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Frau in Tschador

Die Suche nach dem richtigen Islam

Wie reagiert eine tief religiöse Gesellschaft auf neue weltliche Einflüsse? Eine US-Anthropologin hat das in Amman, der Hauptstadt von Jordanien, knapp zwei Jahre lang untersucht. Gefunden hat sie dabei ein Spannungsfeld, in dem Moslems leben: nämlich zwischen den erweiterten Möglichkeiten der Gegenwart und dem richtigen Verhalten im Islam.

Anthropologie 12.10.2010

Betroffen sind dabei so unterschiedliche Bereiche wie der Schleier der Frauen, Musikvideos im Fernsehen und "echt islamische Kreditkarten".

Die Anthropologin Sarah Tobin von der Boston University schreibt über die Resultate ihrer 21-monatigen Feldstudie gerade ihre Dissertation. Derzeit ist sie am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, wo sie mit science.ORF.at gesprochen hat.

Porträtfoto der Anthropologin Sarah Tobin

IWM, Sven Hartwig

Die Anthropologin Sarah Tobin is Ph.D. candidate an der Boston University und derzeit als Junior Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Am Mittwoch, 13. Oktober, 16.30 Uhr, hält sie dort ein Seminar zu dem Thema "Is it Really Islamic? Piousness of Religious Life in Amman, Jordan".

science.ORF.at: Was haben Sie in Amman konkret gemacht?

Sarah Tobin: Ich war Teil des Alltags von frommen Moslems, auch ein paar weniger frommen und einigen Nichtgläubigen. Normalerweise verbrachte ich den Vormittag im Arabisch-Unterricht, am Nachmittag habe ich mit Freunden Kaffee getrunken oder Pfeife geraucht, die Abende mit Bekannten verbracht. Anthropologin zu sein ist wirklich großartig: Das ist einer der wenigen Berufe, wo man bezahlt wird dafür, einfach nur rumzuhängen. (lacht)

Wie haben Sie die Personen kennengelernt?

Das waren Freunde und Freunde von Freunden, ein Schneeballeffekt. Zum Teil waren es auch meine Mitschüler aus der Arabisch-Schule, ich habe auch an der Universität von Jordanien unterrichtet und so Studenten kennengelernt, einige stammten auch aus Facebook.

Niemand hatte etwas dagegen, dass Sie sie wissenschaftlich beobachtet haben?

Naja, es ist ja nicht wie im Zoo (lacht). Ich blicke nicht distanziert auf sie, sondern war sehr nahe dran an ihrem Alltag. Ich bekam einige Heiratsanträge, war Zeugin von Geburten, Todesfällen und allem, was dazwischen liegt. Ich habe nicht ständig mein Notebook aufgeklappt und Notizen gemacht, sondern mit den Menschen gelacht, geweint, ihnen mein Herz geöffnet, und das haben sie auch mit mir.

Wie haben Sie die Beobachtungen dann festgehalten?

In einer ersten Phase ging es darum, den Kontext zu verstehen. Man kann natürlich Bücher lesen, aber das echte Leben ist etwas anderes. Ich habe auch Umfragen gemacht und Fragen, die sich daraus ergeben haben, direkt an die Menschen gestellt. An den Abenden habe ich eine Art Tagebuch geführt über die Dinge, die ich erlebt habe.

Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die Frage nach dem "richtigen Islam". Wie wirkt sich diese Frage auf den Alltag der Menschen aus?

Die Anthropologin Sarah Tobin in Jordanien

Sarah Tobin

Die Anthropologin Sarah Tobin in Jordanien

In ganz vielen Bereichen. Ganz normale Moslems - die fromm sind, beten, fasten, politisch wenig aktiv sind - müssen sich an neue Zusammenhänge gewöhnen: Internet, Musikvideos, westliche Konsumgüter etc. Daraus entsteht eine Spannung; die Frage, wie man sich unter den neuen Bedingungen richtig verhalten soll. Die Menschen wenden sich an verschiedene Akteure - von religiösen Führern bis zu Ratgebern im TV - und suchen Antworten. Sie lesen auch wieder öfter selber den Koran und andere Religionsquellen, und sie diskutieren natürlich auch miteinander über den "richtigen Islam".

Ein Beispiel?

Der Schleier bei den Frauen und die Art, wie sie das Haar tragen: Darf man ein bisschen davon herzeigen oder nicht? Darf man den Nacken entblößen oder nicht? Technisch gesehen, das sagen die Gelehrten, steht der Schleier, wenn er richtig getragen wird, für alle Vorstellungen von Sittsamkeit. Deshalb sollten Frauen komplett verschleiert sein, bis auf die Hände, die Füße und das Gesicht. Was aber bedeutet es, wenn sie sich exakt daran halten, aber dazu enge, körperbetonte Kleider anziehen? Viele muslimische Frauen wollen sich modisch kleiden, sexy sein und Männer anziehen - zugleich aber "das Richtige" tun. Das erzeugt eine Spannung zwischen dem, was technisch korrekt ist, und der Idee dahinter.

Wie läuft eine Diskussion darüber konkret ab?

Ein sehr frommer Freund von mir hält Frauen, die sich auf diese Weise korrekt, aber sexy kleiden, für "abstoßend". Auf der anderen Seite hat mir eine ebenso religiöse Freundin, die sich genau so kleidet, gesagt: "Was ist falsch daran? Ich kenne den Koran gut, und weiß, dass ich mich korrekt verhalte! Wie kann er sagen, dass das abstoßend ist?"

Haben sich die beiden getroffen?

(lacht) Nein, es geht sehr höflich zu in dieser Gesellschaft. Man würde nicht öffentlich über die Kleidung anderer urteilen, im Übrigen ist mir das in Wien auch noch nicht passiert.

Aber Sie haben mit den Leuten darüber gesprochen?

Ja, und dabei haben sie mir zum Teil sehr intime Details verraten, auch über ihr Sexleben. Der Ehemann einer Freundin etwa hat seine Vorliebe für Pornografie damit moralisch gleichgesetzt hat, dass sie gerne Schmuck und helle Farben trägt.

Wie waren Sie selbst gekleidet?

Ö1 Sendungshinweis:

Praxis - Religion und Gesellschaft: Islam im politischen Diskurs. Freitag, 8. Oktober, 22:15 Uhr
Mehr dazu in oe1.ORF.at

In den Moscheen mit einem Schleier, der nur Hände, Füße und Gesicht zeigt. In einem bestimmten Stadtviertel auch mit einer Burka: Das war für mich als großer, blonder, junger Frau dort einfacher, hat mich anonym gemacht und vor Belästigungen beschützt. Ansonsten habe ich normale Kleidung getragen, lange Hosen, und niemals meine Knie oder Schultern gezeigt.

Welche Einfluss hat das Fernsehen für die Suche nach dem richtigen Islam?

Es gibt viele westliche Programme wie Friends oder Grey's Anatomy, die mit Untertiteln ausgestrahlt werden, auch eine "Helden von Morgen"-Variante. In der Realityshow eines populären Predigers spielt eine Frauen- gegen eine Männergruppe. Ziel ist es, ein erfolgreiches Entwicklungsprojekt zu realisieren, von dem die Gesellschaft profitiert. Wer besser ist, bleibt weiter in der Show. Das war ein ziemlicher Erfolg. Es gibt natürlich auch Pornografie, viele Musikvideos, die sehr gewagt sind, gewagter als die US-Videos. Auch darüber wird viel diskutiert in den Familien.

Ein weiteres Beispiel Ihrer Dissertation betrifft das Islamic Banking: Ist das wirklich so neu?

In der aktuellen Form schon. Die erste derartige Bank hat in Jordanien Mitte der 1980er Jahre eröffnet, die dritte ihrer Art erst im Vorjahr. Auch das ist eine neue Entwicklung, die die Frage nach dem richtigen Verhalten im Alltag stellt.

Nur ein Beispiel: Die Marketingchefin einer Islamischen Bank hat mir von einem schweren Marketingfehler erzählt. Sie haben ihre Kreditkarte "Die echte islamische Kreditkarte" genannt. Daraufhin haben sie eine Riesenflut an Anrufen bekommen von Leuten, die wissen wollten, was mit ihren Kreditkarten nicht in Ordnung ist. "Warum ist meine unislamisch?", haben sie gefragt. Und: "Kann man überhaupt eine unislamische Kreditkarte haben?" Sie haben dann ihre Marketingmaßnahmen geändert.

Islamische Banken sollen ja keine Zinsen verlangen ...

Ja, das ist umstritten. Technisch gibt es keine Zinsen, aber viele Menschen meinen, dass sie nur ein anderes Etikett dafür verwenden. Keine Bank kann gänzlich ohne Zinsen arbeiten, um wettbewerbsfähig zu sein und genug Geld im Alltagsgeschäft zu haben. In Jordanien ist das auch nur ein Nischenphänomen, nur drei von 24 Banken nennen sich islamisch.

Das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht daran glauben, dass es sich um eine urislamische Angelegenheit handelt. Wenn man dort ein Konto hat, fühlt sich das nicht anders an. Wenn man aber einen Schleier trägt als Zeichen des Glaubens, dann fühlt man den Unterschied. Das gleiche gilt für das Fasten im Ramadan. Bei islamischen Banken gibt es dieses Gefühl nicht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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