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Eine Frau trägt einen Ordner mit dem EU-Symbol, ein Mann dahinter schleppt Akten

Die Folgen des Sparens: Keine EU-Gelder

Von den angekündigten Budgeteinsparungen des Wissenschaftsministeriums ist auch die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba) in Wien betroffen. Ohne Basissubventionen können keine EU-Projekte an Land gezogen werden, ein Vielfaches der nun eingesparten Forschungsgelder geht somit verloren.

Ausseruniversitäre Forschung 15.11.2010

Dieser "Vervielfachungs-Hebel" wird zerbrochen, schreibt Forba-Geschäftsführer Jörg Flecker in einem science.ORF.at-Gastbeitrag.

BM Karl zerbricht den Hebel

Von Jörg Flecker

Die überfallsartige Streichung der Basisförderungen für außeruniversitäre Einrichtungen zerstört über lange Jahre aufgebaute Forschungskapazitäten, die einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Forschung leisten, für die Einbindung Österreichs in die internationale Wissenschaft sorgen und unverzichtbare Grundlagen für Politik liefern.

Der Autor:

Porträtfoto von Jörg Flecker, Geschäftsführer von Forba

privat

Jörg Flecker ist Universitätsdozent für Wirtschaftssoziologie an der Universität Wien und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt in Wien (FORBA). Er war auch jahrelang science.ORF.at-Host

Erschreckend daran ist insbesondere, dass die Entscheidung ohne forschungspolitische Überlegungen, ohne Evaluierung der Einrichtungen und ohne Schwerpunktsetzung erfolgte. Für die als Ausweg vorgeschlagene Eingliederung in die Universitäten sind keine Mittel vorgesehen, daher sind sie für die Universitäten in der gegenwärtigen Lage nicht machbar - ganz abgesehen von der Frage, in welchen Fällen das überhaupt sinnvoll wäre.

Die relativ geringen Mittel an Basisförderungen wirkten als Hebel und wurden durch die Akquisition von Projektmitteln v.a. von der EU vervielfacht. Nun wird dieser Hebel mutwillig zerbrochen.

Europaweit erfolgreich in der Arbeitsforschung

Die 1991 gegründete Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Wien ist eines der Institute, die von der Streichung der Basisfinanzierung betroffen sind. Es ist als einziges der österreichischen Universitäts- oder Forschungsinstitute auf Arbeitsforschung spezialisiert und in hohem Maße international ausgerichtet. Mit seinen 22 Beschäftigten ist FORBA fest in der EU-Forschung verankert (siehe z.B. die Programme Walquing und PIQUE), vertritt Österreich in Expertinnen-Netzwerken der EU-Kommission und berichtet in renommierten europäischen Observatorien über Österreich (siehe z.B. Eiro).

Um ein konkretes Beispiel anzuführen: Dozentin Ursula Holtgrewe von FORBA koordiniert zurzeit im 7. Rahmenprogramm eine 11-Länder-Studie über wachsende Beschäftigungsfelder und die Qualität der Arbeit mit einem Budget von 2,7 Mio. Euro. Bei der Ausschreibung der EU-Kommission gab es zu diesem Thema harte Konkurrenz: 34 Projektvorschläge wurden eingereicht (von vielen namhaften Universitäten und Forschungsinstituten Europas in diesem Feld) und nur ein (!) Projekt wurde vergeben - an unser Konsortium.

So konnten wir mit diesem einen Projekt über 500.000 Euro nach Österreich holen. Wir wurden dabei vom BMWF mit 8.000 Euro Anbahnungsfinanzierung und 13.000 Euro Ko-Finanzierung unterstützt - beide Förderungen sind inzwischen gestrichen.

Basisförderung ist essenziell ...

Ö1 Sendungshinweis:

Über die aktuellen Budgeteinsparungen im außeruniversitären Forschungsbereich berichtete am Donnerstag, 11.11, auch Ö1 Wissen aktuell.

Wie wirkt sich die Streichung der Fördermittel nun konkret aus? Die Förderung von FORBA durch das BMWF betrug in den letzten Jahren etwa 200.000 Euro pro Jahr (davon ca. 20.000 aus dem formalen Titel "Basisförderung") bei einem jährlichen Institutsbudget von 1,2 bis 1,4 Mio. Euro. Mit dieser Förderung waren trotz hauptsächlicher Projektfinanzierung von über 80 Prozent - die Hälfte davon von der EU - viele grundlegende Aktivitäten wie internationale Vernetzung, Nachwuchsförderung, Entwicklung von internationalen Projekten, Konferenzteilnahmen, internationale Publikationen etc. möglich.

Stehen diese Förderungen nun nicht mehr zur Verfügung, fehlen jedoch nicht nur die Mittel für die Infrastruktur und die wissenschaftliche Entwicklung, sondern auch die Grundlagen für die Beantragung und Durchführung von wissenschaftlichen Forschungsprojekten.

... für Erfolg bei EU-Projekten

So ist weder die aufwändige Entwicklung, noch die Durchführung von EU-Projekten ohne Basis-, Anbahnungs-, und Ko-Finanzierung leistbar, v.a. weil die Kommission die Projekte nur zu 75 Prozent finanziert. Aber auch die österreichische Forschungsfinanzierung deckt nicht alle Kosten von Projekten.

Derzeit laufen bei FORBA zwei Projekte mit Förderung des FWF und drei Projekte mit Förderung des Jubiläumsfonds der Nationalbank. Da die Gemeinkosten dabei nicht abgedeckt und nicht die tatsächlichen Personalkosten bezahlt werden, braucht es auch dafür Eigenmittel des Instituts, die ohne Basisförderung nicht da sind.

Das zeigt: Überall, wo wir uns bei harter Konkurrenz mit höchster wissenschaftlicher Qualität bewährt haben, würden wir bei einer Streichung der Basisförderung ausgeschlossen.

Außeruniversitäre treiben EU-Mittel ein

Antragsforschung und internationale Kooperationen heben die Qualität der Auftragsforschung. Werden für Ministerien, das AMS oder die AK politikrelevante Studien durchgeführt, so werden dabei theoretische Zugänge, Konzepte, Methoden, Literaturkenntnisse und Kontakte genutzt, die aus der Arbeit in der eher akademischen wissenschaftlichen Gemeinschaft resultieren. Die Auftragsforschung finanziert ihre Voraussetzungen und Grundlagen nicht selbst. Auch hier ist für Qualität und Nachhaltigkeit eine Grundausstattung erforderlich.

Im 7. Rahmenprogramm wurden im sozialwissenschaftlichen Teil bisher von Österreich insgesamt Forschungsmittel in der Höhe von ca. zehn Millionen Euro nach Österreich zurückgeholt. Zwei Drittel (!) davon von außeruniversitären Einrichtungen (siehe Proviso).

Nimmt man nur diejenigen Institute, die jetzt ihre Basisförderung verlieren sollen, bewirkten diese allein einen Mittelrückfluss in der Höhe von fünf Millionen (bei Basisförderungen in der Höhe von - in Summe - wenigen Hunderttausend). Das ist nur ein kleines Beispiel, weil die anderen, größeren Programme und Disziplinen noch dazu kommen. In Zukunft werden diese Erfolge nicht mehr möglich sein.

Beurteilungskriterien wurden nicht angewandt

Der Streichung der Basisförderungen für die außeruniversitäre Forschung liegen, wie gesagt, keine Evaluierungen zugrunde. Im Vorjahr wurden jedoch Kriterien für die Beurteilung der außeruniversitären Forschungseinrichtungen erarbeitet (u.a. auf einem Workshop des BMWF mit den GSK-Instituten), um Leistungsvereinbarungen zu schließen und die Förderungen davon abhängig zu machen.

Damit wären die Basisförderungen auf transparente und forschungspolitisch vernünftige Grundlagen gestellt worden. Das Vorhaben wurde aber nicht umgesetzt, die Kriterien kamen nicht zur Anwendung.

An Beurteilungen fehlt es uns aber auch so nicht wirklich, denn FORBA steht unter ständiger Evaluierung: Anonyme, internationale Begutachtung bei teils extrem starker Konkurrenz bei den Projekteinreichungen in EU-Programmen, beim FWF, beim WWTF, bei der ÖNB etc., Begutachtung nach Projektabschluss bei EU-Projekten und beim FWF, anonyme Begutachtung der vielen Publikationen in (internationalen) wissenschaftlichen Zeitschriften und Verlagen, jeder Forschungsbericht geht an den internationalen Beirat des Instituts.

Raus aus der EU-Forschung?

Diese Beurteilungen des Instituts interessieren in der Wissenschaftspolitik offensichtlich nicht. Das sich darin spiegelnde Wissen, die erreichte Qualität und die internationale Position gehen auf lange, auch öffentlich geförderte Aufbauarbeit zurück. Ihre Früchte sollen nun ohne sachliche Begründung zunichte gemacht werden (siehe die Plattform Wissen/Schafft/Österreich).

FORBA wird auch ohne Förderung durch das BMWF weiter bestehen. Aber es wird eine Neuorientierung nötig sein: Schnell raus aus der EU-Forschung, weniger von der anspruchsvollen Antragsforschung, weniger internationale Konferenzauftritte und Abschied von internationalen Publikationen.

Das ist das genaue Gegenteil der wissenschafts- und forschungspolitischen Ziele, die uns das BMWF immer nahe gelegt hat und für die wir bisher unterstützt wurden. Aber es ist ja nicht unsere Entscheidung.

Mehr zu den aktuellen Budgeteinsparungen: