Standort: science.ORF.at / Meldung: "Sabotage in der Forschung"

Kulturschalen und Pipette

Sabotage in der Forschung

Soeben hat ein US-Gericht einen Forscher verurteilt, der in die Experimente einer Kollegin eingegriffen hat, um ihren Erfolg zu verhindern - das ist zwar außergewöhnlich, vermutlich jedoch kein Einzelfall. Auch hierzulande führt der Kampf um knappe Ressourcen mitunter zu Sabotageaktionen, die in der Regel aber subtiler ablaufen.

Fehlverhalten 29.09.2010

Ab wann es sich um echtes Fehlverhalten handelt, ist laut Gerhard Fröhlich, Wissenschaftsforscher an der Linzer Johannes-Kepler-Universität, schwer zu sagen, denn in der Realität beginnt Sabotage eigentlich schon bei Kleinigkeiten, etwa beim gezielten Vorenthalten von Informationen oder bei dubiosen technischen Problemen.

Gezielte Sabotage

Heather Ames ist Doktorandin am Comprehensive Cancer Center der University of Michigan und forscht dort am EGF-Rezeptor (Epidermal Growth Factor Receptor), ein wichtiges Protein in der Krebsforschung. Ende letzten Jahres entdeckte sie erste Ungereimtheiten bei ihren Experimenten, ihre Laborproben hatte sich anderes als erwartet entwickelt.

Glaubte sie zuerst noch an einen eigenen Fehler, schöpfte sie nach der Häufung derartiger Vorfälle den Verdacht, jemand könnte gezielt eingegriffen haben. Als die Proben dann eines Tages mit Alkohol verunreinigt und zerstört worden war, wandte sie sich an ihre Betreuerin. Nach einigem Hin und Her wurde im März dieses Jahres die Polizei eingeschaltet und Überwachungskameras im Labor installiert.

Im April wurde Vipul Bhrigu, Postdoc und Kollege am selben Forschungszentrum, festgenommen. Die Videoaufzeichnungen zeigten, wie er die Arbeit von Ames manipuliert hatte. Er sei unter starken inneren Druck gestanden und hoffte die Arbeit seiner aufstrebenden Kollegin bremsen zu könne, so erklärte der Mediziner seine Handlungen, wie "Nature" in seiner aktuellen Ausgabe berichtet hat.

Subtile Methoden

Dass wissenschaftliches Fehlverhalten durchaus kein seltenes Phänomen ist, machten in den letzten Jahren vor allem einige Plagiatsfälle deutlich, auch Datenfälschungen wurden bereits mehrfach aufgedeckt. Das öffentliche Bild der Wissenschaft hat dadurch einige Kratzer abgekriegt. In Österreich wurde daher 2008 zur Untersuchung derartiger Delikte die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI) gegründet, die im Prinzip auch für Sabotage zuständig ist.

Der US-amerikanische Fall ist mit Sicherheit ein Extrembeispiel, aber Sabotage kann auch weniger offensichtlich sein. "Vieles davon kann man vermutlich nicht mit einer Kamera festhalten", so Daniele Fanelli von der Universtity of Edinburgh im "Nature", der zu wissenschaftlichem Fehlverhalten forscht. Subtilere Mittel sind laut ihm etwa falsche oder gefärbte Stellungnahmen zur Arbeit von Kollegen. Auch Gerhard Fröhlich meint: "Zur Sabotage gibt es elegantere Methoden, als mit dem Holzhammer auf den Bildschirm zu schlagen."

Große Dunkelziffer

Wie viele dieser Vorfälle es in Österreich gibt, ist nicht zuletzt deshalb schwer zu quantifizieren. Hinzu kommt laut Fröhlich unsere spezielle Kultur, die anders als in Amerika dazu führt, dass wenig angezeigt, geschweige denn aufgedeckt wird: "Öffentliches Vorgehen ist bei uns nicht üblich", außer man besitzt einen gewissen Fanatismus und hat wichtige Medien hinter sich. In der Regel beschweren sich oft nicht einmal die Opfer selbst - beispielsweise aus Scham, wie dies Fröhlich bei Plagiatsfällen schon beobachtet hat.

Hinter vorgehaltener Hand wird jedoch manches erzählt: "Dabei zeigt sich, dass die meisten im Alltag schon einiges erlebt haben", so Fröhlich. Er selbst könne auch nicht über konkrete Fälle berichten, in Österreich verlaufe alles sehr geheim. Vorfälle werden der neuen Agentur gemeldet, dort werden sie untersucht und Empfehlungen ausgearbeitet, aber alles unter strenger Schweigepflicht. Die Universität Linz versucht daher mit Richtlinien für eine gute wissenschaftliche Praxis - an deren Ausarbeitung der Wissenschaftsforscher beteiligt war - eventuellem Fehlverhalten vorzubeugen, das Verbot von Sabotage ist Bestandteil des Regelkatalogs.

Kleine Gemeinheiten

Sabotage beginnt für Fröhlich bei Kleinigkeiten. Er habe etwa früher beobachtet, dass in der Briefpost manches einfach über Nacht verschwunden war, Ausschreibungen wurden so den Kollegen möglicherweise gezielt vorenthalten. Neben der Vorenthaltung von Informationen liefert laut Fröhlich vor allem die Informationstechnik - auf die alle Forscher mittlerweile angewiesen sind - ein breites Betätigungsfeld für Sabotageakte: Stromausfälle, rätselhafte Pannen oder Daten, die einfach verschwinden.

Er selbst hätte derartige Vorfälle schon öfter erlebt, etwa dass ein uralter Computer mit falsch formatierter Festplatte zum Absturz des Geräts führte. Es ist schwer in solchen Fällen konkreten Anhaltspunkte bzw. Schuldige zu finden, aber gezielte Behinderung sei durchaus vorstellbar. Ein weiteres Beispiel aus eigener Erfahrung: Der Zugriff auf die Datenbank seines Instituts war auf Wikipedia jahrelang gesperrt. Dahinter steckte vermutlich ein Komplize von chinesischen Plagiatoren, die die ganze kulturwissenschaftliche Datenbank (HyperGeertz) "entwendet" hatten.

Fehlverhalten durch Konkurrenzdruck

Aus kleinen Gemeinheiten und lässlichen Sünden könnten aber auch strafrechtliche Tatbestände werden, der Übergang sei fließend. Die Agentur für wissenschaftliche Integrität sei zur Bekämpfung der Missstände allerdings nur bedingt ausreichend, sie hätte keine Entscheidungskompetenz oder Rechtskraft, sondern könne nur geheime Ratschläge erteilen.

Auch die Gesetzeslage für wissenschaftliches Fehlverhalten ist laut Fröhlich ausbaufähig: "Der einzige strafrechtlich relevante Paragraph ist der sogenannte Erschleichungsparagraph." Der gilt aber nur für Diplomarbeiten und Dissertationen, Habilitationen und sämtliche neuen Studienabschlusstitel sind nicht inkludiert.

Eine mögliche Ursache für Sabotage sowie andere Delikte sieht Fröhlich im großen Konkurrenzdruck zwischen und innerhalb der Institutionen. Der harte Kampf um Geld und Lehraufträge könne im schlimmsten Fall eben auch zu wissenschaftlichen Fehlverhalten führen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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