem Verhalten zwischen den Jugendlichen."

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Rowell Huesmann et al.

Der Zusammenhang zwischen wahrgenommener Gewalt und aggressivem Verhalten

Dieser Konnex offenbart sich laut der Untersuchung auch in statistischen Daten. Jene Jugendlichen aus Israel und Palästina, die am häufigsten Gewalt beobachteten, neigten deutlich öfter dazu, Jugendliche aus ihrem persönlichen Umfeld körperlich zu attackieren - zu schlagen, boxen und würgen - oder sie mit Messern oder gar mit Schusswaffen zu bedrohen.

"Der Zusammenhang ist klar", resümiert Eric Dubow, ein Co-Autor der Studie. "Je mehr Gewalt Jugendliche sehen, desto aggressiver verhalten sie sich". Ähnliches gilt für das Innenleben der Betroffenen. Gewalt erzeugt nicht nur neue Gewalt, sie löst auch Angst, Alpträume und Traumata aus.

"Wie eine ansteckende Krankheit"

Wie die Untersuchung an 1.500 Kindern zeigt, litten beispielsweise 70 Prozent aller israelischen Araber an Alpträumen, sofern sie regelmäßig mit den gewaltsamen Folgen des Krieges in Kontakt kamen. Die Forscher schreiben in ihrer Studie auch, dass die Neigung zu Angst und Aggression unabhängig von Charaktereigenschaften der Jugendlichen und den Familienverhältnissen sei. Die Auswertung zeige, dass es sich um hierbei eine direkte Folge des Krieges handle.

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Rowell Huesmann et al.

Der Zusammenhang zwischen wahrgenommener Gewalt und dem Auftreten von Alpträumen

"Wenn man die Fachliteratur zu diesem Thema betrachtet, mag der Zusammenhang zwischen kriegerischer Gewalt und aggressivem Verhalten nicht überraschend sein", sagt Rowell Huesmann.

"Bisher war jedoch nicht hinlänglich klar, dass sich diese Aggressionen gegen Mitglieder der eigenen Gruppe richten - obwohl der ursprüngliche Gewaltakt von einer anderen Gruppe verübt wurde. Gewalt ist eine ansteckende Krankheit wie Pocken oder Typhus, und Kinder sind besonders anfällig dafür. Im Nahen Osten hat die Gewalt unter Jugendlichen epidemische Ausmaße erreicht. Die meisten sind infiziert. Die Narben dieser Infektionen mögen vielleicht niemals vollständig verschwinden - aber es könnten neuen Infektionen verhindert werden, wenn Israelis und Araber ihren Konflikt beilegen würden."

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