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Porträtfoto der Linguistin Ruth Wodak

Ruth Wodak: "Perpetuum rechter Rhetorik"

Ruth Wodak ist Linguistin und Kämpferin gegen Rassismus und Chauvinismus. Die Professorin lehrt und forscht derzeit an den Universität Lancaster. Anlässlich ihres 60. Geburtstags spricht sie im Interview mit der APA über ihre eigene Schule der "Kritischen Diskursanalyse" und innenpolitische Verbalentgleisungen.

Diskursanalyse 24.09.2010

Ruth Wodak
Ruth Wodak wurde am 12. Juli 1950 in London geboren. Sie studierte von 1968 bis 1974 an der Universität Wien die Fächer Slawistik Osteuropäische Geschichte und Sprachwissenschaft. Wodak ist Expertin im Bereich der Diskursanalyse, in der sie auch eine eigene Richtung, den Diskurshistorischen Ansatz begründet hat. Sie arbeitet derzeit als Professorin an der Universität Wien und an der Lancaster University in England.

Kommenden Dienstag ehren Sie renommierte Kollegen, Weggefährten und Schüler anlässlich Ihres 60. Geburtstags im Rahmen einer akademischen Feier an der Universität Wien. Was bedeutet für Sie diese Veranstaltung und die Präsentation einer Festschrift?

Ruth Wodak: Ich freue mich sehr über diese Feier, die als Überraschung geplant wurde und von der ich bis vor einer Woche nichts erfahren hatte. Ich bin natürlich sehr gerührt, dass viele KollegInnen und v.a. auch meine ehemaligen SchülerInnen mit mir meinen Geburtstag feiern; es ist auch eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und sich Gedanken über die Zukunft zu machen: Ich habe noch viele wissenschaftliche Pläne und gehe ja noch lange nicht in Pension.

Sie gelten als Spezialistin für Kritische Diskursanalyse. Was kann man darunter verstehen?

Ich bin Expertin für Soziolinguistik und Diskursforschung und habe in den letzten 30 Jahren auch eine Schule innerhalb der kritischen Diskursanalyse mit meinen MitarbeiterInnen begründet - den sogenannten Diskurshistorischen Ansatz bzw. die "Wiener Schule der Kritischen Diskursanalyse".

In der Kritischen Diskursanalyse ganz allgemein geht es darum, komplexe soziale Phänomene, wie etwa Migration, Globalisierung, Kommunikation in Institutionen, Identitäts- und Vergangenheitspolitik oder die Verbreitung von Vorurteilen zu verstehen und zu erklären, die u.a. inhärent mit Sprache verbunden sind. Sprache und Kommunikation spielen ja in vielen Lebensbereichen eine ganz wichtige Rolle.

Wir versuchen dabei (Diskurs-)Entwicklungen aufgrund soziopolitischer Ereignisse und Konstellationen nachzuvollziehen und zu erklären, also eine historische Perspektive mit zu integrieren.

Können Sie das anhand eines Beispiels erläutern?

Zum Beispiel untersuchen wir, wie sich Migration und die öffentlichen Debatten darüber verändert haben, etwa seit 1989. Wenn ja, in welcher Form, wer ist wie daran beteiligt, wie wird über Migranten gesprochen, wie haben sich mündliche oder schriftliche oder visuelle Texte wie Interviews, Debatten, Filme, Slogans, Wahlwerbung, etc. in Form und Inhalt verändert?

Werden heutzutage andere Begriffe verwendet, wurden wichtige Begriffe umdefiniert, hat sich etwa die Kategorisierung in "Fremde", "Migranten", "Flüchtlinge" verändert und mit welchen Folgen? Werden gesellschaftliche Konventionen bzw. Tabugrenzen verletzt oder durchbrochen? Solche Diskursforschung ist notwendigerweise interdisziplinär, weil die Phänomene so komplex sind. Daher muss man auch mit Historikern, Politikwissenschaftern, Migrationsforschern und Soziologen eng zusammenarbeiten.

Was bringt diese historische Komponente?

Sozialer Wandel ist als Untersuchungsobjekt besonders wichtig und spannend, weil man sonst keine Vergleiche ziehen kann. Wenn man soziale Phänomene nur punktuell analysiert, kann man keine generalisierbaren Aussagen treffen, keine Prognosen für die Zukunft stellen und die meist widersprüchlichen und fragmentierten Entwicklungen von Diskursen nicht begreifen.

Sie haben vor einigen Jahren den politischen Diskurs in Österreich als durchzogen von rassistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Argumenten kritisiert. Hat sich daran etwas verändert?

Man kann nicht behaupten, und da wurde ich sicher verkürzt zitiert, dass der politische Diskurs per se und als Ganzes von solchen Argumenten durchzogen ist. Es gibt immer sehr unterschiedliche Positionen und daher auch unterschiedliche Argumente in einem breiten politischen Spektrum. Jetzt erleben wir gerade einen Wahlkampf, in dem ganz unterschiedliche Perspektiven manifest werden. Wenn man sich beispielsweise die aktuellen FPÖ-Plakate anschaut, so stechen explizit xenophobe Aussagen hervor. Das möchte ich gar nicht weiter kommentieren. Ähnlich ausgrenzende Aussagen gab es 2001, als Dr. Muzicant (Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant, Anm.) diffamiert wurde.

In dieser Beziehung hat sich also nichts verändert?

Es ist auffallend, dass rechtspopulistische Parteien wie die FPÖ es immer wieder schaffen, eine bestimmte, sehr aufgeheizte Dynamik in den Wahlkampf hineinzutragen, indem sie gleich zu Beginn ein Skandalon schaffen. Alle Medien und politischen Parteien stürzen sich darauf und reagieren, womit eine Themensetzung durch die FPÖ erfolgt ist.

Dann fängt quasi eine Diskursspirale an: die FPÖ behauptet dann häufig, das hätten sie so nicht gemeint, stilisieren sich dann als Opfer einer "Medienkampagne" und entschuldigen sich schließlich in doppeldeutiger Weise, was wir mit "kalkulierter Ambivalenz" bezeichnen.

Mit dieser Spirale, die ich als Perpetuum mobile der rechtspopulistischen Rhetorik bezeichne, geraten die anderen Parteien in eine Falle, weil man nicht mehr eigenständig andere, wichtige Themen setzen kann.

Aber auch abseits des rechten Rands herrscht ein rauer Ton, wenn man an jüngste Aussagen über politische Konkurrenten wie "herzig" oder "ang'rennt" denkt. Ist das einfach Wahlkampf-Rhetorik, die man nicht so ernst nehmen sollte, oder zeugt das vom Verfall politischer Kultur?

Das ist wahrscheinlich ein Schlagabtausch, der unter anderem mit der Wahlkampf-Dynamik und mit den Persönlichkeiten von Politikern zusammenhängt. Es heißt ja nicht umsonst "Wahlkampf"; Kampfmetaphorik, wie "In den Ring steigen", etc. sind zu bemerken. Ein solcher "Kampf" ist meist auch männlich. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich frauenfeindliche Töne eingeschlichen haben.

Im Bildungs- und Wissenschaftsbereich soll zwar nicht so viel wie anderswo, aber dennoch gespart werden. Was halten Sie davon?

International sieht man, egal wohin man schaut, dass es zwar Kürzungen geben muss, aber dass trotzdem in Bildung investiert wird. Warum? Weil dort die Zukunft unserer Jugend und damit unserer Gesellschaft liegt. Täglich wird uns zwar erzählt, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben; gleichzeitig will man nicht genug in Bildung investieren, obwohl es an Infrastruktur und Lehrpersonal mangelt.

Es gibt eine Menge von Reformnotwendigkeiten, wobei Studiengebühren alleine das Kraut nicht fett machen werden. ExpertInnen sprechen von fehlenden Milliardenbeträgen.

Interview: Christian Müller/APA

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