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Weltkugel umringt von Figuren im Kreis

Muss Solidarität heute scheitern?

Solidarität ist für demokratische Gesellschaften unabdingbar, denn ohne Solidarität beginnen sie auseinanderzufallen. Sie können nicht funktionieren, wenn ein gewisses Maß an wechselseitigem Misstrauen überschritten wird oder das Gefühl überhandnimmt, von anderen im Stich gelassen zu werden.

Gesellschaft 08.10.2010

Wie es zu einem solchen Scheitern von Solidarität kommen kann und wodurch sie gegenwärtig bedroht ist, beschreibt der kanadische Philosoph Charles Taylor in einem Gastbeitrag.

Solidarität im pluralistischen Zeitalter

von Charles Taylor

der Philosoph Charles Taylor im Porträt

Philipp Steinkellner

Charles Taylor ist Professor emeritus der McGill University in Montréal und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo er den Forschungsschwerpunkt "Religion und Säkularismus" leitet. Er erhielt 2007 den Templeton Preis und 2008 den Kyoto Preis für sein Lebenswerk in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Sein jüngstes Buch, A Secular Age (2007), ist unter dem Titel Ein säkulares Zeitalter kürzlich auf Deutsch erschienen.

Einige glauben, Solidarität ist durch die Herausbildung einer zunehmend individualistischen Lebenshaltung bedroht. Das ist, meine auch ich, ein Teil des Problems, aber Solidarität ist noch von einer anderen Seite her bedroht, die eng mit einem schwindenden Gefühl einer gemeinsamen Identität verknüpft ist. Man denke nur an einige der erfolgreichsten Wohlfahrtsstaaten Europas, zum Beispiel in Skandinavien.

Es ist kein Zufall, dass Wohlfahrtsstaaten lange Zeit von Bevölkerungen getragen wurden, die ethnisch weitgehend homogen waren. Die Menschen hatten das Gefühl, dass sie jene, mit denen sie solidarisch waren, verstehen können: "Es sind Menschen genau wie ich, Leute, mit denen ich mich eng verbunden fühle." Die Herausforderung für unsere heutigen Gesellschaften besteht nun darin, wie wir eine Solidarität von gleicher Intensität aufrechterhalten können, wenn gleichzeitig unsere Bevölkerungen immer vielfältiger werden.

Neue Identität für neue Solidarität

Es gibt hier zwei Wege, die man beschreiten kann. Der eine besteht darin, auf ältere Formen der Solidarität zurückzugreifen, wie im Falle Frankreichs. Was die französische Identität ausmacht, ist laïcité: "Diese Muslime strömen zu uns herein und verstehen unseren Laizismus nicht. Irgendwie müssen wir einen Damm gegen sie errichten." Ein solcher Versuch, das Zusammengehörigkeitsgefühl durch Ausschluss zu stärken, ist verheerend, denn auf diese Weise spaltet man die Gesellschaft und grenzt Menschen, die doch Mitbürger sind, aus der Gemeinschaft aus.

Der andere Weg besteht darin, Identität neu zu definieren, und ich glaube, dass dies der Punkt ist, an dem alle demokratischen Gesellschaften heute stehen. Sie sind mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Identität im Dialog mit Gruppen neu zu bestimmen, von denen einige von außen kommen, andere aus ihrer Mitte. Man bedenke, wie machtvoll feministische Bewegungen in den letzten 30 Jahren in Europa waren. Diese Bewegungen wurden nicht von Menschen getragen, die von außerhalb kamen, sondern von Menschen, die nicht gleichberechtigt waren und die Bürgerrechte für sich reklamierten und damit neu definierten, wer ein Bürger ist.

Keine Rettung durch Begrenzung

Ö1 Sendungshinweis:

Europa: wie viel Solidarität gibt es mit den Armen?
Ein Beitrag des Europa-Journals, Freitag, 1.10, 18.20 Uhr, Radio Österreich 1.
Mehr dazu in oe1.ORF.at

Es ist paradox zu glauben, man könne Europa "retten", indem man Europa begrenzt. Der französische Philosoph Rémi Brague bemerkte einmal, die Besonderheit Europas liege in der Tatsache, dass es die einzige große Kultur sei, die sich von Beginn an als nachrangig verstanden habe. Sie entsteht in der Renaissance aus dem Gedanken, dass es eine andere Quelle der Kultur gebe, die Antike, derer wir uns erst als ebenbürtig erweisen müssen. Das ist nicht die Art, wie sich die chinesische oder indische Gesellschaft sahen. Es ist etwas sehr spezifisch Europäisches. Das Gefühl, dass wir etwas von außen lernen müssen, ist fester Bestandteil des europäischen Genius.

Mir scheint mithin, dass uns die große Aufgabe bevorsteht, die Ängste vor der Untergrabung unserer kulturellen Tradition zu beschwichtigen; die Menschen, die zu uns kommen, anzuerkennen und ihnen die Hand zu reichen; einen Weg zu finden, unsere politische Ethik, deren Kern Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit und Schutz vor Diskriminierung ausmachen, an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Wenn uns dies gelingt, können wir ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schaffen, auch wenn die Gründe für die Zustimmung jedes Einzelnen unterschiedlich sein mögen.

Eine Legitimationsquelle reicht nicht

Einige werden das Recht auf Leben anführen, weil sie Christen sind und für sie der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Andere werden, wie Kant, von der Vernunftbegabung der Menschen als etwas sprechen, das unbedingte Achtung verdient. Und es wird viele weitere Begründungen geben. Der Glaube aber, eine moderne demokratische Gesellschaft könne auf der Grundlage einer Ethik funktionieren und zusammenhalten, die ihre Legitimation aus einer einzigen Quelle schöpft, ist eine gewaltige Illusion.

Mit anderen Worten, wir dürfen uns unsere westlichen Gesellschaften nicht einfach als christliche Gesellschaften denken. Wir müssen darüber hinausgehen, uns muss klar werden, worin die wirkliche Herausforderung für unsere Solidarität liegt, und wir müssen erkennen, dass sie auf einer Pluralität von Begründungen und Argumenten basieren muss. Anders gesagt, das Verständnis des anderen und der Dialog mit dem anderen ist eine unabdingbare Voraussetzung für das Überleben unserer Demokratien.

Individualismus bedroht Solidarität

Es gibt noch eine andere Bedrohung der Solidarität in vielen westlichen Ländern: die Herausforderung des wachsenden Individualismus, der zunehmenden Konzentration auf wirtschaftlichen Wohlstand, auf das eigene Fortkommen. Die Debatte, die in den USA über die Gesundheitsreform geführt wird, erfüllt mich angesichts des völligen Mangels an Solidarität, der bei so vielen erkennbar ist, mit Entsetzen. Man sagt, dass 40 Millionen ihrer Landsleute keine Krankenversicherung haben, und sie erwidern: "Na und …?" Wer so spricht, dem ist die elementarste Grundlage dessen, was eine moderne demokratische Gesellschaft ausmacht, verloren gegangen.

Wie also kann es uns angesichts dieser Art von Individualisierung gelingen, wieder ein Gefühl von Solidarität zu schaffen? Auch hier gilt, dass sich Solidarität nicht wiederherstellen lässt, indem man schlicht auf einer besonderen Philosophie oder einer bestimmten Religion beharrt. Der Sinn für Solidarität in einer Gesellschaft kann nur aufrechterhalten werden, wenn die verschiedenen Gruppen, aus denen sie besteht, aus ihren jeweiligen Quellen schöpfen: Wenn die Christen Solidarität als zentralen Bestandteil des Christentums sehen, wenn die Muslime sie als Kernelement des Islams erkennen, wenn die verschiedenen säkularen Weltanschauungen sie als wesentlichen Teil ihrer Philosophie begreifen.

Ethik mit verschiedenen Antriebskräften

An dieser Stelle möchte ich stark dafür plädieren, die Bedeutung der Religion anzuerkennen. Religion bietet eine breite und wirkmächtige Grundlage für Solidarität, und laizistische Philosophen und Politiker, begehen einen großen Fehler, wenn sie versuchen, Religion zu marginalisieren. In unseren Gesellschaften mit ihrer ungeheuren Vielfalt sind es viele verschiedene Antriebskräfte, die uns auf eine gemeinsame Ethik verpflichten, und wir können es uns nicht leisten, irgendeine dieser Kräfte auszuklammern. Sie alle zusammen sind es, die unsere Gesellschaften als lebendige, auf Gleichheit fußende, demokratische und solidarische Gesellschaften in Gang halten.

Eine solche Sichtweise ist für Europäer, wie überhaupt für den "Westen", nicht leicht nachvollziehbar. Historisch gründete die politische Ethik konfessioneller Gesellschaften auf einem einzigen Fundament. Im Falle Europas war dies der christliche Glaube. Verschiedene Arten von laizistischen Gesellschaften haben versucht, sich aus den Ruinen des Christentums heraus neu zu erfinden - und sind auf andere Weise in denselben Fehler verfallen.

So verkündete der Jakobinismus, dass wir nur eine Philosophie haben dürften: Nicht länger das Christentum, sondern die laizistische Philosophie der Aufklärung sollte das allgemein anerkannte, unumstrittene gemeinsame Fundament sein. Das ist der Versuch, eine Zivilreligion zu stiften, eine Idee, die von niemand Geringerem als Jean Jacques Rousseau vorgeschlagen wurde. Eine solche Zivilreligion ist heute nicht länger möglich. Wir können keine auf Gott zentrierte Zivilreligion haben - das wäre ein Widerspruch in sich - und auch keine, die sich auf den Laizismus, die Menschenrechte oder irgendeine Weltanschauung gründet. Wir bewegen uns durch unbekanntes Gelände. Wir stehen vor einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Herausforderung, nämlich eine starke politische Ethik der Solidarität zu entwickeln, die bewusst auf sehr unterschiedlichen Anschauungen basiert.

Nur intensiver Austausch ermöglicht Solidarität

Dies kann nur gelingen, wenn wir uns intensiv miteinander austauschen, um wechselseitigen Respekt für diese verschiedenen Anschauungen zu schaffen. Ich bin erschüttert über eine sich auf dem Vormarsch befindende Islamophobie in unseren Gesellschaften, die die höchst komplexe und mannigfaltige Geschichte des Islams auf ein paar simple Schlagwörter reduziert. Ein solches Ausmaß an Dummheit - anders kann man es nicht nennen - ist nicht nur ein Verbrechen gegen die Wahrheit, gegen die Vernunft: Es ist auch ein Dolch, der auf das Herz unserer modernen demokratischen Gesellschaften zielt.

Dies gilt indes für jedes abschätzige Bild des anderen. Atheisten müssen mit Gläubigen sprechen und Gläubige mit Atheisten. Allein schon deshalb, weil sie nur so den Gehalt ihrer eigenen Philosophie durchdringen werden. Diese Art von Austausch ist entscheidend für die Verfassung der Gesellschaft, von der ich spreche. Es ist eine Gesellschaft mit einer politischen Ethik, die bewusst auf ganz unterschiedlichen Begründungen aufbaut; wir werden nur zusammenhalten, wenn wir offen und aufrichtig und mit einem Sinn für Solidarität miteinander sprechen.

Dazu sind wir, wie ich glaube, gezwungen. Es ist vielleicht nicht das, was wir am liebsten täten - und wir haben es sicher bisher nicht getan. Wenn wir aber ständig nur auf unsere christlichen Wurzeln zurückblicken, wird es nicht gelingen. Wir können nicht allein aus diesen Wurzeln leben, sondern nur aus unserer Anstrengung, diese Ethik und diese Solidarität aus all den verschiedenen Wurzeln, die unsere heutigen Gesellschaften bereitstellen, neu zu schaffen. Das ist die Herausforderung, vor der wir alle stehen.

Aus dem Englischen von Andreas Simon dos Santos

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