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Ein Team von Business-Leuten steht vor einem Gebäuden

Gruppenintelligenz: Frauen bevorzugt

Besitzen Menschen auch als Kollektiv einen Intelligenzquotienten? Ja, sagen US-Forscher, die soeben entsprechende Tests durchgeführt haben. Entscheidend für die kollektive Intelligenz dürfte der Frauenanteil im Team sein.

Psychologie 01.10.2010

Fiasko der Fachkräfte

Den Technik- und Astronomie-Spezialisten der US-Raumfahrtbehörde NASA wird man mangelnde Intelligenz wohl nicht nachsagen können. Dennoch passierte zwei Teams im Dezember 1998 ein folgenschwerer Fehler. Sie schickten eine Weltraumsonde, den "Mars Climate Orbiter", auf eine Reise zum Roten Planeten, die jedoch alsbald endete - der Orbiter verglühte in der Marsatmosphäre, noch bevor er seine Arbeit aufnehmen konnte. Ursache des Fiaskos: Die Hersteller der Navigationssoftware hatten für die Berechnung der Flugbahn Einheiten wie Inches und Fuß verwendet, das NASA-Kontrollzentrum hingegen das metrische System.

Dass auch hochkarätig besetzte Teams mitunter versagen können, weil die Summe der Einzelköpfe eben nicht automatisch die Performanz der Gruppe bestimmt, zeigt nun auch eine Studie. Anita Woolley von der Carnegie Mellon University ging der Frage nach, ob die Intelligenz von Individuen und Gruppen vergleichbar und somit auch messbar ist.

Einzelintelligenzen nicht entscheidend

"Wir gingen von der Hypothese aus, dass Gruppen ähnlich wie Einzelpersonen gleichbleibende Fähigkeiten besitzen, um Probleme zu lösen", sagt Wooley. Sie und ihre Mitarbeiter bildeten mit 699 Probanden Teams von zwei bis fünf Personen und konfrontierten sie mit diversen Aufgaben, darunter etwa visuelle Rätsel, Verhandlungen, Brainstorming, Spiele und komplexe logische Probleme. Die Versuche zeigten: Auch Gruppen besitzen so etwas wie eine stabile kollektive Intelligenz, der eruierte Wert eignet sich offenbar, um die Leistung einer Gruppe auch für zukünftige Aufgabenstellungen vorherzusagen.

Ö1 Sendungshinweis:

Ö1 Wissen aktuell, 1. Oktober, 13.55 Uhr

Interessanterweise hatte die Intelligenz der Einzelpersonen nichts mit der Gruppenleistung zu tun, wie Woolley und Co im Fachblatt "Science" schreiben. Entscheidend dürfte hingegen ein Faktor sein, den die US-Forscher "soziale Sensibilität" nennen. "Soziale Sensibilität hat mit der Fähigkeit der Mitglieder zu tun, die Gefühle der anderen wahrzunehmen", erklärt Christopher Chabris, ein Co-Autor der Studie. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Gruppen, in denen eine Person dominierte, waren weniger intelligent als solche mit gleichmäßig verteilten Gesprächsbeiträgen.

Erfolgsfaktor: Soziale Sensibilität

Bei der Analyse der Daten stießen die Forscher auch auf einen überraschenden Gender-Effekt. Je mehr Frauen in der Gruppe waren, desto besser fiel die Gruppenleistung aus. Laut Woolley lässt sich der Effekt mit der höheren sozialen Kompetenz von Frauen erklären, ganz allgemein gelte jedoch: "Sozial sensible Gruppenmitglieder zu haben wirkt sich immer positiv auf die kollektive Intelligenz aus, unabhängig davon, ob diese nun Frauen oder Männer sind."

Die Ergebnisse der Studie könnten durchaus für den Alltag von Bedeutung sein. Mit entsprechendem Training könnten etwa Kollegien, Aufsichtsräte und Arbeitsgruppen in Verwaltung, Wirtschaft und Politik zu besseren Ergebnissen gelangen. Voraussetzung dafür wäre freilich die Bereitschaft, das eigene Sozialverhalten kritisch zu hinterfragen - was nicht immer realistisch sein dürfte.

Co-Autor Thomas Malone von der MIT Sloan School of Management hat jedenfalls eine einprägsame Kurzformel für die vorliegenden Ergebnisse gefunden. Er sagt: "Einen Haufen kluge Leute in der Gruppe zu haben macht noch lange nicht die Gruppe klug."

Robert Czepel, science.ORF.at

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