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Ausschnitt des Gemäldes "Interieur" von Ernst Ludwig Kirchner

Die Konjunktur des Expressionismus

Der Expressionismus revoltierte zwischen 1910 und 1920 gegen die verkrusteten Strukturen der Gesellschaft. Nachdem der Nationalsozialismus ihre Proponenten vertrieben hatte, dauerte es zur Wiederentdeckung dieser Kunstströmung bis in die 1960er Jahre. Zurzeit hat der Expressionismus wieder Konjunktur: Mehrere Symposien und Ausstellungen zeugen davon.

Kunst 26.11.2010

Eine antibourgeoise Bewegung

Das Grundgefühl der expressionistischen Generation war der unbedingte Wille, die herrschenden Werte der bürgerlichen Gesellschaft radikal in Frage zu stellen. Die angepasste Lebensweise des Spießers sollte demontiert werden.

Das Mittel dafür war eine Kunst, die all das ausdrückte, was die Künstler und Künstlerinnen existenziell bewegte: Mitleid mit den marginalisierten Gruppen der Gesellschaft (sozial Deklassierte, Selbstmörder, Verrückte), Widerstand gegen die Herrschaft des Geldes, Angst vor dem Krieg, Melancholie, das Aufsuchen der "künstlichen Paradiese", wie sie Haschisch, Opium oder Kokain vermitteln.

Ausstellungen in Deutschland

Erich Heckel - Aufbruch und Tradition. Eine Retrospektive: Brücke Museum Berlin, 19. September 2010 - 16. Jänner 2011

Max Pechstein - Ein Expressionist aus Leidenschaft: Kunsthalle Kiel, 19. September 2010 bis 9. Jänner 2011

Gesamtkunstwerk Expressionismus - Film, Literatur, Kunst, Theater, Tanz und Architektur 1905 - 1925: Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe Darmstadt, 24. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011 (gleichnamiger Katalog im Hatje Cantz Verlag)

Else Lasker-Schüler - Die Bilder: Jüdisches Museum, Frankfurt am Main, 8. September 2010 bis 9. Jänner 2011 (gleichnamiger Katalog im Suhrkamp Verlag)

Für eine neue Kunst

Die Ausdruckskunst (Expressionismus) erfolgte sowohl in der Malerei (Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Franc Marc, August Macke) als auch in der Literatur (Georg Heym, Georg Trakl, Else Lasker-Schüler und August Stramm). Gemeinsam war ihr Bestreben, auf die Orientierungslosigkeit der Zeit mit künstlerischen Mitteln zu reagieren.

Dies geschah in der Malerei hauptsächlich durch die Abweichung vom herkömmlichen Seheindruck; eine ungewöhnliche Farbgebung bestimmte die Sujets. So malte etwa Franc Marc blaue Pferde oder rote Rehe. In der Literatur dominierte die Zertrümmerung syntaktischer Formen, wie sie im Gedicht "Patrouille" von August Stramm erfolgt:

"Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod."

Oskar Kokoschka: Pietà, 1909, Farblithografie auf Papier, Leopold Museum, Wien

Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst Bonn, 2010

Oskar Kokoschka: Pietà, 1909, Farblithografie auf Papier, Leopold Museum, Wien © Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst Bonn, 2010

Herwarth Walden und "Der Sturm"

Ein Sammelpunkt der verschiedenen Strömungen des Expressionismus war die Zeitschrift "Der Sturm", die 1910 von Herwarth Walden gegründet wurde. Walden, der von 1878 bis 1941 lebte, hatte es verstanden, Autoren wie Karl Kraus, Max Brod, Else Lasker-Schüler und August Stramm eine Publikationsmöglichkeit in dieser Zeitschrift zu verschaffen.

Walden betrieb auch einen Verlag und eine Galerie, in der die Werke von Franz Marc, Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, August Macke und Gabriele Münter ausgestellt wurden. Die vielfältigen Tätigkeiten des Multitalents wurden in einem Symposium der Herwarth-Walden-Gesellschaft "Der Sturm" Mitte Oktober näher beleuchtet, bei dem in zahlreichen Vorträgen auf die faszinierende Gestalt des genialen "Kunstvermittlers" hingewiesen wurde.

Der Doyen der Expressionismusforschung

Das Symposium bot auch die Gelegenheit, mit Paul Raabe ins Gespräch zu kommen. Der 1927 geborene Gelehrte hatte noch die Gelegenheit, mit dem Schriftsteller und Maler Alfred Kubin und mit Max Brod - dem Freund von Franz Kafka - näher in Kontakt zu treten. Als Leiter der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs in Marbach organisierte er 1960 die erste große Expressionismusausstellung nach dem 2. Weltkrieg, die eine damals vergessene Epoche der Kulturgeschichte wieder zum Leben erweckte.

Vergessen deswegen, weil durch die Herrschaft der Nationalsozialisten die expressionistischen Künstler und Künstlerinnen aus Deutschland vertrieben und deren Bücher verbrannt wurden; somit war eine ganze Generation fast ohne Kenntnisse des Expressionismus geblieben.

Ernst Ludwig Kirchner, Interieur, 1915, Öl auf Leinwand

Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, München

Ernst Ludwig Kirchner: Interieur, 1915, Öl auf Leinwand. Foto: Bayerische Staatsgemälde-sammlungen, Pinakothek der Moderne, München

Expressionismusausstellung in Marbach

Im Gespräch mit science.ORF.at beschrieb Paul Raabe die Bandbreite dieser legendären Ausstellung, die mittlerweile selbst Thema von Symposien geworden ist. Die Intention dabei war, sich nicht auf die wenigen großen Namen der expressionistischen Literatur wie Georg Trakl oder Georg Heym zu konzentrieren, sondern die ganze Vielfalt dieser Bewegung vorzustellen. Mehr als 100 Autoren wurden mit ihren Werken, teilweise auch mit Handschriften und Nachlässen präsentiert.

Dazu kamen wichtige Zeitschriften wie "Der Sturm", "Die Aktion" und "Die weißen Blätter". Ergänzt wurde die Ausstellung noch durch Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Emil Nolde, durch Aquarelle von August Macke und Paul Klee und durch Plastiken von Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck.

Die Expressionismusausstellung war ein enormer Erfolg; die Besucher kamen in Scharen. Einer der Besucher war der Maler Oskar Kokoschka, erinnert sich Paul Raabe, der mit ihm vor einem Ausstellungsplakat über seine Kriegserlebnisse in Galizien sprach.

Prinz Jussuf von Theben: Ein Bild von Else Lasker-Schüler um 1928

Jüdisches Museum Frankfurt/Main

Else Lasker-Schüler: Prinz Jussuf von Theben, um 1928. Pastell- und Ölkreiden, teils laviert, Tusche, mit farbigen und goldenen Metallfolien collagiert, auf Papier; © Jüdisches Museum Frankfurt/Main

Für einen magischen Expressionismus

Eine faszinierende Gestalt des Expressionismus wurde von der Literatur- und Kunsthistorikerin Ricarda Dick vorgestellt. Es handelt sich um die Schriftstellerin und Malerin Else Lasker-Schüler, die von 1869 bis 1945 lebte. Sie war eine Doppelbegabung, die in originärer Weise Literatur und Malerei verband.

Sie lebte in einer Welt von Imaginationen, die die Realität nur mehr als Material für ein "magisches" Dasein benützte. Ihr Expressionismus bestand darin, ihre Gefühlswelt direkt in ihre Werke umzusetzen, ohne sich um jene rigide Kontrollinstanz zu kümmern, die Sigmund Freud als Regulativ des Ich bezeichnete.

Die Künstlerin als Androgyn

Als Beispiel für solch einen "magischen Expressionismus" führte Ricarda Dick das 1914 entstandene Geschichtenbuch "Der Prinz von Theben" an. Darin schuf sich Lasker-Schüler eine Identität als Prinz Jussuf von Theben, "aus der Nacht und der tiefsten Not geboren".

Sie verwandelte sich darin in einen Prinzen, der sich im Gegensatz zum Erb- und Geldadel auf den künstlerischen Adel beruft und der nichts mehr von der Wirklichkeit und von kausalem Geschehen weiß.

Der Androgyn Prinz Jussuf ist für Lasker-Schüler nicht nur eine literarische Fiktion, sondern auch der Entwurf einer poetischen Lebensweise. "Sie hat es geschafft", so Ricarda Dick, "nicht nur die verschiedenen Künste zu verschmelzen, sondern auch Leben und Kunst so zu verbinden, dass beides ineinanderfließt".

Literaturhinweise:

Thomas Anz: Literatur des Expressionismus, Sammlung Metzler
Silvio Vietta/Hans Georg Kemper: Expressionismus, Wilhelm Fink/UTB
Otto F. Best: Theorie des Expressionismus, Reclam
Paul Raabe: Mein expressionistisches Jahrzehnt, Arche
Else-Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte, Suhrkamp

Erich-Heckel-Ausstellung in Berlin

Einen guten Einblick in die künstlerische Produktion des Expressionismus gibt die aktuelle Erich-Heckel-Ausstellung im Brücke Museum in Berlin. Da ist es gelungen, so die Museumsdirektorin Magdalena M. Moeller im Gespräch mit science.ORF.at, eine Ausstellung zu organisieren, die in dieser Form noch nie zu sehen war.

Das wurde durch zahlreiche Leihgaben aus den Vereinigten Staaten von Amerika und Leihgaben aus Privatbesitz ermöglicht. Dazu kamen Neuentdeckungen, also Bilder, die als verschollen galten, die sie aber durch Recherchen wieder ausfindig machen konnte.

Heckel, der von 1883 bis 1970 lebte, war einer der Mitbegründer der Künstlergruppe "Die Brücke", der auch Karl Schmidt Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein angehörten.

Zitat von Ernst Ludwig Kirchner

"Die 'Brücke' ist eine Vereinigung Junger, Wachsender, Werdender. Sie ist ein Produkt aufwallender Gärung, ein Schrei nach Schrankenlosigkeit, ein zitterndes Bangen nach dem, was außerhalb des bisher Erlaubten, außerhalb des bisher künstlerisch Möglichen liegt".

Wille zur Schrankenlosigkeit

Heckel interessierte sich vornehmlich für Landschaftsdarstellungen; er war weitgehend von theoretischen Reflexionen über die Kunst unbelastet - so Magdalena M. Moeller - und war in die unberührte Natur gezogen, um dort, im Sinne des Expressionismus - seine gefühlten Landschaftseindrücke direkt in seine Bilder zu übertragen.

Zwar wurden dabei traditionelle Motive wie Badende oder Landschaften übernommen; das Revolutionäre an Heckels Malweise war jedoch die Form- und Farbgebung. Die Heckel- Ausstellung in Berlin ist die beste Illustration jenes Willens zur Schrankenlosigkeit, die in den Kunstwerken ihren adäquaten Ausdruck findet.

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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