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Gezeichneter Kopf des bisher unbekannten Sauriers Tawa hallae

Große Entdecker, aber schwache Systematiker

Weniger ist auch in der Paläontologie bisweilen mehr: Laut einer Studie haben just die erfolgreichsten Entdecker neuer Saurierarten bei der Benennung ihr Funde eher schludrig gearbeitet.

Wissenschaftsforschung 27.09.2010

Brontosaurus. Ein Missverständnis

Die Studie

"Naming dinosaur species: the performance of prolific authors" ist im "Journal of Vertebrate Palaeontology" (Bd. 30, S. 1478) erschienen.

Othniel Marsh (1831 - 1899) gilt in der Dinosaurier-Paläontologie als Allzeitmeister seines Faches. 98 Spezies hat der US-Amerikaner im Laufe des 19. Jahrhunderts entdeckt und beschrieben, darunter etwa Klassiker wie den Apatosaurus und den Allosaurus. Dieser Wert ist bis heute unübertroffen, allerdings war Marsh kein besonders sorgfältiger Systematiker, wie nun Michael Benton im "Journal of Vertebrate Palaeontology" schreibt. Lediglich 35 der von ihm beschriebenen Arten gibt es auch heute noch, der Rest wurde von Fachkollegen im Laufe der Zeit umbenannt, weil Marsh offenbar Fehler unterlaufen sind.

Am häufigsten passieren solche Revidierungen, wenn mehrere Namen für ein und dieselbe Art vergeben wurden. 1877 hat Marsh eine pflanzenfressende Urechse namens Apatosausurs beschrieben, zwei Jahre später fand er eine ganz ähnliche und nannte sie Brontosaurus. Heute weiß man, dass beide zur gleichen Art gehören, "Brontosaurus" ist gemäß den internationalen Nomenklaturregeln kein offiziell gültiger Begriff mehr. Marsh ist mit seiner hohen Fehlerrate kein Einzelfall, wie Benton berichtet: Er hat insgesamt 1.400 Spezies untersucht, die im 19. und 20. Jahrhundert von 147 Forschern beschrieben wurden.

Spalter vs. Bewahrer

Der Analyse zufolge besteht zwischen der Zahl der Funde im Freiland und der Genauigkeit der systematischen Einordnung ein Zusammenhang. Und zwar ein negativer: Ausgesprochene Sammler von Erstbeschreibungen wurden von ihren Kollegen deutlich öfter korrigiert als etwa jene Forscher, die im Lauf ihrer Karriere lediglich ein oder zwei neue Spezies entdeckt haben. Brenton erklärt das mit der Tendenz, dass erstere natürliche Variationen der Knochenfunde oft als Hinweis auf eine neue Art gedeutet hätten, wo es gar keine neue gab.

"Artenspalter" nennt er diesen Forschertypus, der sich eher selbst in den Annalen verewigen möchte, anstatt die natürliche Ordnung der Arten in den Vordergrund der Arbeit zu stellen. Den Negativrekord hält in dieser Hinsicht übrigens Marshs Zeitgenosse und Rivale Edward Cope (1840 - 1897). Er beschrieb im Laufe seines Lebens 64 Saurier und Vögel, heute gültig sind davon nur mehr neun - also 14 Prozent.

Robert Czepel, science.ORF.at

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