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Überlebenskampf für Zeitungen keine "News"

Speziell die Zeitungen in den USA haben wegen des Internets in den vergangenen Jahren gelitten: ökonomisch, weil die Anzeigen abwanderten, inhaltlich, weil plötzlich jeder publizieren konnte. Dass Zeitungen um ihre Existenz kämpfen, ist historisch aber nichts Neues, sagt Nicholas Lemann, Dekan der School of Journalism an der Columbia University in New York.

Publizistik 19.11.2010

Die Hochschule gilt als renommierteste Ausbildungsstätte von Journalisten aus aller Welt und vergibt alljährlich die Pulitzer-Preise.

Lemann sieht die Zukunft des Journalismus optimistisch und den Wandel der Branche als die einzige Konstante. Anlässlich einer Konferenz des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen befindet er sich derzeit in Wien - science.ORF.at hat mit ihm gesprochen.

Zur Person

Porträtfoto von Nicholas Lemann

Claire Holt, School of Journalism - Columbia University

Nicholas Lemann ist Dekan und Professor an der School of Journalism der Columbia University, New York. Er ist Autor des "New Yorker" und mehrerer Bücher.

science.ORF.at: Sie haben vier Kinder, würden Sie einem davon raten, Journalist zu werden?

Nicholas Lemann: In den USA ist nie jemand Journalist geworden, weil das ein gemütlicher Job mit gesichertem Einkommen ist. Als ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich Journalist werden möchte, waren sie entsetzt. Sie meinten, dass der Beruf überhaupt keine Zukunft hat. Das hat es also schon immer gegeben. Ich glaube aber, dass er sehr wohl eine Zukunft hat.

Eine Sorge ist technischer Natur: Der Beruf Journalist könnte ihr zufolge ersetzt wird durch eine Software, die News aggregiert, wie es z. B. Google News macht?

Das ist meine geringste Sorge. Es sind noch immer die Menschen entscheidend, selbst bei Google News. Dabei reiht nicht so sehr eine Software die Meldungen, wie man das vielleicht glauben könnte, sondern Menschen. Sie entscheiden bei Google News, welche Nachrichtenquellen herangezogen werden. Die Algorithmen sind so geschrieben, dass die angesehensten Medien ganz oben in der Trefferliste stehen. Ich weiß zwar nicht, wie der Softwarecode aussieht - das ist geheim wie das Cola-Rezept - ich weiß aber, dass das Ranking kein reiner Popularitätswettbewerb ist.

Veranstaltungshinweis

Europäische Debatte: Democracy and the Media: Sonntag, 21.11, 11.00 Uhr, Burgtheater
Dr.-Karl-Lueger-Ring 2, 1010 Wien, veranstaltet vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen (Programm).

Um aber auch von der Produktionsseite zu antworten: Neben den News-Aggregatoren von Yahoo und Google gibt es noch viele andere. Man kann aber nicht eine Million solcher Seiten haben, wenn es nur eine vergleichsweise geringe Zahl an News-Produzenten gibt. Viele der Seiten sind deshalb wieder verschwunden, weil sie keinen Mehrwert angeboten haben, oder sie sind selbst in die Nachrichtenproduktion gegangen. Die Oberfläche alleine bringt nichts.

Sie sind für die Zukunft des Journalismus also optimistisch?

Kurz gesagt: Ja. Ich habe aber auch eine längere Antwort: Journalismus, das ist allgemein anerkannt, hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Freie Gesellschaften brauchen eine freie und unabhängige Presse. Zumindest in den USA ist das Geschäftsmodell v. a. der Zeitungen großer Städte zuletzt stark in Bedrängnis geraten. Was bedeutet das für die Zukunft dieses gesellschaftlichen Guts? Entweder es verschwindet oder es muss anders finanziert werden.

Wenn wir das Erstere nicht wollen, brauchen wir in den USA Geld, das nicht mehr ausschließlich vom Markt stammt. Oder die Marktkräfte werden so geändert, dass das Gut wieder angeboten werden kann.

Wie das vielleicht funktionieren kann, hat ein Bericht gezeigt, den Sie im Vorjahr veröffentlicht haben.

Der Bericht

In dem Report "The Reconstruction of American Journalism" beschreiben Leonard Downie und Michael Schudson den Ist-Zustand des Journalismus und geben Empfehlungen für die Zukunft ab. Darunter den Hinweis, dass private und öffentliche Hochschulen Nachrichten produzieren sollten, Empfehlungen für neue Formen öffentlicher Finanzierung sowie für eine bessere und schnellere Einbindung der User in den Nachrichtenprozess.

Langbericht des Reports, und hier eine Kurzversion.

Die beiden Autoren Leonard Downie und Michael Schudson haben dabei sechs Empfehlungen abgegeben, sowohl was die Finanzierung von Journalismus in der Zukunft betrifft als auch seine Strukturen. Bei allen sechs sehe ich Fortschritte. Bei der Empfehlung, dass auch andere Institutionen wie z. B. Universitäten mehr Nachrichten produzieren, kann ich als Dekan selbst etwas beitragen. Wir versuchen das mittlerweile. Auch finanzieren Stiftungen den Journalismus mittlerweile stärker als noch vor fünf Jahren, eine weitere Empfehlung. Und die Bundesregierung hegt auch Pläne, ihn etwas stärker zu unterstützen. Ob das wirklich passieren wird, weiß ich natürlich nicht.

In dem Bericht ist auch von Non-Profit-Nachrichtendiensten die Rede, die zunehmend bedeutsam werden. Was machen sie genau und wie finanzieren sie sich?

Die einen bieten lokale News im Internet an, die andere fachspezifische Nachrichten, die sie an andere, profitorientierte Presseunternehmen schicken. Lenn Downie etwa, der Autor der Studie, ist auch Chef von Kaiser Health News, deren Berichte über das Gesundheitssystem gratis an andere weitergegeben werden.

Diese Non-Profit-Einrichtungen werden in erster Linie durch Stiftungen finanziert. Sie versuchen zwar, davon unabhängig zu werden, haben aber unterschiedlichen Erfolg. Einige haben Verträge mit der profitorientierten Presse. Die "NY Times" etwa hat Verträge mit drei dieser Organisationen, die sie bezahlen, darunter die Bay Area News in San Francisco. Einige beziehen ihr Geld auch aus Mitgliedschaften, jene Art, mit der auch das öffentliche Radio in den USA finanziert wird, aber der Hauptteil stammt aus der Philanthropie.

Im Unterschied zu den USA ist die Presse in Europa stark von öffentlichen Geldern abhängig. In Folge der Finanzkrise wird überall gespart, welchen Ratschlag würden Sie hier Ihren europäischen Kollegen geben?

Ö1-Sendungshinweis:

Von der Medienrevolution durch das Internet handelte auch das Ö1-Radiokolleg "Die Kultur des Lesens. Vom Zeichen deuten bis zum Anklicken" vom 15.-18.11, 9.05 Uhr, Radio Österreich 1 - mehr dazu in oe1.ORF.at

Als wir unseren Bericht veröffentlicht haben, gab es eine interessante Reaktion. Eine der Empfehlungen betraf eine sehr vorsichtig formulierte Form öffentlicher Förderung: Sie stellte sich als extrem unpopulär unter amerikanischen Journalisten aus. Es ist erstaunlich, wie stark die Menschen im Allgemeinen und Journalisten im Besonderen in den USA gegen öffentliche Förderungen eingestellt sind.

Nun bin ich kein Experte für Europa: Aber ich denke, es wäre viel einfacher, die öffentlichen Subventionen wieder zu steigern, die auch nach den Einschnitten immer noch unvorstellbar hoch sind im Vergleich zu den USA, als zu einem philanthropischen System zu wechseln.

Das passt schon gut zum Titel der Konferenz: Wie hat die digitale Ära den Zusammenhang von "Demokratie, sozialer Solidarität und Journalismus" verändert?

Die Diskussionen laufen hier ganz anders ab als in den USA. In meiner Heimat herrscht die Haltung vor: "Wenn sich etwas nicht durch den Markt trägt, hat es auch keinen Sinn." In Europa macht man sich deshalb, wie ich vermute, weniger Sorgen um die "sagenhaften und neuen Geschäftsmodelle" im Internet.

Der zweite Unterschied: In den USA würden derartige Konferenzen Blogger und andere Internet-Menschen anziehen, die meinen: "Ihr habt überhaupt keine Berechtigung mehr zu existieren." Und zwar nicht aus ökonomischen, sondern aus gesellschaftlichen Gründen, wie die politische Linke und die Rechte das argumentiert. Also die Ansicht, dass Presseunternehmen von großen Firmen besessen werden, die nicht das Wohl der Gesellschaft im Auge haben, sondern eher Informationen unterdrücken und die Interessen ihrer Besitzer und politischen Freunde verfolgen.

Diese Diskussion ist in den letzten Jahren etwas schwächer geworden, weil man sieht, was passiert, wenn immer weniger Leute in den Redaktionen arbeiten. Aber noch vor fünf Jahren war das genauso: Berufsjournalisten waren in der Defensive, die Internet-People haben gemeint, sie können die Aufgaben der Presse selber übernehmen, auf eigener, demokratischer und freiwilliger Basis.

Woher kam diese Änderung?

Weil die Journalisten wirtschaftlich unter Druck geraten sind, haben sie in der Diskussion vielleicht ein paar Pluspunkte gewonnen. Das Argument gibt es in den USA aber noch immer. Bei einer Diskussion in Europa erwarte ich mir hingegen, dass die institutionalisierte Presse als wertvoller gilt und die Internet-Journalisten eher als Gefahr betrachtet werden, weil sie vermeintlich zu Fehlinformationen und einer Fragmentierung der Gesellschaft führen.

2012 wird die Columbia School of Journalism 100 Jahre alt. War das Internet die größte Erschütterung für den Journalismus in dieser Zeit?

Nein, ganz sicher nicht. An unserer Universität gibt es mittlerweile das Pflichtfach "Geschichte des Journalismus". Das liegt u.a. daran zu zeigen, wie wichtig es ist, der Versuchung zu widerstehen, den einen, alles umwälzenden Moment der Geschichte anzunehmen. Ich denke z.B. dass das Fernsehen einen tieferen Eindruck auf die gesamte Gesellschaft hinterlassen hat als das Internet. Der Telegraph hatte starke Auswirkungen, schnelle Druckmaschinen, das Radio, das Fernsehen, zuletzt das Internet.

Besonders die Zeitungen stehen aber ökonomisch unter Druck ...

Die Zeitungen standen immer im Zentrum der Debatte. Denken Sie etwa an "Extrablatt", die Komödie von Billy Wilder über das Zeitungsbusiness. Sie zeigt eine Welt Ende der 1920er Jahre, in der die meisten großen Städte der USA sechs oder mehr lokale Zeitungen hatten, die in einem beinharten Wettbewerb miteinander standen. Mit reißerischen Schlagzeilen, Geschichten über Skandale und Morde haben sie versucht, ihre Auflagen zu steigern. Um wichtige Themen öffentlichen Interesses haben sie sich weniger gekümmert. Das Resultat dieser sehr destruktiven Konkurrenz war ein großes Tageszeitungssterben zwischen 1925 und 1975, was natürlich auch am Radio und am Fernsehen lag.

Als sich der Rauch verzogen hatte, gab es in den meisten Städten nur mehr ein, maximal zwei Zeitungen. Zu diesem Zeitpunkt wurden diese enorm profitabel. Sie hatten keine Konkurrenz mehr, waren Monopolisten sowohl für Nachrichten als auch für Anzeigen. Mit dem vielen Geld sind sie zu immer größeren und erhabeneren Institutionen geworden. Zeitungen wie der Houston Chronicle oder die Chicago Tribune hatten um das Jahr 2000 500 Redakteure und waren sehr ambitioniert. Dieser Zeitraum war aber nur sehr kurz, er dauerte nur rund 25 Jahre.

Nur in dieser kurzen Zeit hat die Idee, dass eine rein auf dem Markt beruhende Zeitungslandschaft qualitativ hochwertige und gesellschaftlich relevante Nachrichten liefern kann, überhaupt existiert. Sobald das Internet kam, war das vorbei. Der Personalstand all dieser Zeitungen wurde halbiert. Die Geschichte des Journalismus war immer stürmisch, es kamen ständig neue Medien hinzu, die alten Medien mussten sich immer anpassen. Deswegen ist das Internet auch nicht das wichtigste, was je passiert ist. Es gab immer gute und schlechte Zeiten, der Wandel ist die einzige Konstante.

Das Interview führte Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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