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Arzt blickt auf Bildschirm

Ein Skalpell für den Onlinedschungel

Mindestens die Hälfte aller Menschen nutzt das Internet, um sich über Krankheiten zu informieren. Das hat Vor- und Nachteile: Einem Mehr an Wissen und Aufklärung steht auch ein Mehr an Scharlatanerie gegenüber. Ein EU-Projekt, das am Dienstag in Wien startet, möchte nun für mehr Zuverlässigkeit bei medizinischen Infos im Internet sorgen.

Medizin 11.10.2010

Gleich drei österreichische Partner sind bei "Khresmoi" dabei. Hinter dem hübschen Akronym verbirgt sich auch schon das Ziel des Projekts: Entwickelt werden soll ein "Knowledge Helper for Medical and Other Information Users" (auch wenn nicht alle Buchstaben im Akronym vorkommen).

Quelle muss transparent sein

Kick-off Meeting in Wien

An dem Projekt arbeiten zwölf Institutionen aus neun europäischen Ländern mit. Aus Österreich ist die Medizinische Universität Wien, die Gesellschaft der Ärzte in Wien und die Information Retrieval Facility dabei. Projektstart ist Dienstagvormittag in Wien.

Das Phänomen ist mittlerweile weit verbreitet: Auf der einen Seite befinden sich Patienten, die sich im Internet über Krankheiten informieren können - das taugt bei Normalverbrauchern für einen faktischen Überblick, bietet aber auch Hypochondern ungeahnte Möglichkeiten. Auf der anderen Seite befinden sich die Ärzte, die vermehrt auf fundiert halbgebildete Klienten treffen und sich mit deren Wissensstand auseinandersetzen müssen.

Wie bei anderen Berufen kratzt das Internet somit auch bei der Ärzteschaft an der Autorität. Selbständige Patienten sollten eigentlich ihr Wunsch sein, die Frage ist nur, auf welcher Grundlage die Selbständigkeit beruht. Nicht nur, aber auch in Gesundheitsfragen ist die Vertrauenswürdigkeit von Online-Quellen entscheidend.

Ein zentrales Kriterium dafür ist die Transparenz ihrer Autoren: Gleichgültig ob es sich um die Website einer staatlichen Institution, eines privaten Dienstleisters oder einer Selbsthilfegruppe handelt, sollten die Macher und etwaige Sponsoren schnell und einfach zu finden sein.

Wikipedia fast immer Nummer 1 bei Google

Ö1 Sendungshinweis

Dem EU-Projekt "Khresmoi" widmet sich auch die aktuelle Ausgabe von Wissen aktuell, Montag, 11. Oktober, 13:55 Uhr, Radio Österreich 1

Mehr zum Themenfeld Medizin:
Radiodoktor - Medizin und Gesundheit: Multiple Sklerose - Bessere Behandlung in Sicht, Montag, 11. Oktober, 14:05 Uhr

Wie aber stößt man auf derartige Seiten? Üblicherweise beginnt eine Recherche mit Google. Bei den allermeisten Suchanfragen zu Krankheiten - sei es Grippe, Multiple Sklerose oder Aids - steht bei dieser Suchmaschine ein Inhalt von Wikipedia ganz oben in der Trefferliste.

Dagegen sei auch gar nichts einzuwenden, denn die Online-Enzyklopädie biete einen guten Überblick über Symptome, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten von Krankheiten, meint Allan Hanbury, der wissenschafltliche Kordinator von Khresmoi und Informatiker bei der Information Retrieval Facility in Wien.

"Was aber fehlt, ist der Vergleich von Wikipedia-Informationen mit anderen Quellen, die etwa aus der medizinischen Literatur stammen und bei der Einschätzung helfen, wie umfassend die Information des entsprechenden Artikels tatsächlich ist."

Aufbau einer Suchmaschine

Um genau eine solche Verknüpfung von verschiedenen Informationsquellen mit bestehenden medizinischen Datenbanken geht es bei Khresmoi. Ein Ziel des EU-Projekts mit einer Laufzeit von vier Jahren und einem Gesamtbudget von zehneinhalb Millionen Euro ist der Aufbau einer Suchmaschine für gesundheitsbezogene Informationen.

Die vertrauenswürdigen Daten sollen z.B. von der Cochrane Collaboration kommen - einem internationalen Netzwerk von Ärzten und Wissenschaftlern, die systematische Reviews von Behandlungsmethoden erstellen.

Auch auf die amerikanische Metadatenbank PubMed, die Artikel von 5.500 biomedizinischen Zeitschriften und derzeit rund 20 Millionen Dokumente beinhaltet, wird für das Projekt zugegriffen. Die frei zugänglichen Abstracts der Studien sollen automatisch übersetzt und die Zugänglichkeit somit für Ärzte weltweit verbessert werden.

Nur seriöse Quellen werden gelistet

Ein Projektpartner ist Health on the Net (HON), eine NGO der Vereinten Nationen mit Sitz in der Schweiz, die das Ziel hat, vertrauenswürdige Quellen im Internet aufzulisten. Webseiten, die ihren strengen Kriterien entsprechen, bekommen ein Qualitätssiegel und werden in der HON-eigenen Suchmaschine aufgelistet.

Wer etwa "Bandscheibenvorfall" bei der HON-Suche eingibt, wird u.a. auf die entsprechenden Informationen von Netdoktor.at und Onmeda verwiesen. Khresmoi soll sich in einem ersten Schritt der HON-Suche bedienen und dann diese ausbauen - bis Ende 2011 soll es einen Prototypen der neuen Suchplattform geben.

Bilderhilfe für Radiologen

Bei Khresmoi geht es aber nicht nur um Texte, sondern auch um Bilder. In einem zweiten Projektteil sollen automatische Bildanalyse-Methoden entwickelt bzw. verfeinert werden, Projektpartner ist deshalb die Radiologie-Abteilung der Medizinuniversität Wien. "An großen Universitätskliniken werden jeden Tag 100 Gigabyte neue Bilder produziert. Unsere Idee ist es, die Arbeit der Radiologen ein wenig zu vereinfachen", beschreibt es Allan Hanbury.

Dafür soll eine Software sorgen, die die Bilder mit Zusatzinformationen versorgt und auch mit älteren Aufnahmen vergleicht. "Die Kliniken besitzen riesige Archive, deren Material oft nicht wieder verwendet wird. Wenn ein Arzt bei ungewöhnlichen Fällen schnell auf ein ähnliches Bild aus dem eigenen Krankenhaus oder aus der Literatur stößt, kann das für die Behandlung von Vorteil sein."

Getestet werden soll das System nicht nur an der Radiologie in Wien, sondern auch an der Universitätsklinik in Genf. Der erste Prototyp soll Ende 2012 eingesetzt werden.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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