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Ausschnitt aus der Zeitleiste des Digitalen Peters

Nicht nacherzählen, sondern selber denken

1952 ist die "Synchronoptische Weltgeschichte" erschienen: Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich der Versuch des deutschen Historikers Arno Peters, Geschichte anders als bisher darzustellen - nicht mehr als nationalstaatlich geprägten Text, sondern als Karte, die gleichzeitige Ereignisse aus allen Kulturen nebeneinander abbildet.

Geschichte 03.12.2010

Das zweibändige Monumentalwerk in Atlasform war politisch und formal umstritten, gilt aber bis heute als Meilenstein der Geschichtswissenschaft. Die vor Kurzem vorgestellte digitale Version macht aus dem "Werk nun ein Werkzeug", wie es einer der Produzenten, der deutsche Autor Martin Weinmann, in einem science.ORF.at-Interview nennt.

Mit der analogen Variante gemeinsam hat sie das Ziel eines anderen Geschichtsbilds: Historie nicht mehr als lineare und leicht konsumierbare Erzählung aus partialen Blickwinkeln, sondern als Netz tausender, gleichberechtigter Ereignisse, deren Fäden man selbst verkettet.

Martin Weinmann

Martin Weinmann im Porträt

privat

Martin Weinmann lebt in Wiesbaden und ist Büchermacher, Autor und Produzent. Zur Präsentation des Digitalen Peters ist er zurzeit am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

science.ORF.at: Der Digitale Peters braucht für die Installation sieben Gigabyte. Wie sinnvoll sind derartige Projekte im Zeitalter von Wikipedia noch?

Martin Weinmann: Der Digitale Peters ist keine Enzyklopädie, sondern eine Panoramamaschine, ein Turm, von dem aus man eine Übersicht bekommt. Das Internet im Allgemeinen und Wikipedia im Speziellen entwickeln sich zu einem riesigen Weltverzeichnis, in der jedes Kilo Butter einen Namen, seine eigene Nummer bekommt. Die Welt wird inventarisiert.

Diese enzyklopädische Inventarisierung läuft auf eine enorme Wissenszerstreuung hinaus. Es ist nicht mehr die Frage, was man wissen kann, sondern was man wissen will. Um dieser Wissenszerstreuung standzuhalten, muss man aufrüsten. Neben dem enzyklopädischen Wissen brauchen wir Orientierungswissen. Um sich in einem Wald nicht zu verlaufen und zu verlieren, braucht man eine Karte. Der Digitale Peters ist eine Weltkarte der Zeit.

"Geschichte dargestellt als Landschaft" - was heißt das?

Die Kartographie lebt von den Zwischenräumen, von den Dingen, die nicht darin verzeichnet sind. Bei einer Landschaftskarte geht es nicht um einen bestimmten Baum, sondern um einen Weg. Mit der Karte weiß man, wo man ist. Kartographie und Geschichte passen gut zusammen, weil Geschichte eine labyrinthische Wissenschaft ist und nie geschlossene Gestalten bildet.

Der Digitale Peters

Ansicht des Digitalen Peters,

Der Digitale Peters

Im April dieses Jahrs ist der Digitale Peters erschienen, entwickelt von Hans-Rudolf Behrendt, Thomas Burch und Martin Weinmann. Die Geschichtssoftware umfasst wie sein analoger Vorgänger fünftausend Jahre Geschichte und rund 12.000 geschichtsmächtige Ereignisse aus allen Weltkulturen. Basis ist eine Kartei mit 42.000 DIN-A5-Karten, die seit einigen Jahren in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin steht. Die DVD-Rom kostet 89,90 Euro und wurde laut Weinmann bereits 2.500 Mal verkauft.

Können Sie das anhand eines konkreten Beispiels erläutern?

Nehmen wir ein Beispiel, das mal nichts mit Mord und Totschlag zu tun hat. Da gibt es Einträge, die man einfach anstaunt, weil man merkt, dass man eigentlich nichts weiß. Zum Beispiel den, dass sich die katholische Kirche für eine Farbe entschieden hat, die Nichtfarbe Schwarz. Gut, irgendwann muss das natürlich angefangen haben.

Bloß: Wer hat das betrieben? Ist das langsam eingesickert oder war das ein Beschluss, der allen sofort eingeleuchtet hat? Haben die Gottesmänner und -frauen, die damals gerade auch zu Staatsdienern aufrückten, eine Uniform bekommen, wie sie heute Polizisten oder Soldaten haben? Und warum schwarz? Schwarz ist ja bekanntlich auch die Farbe der Trauer. Die Farbe, die anzeigt, dass jemand ins Jenseits gegangen ist. Es ist doch interessant, ob das zu diesem Zeitpunkt schon so gewesen oder erst in der Folge dazu gekommen ist?

Die Zeitkarte ermöglicht derartige Querpeilungen. Man kann sich seinen eigenen Weg bahnen. Das ist ein anderes Geschichtsbild als das gewohnte: Geschichte ist nicht mehr die Lektion, bei der man lernt, etwas genau nachzuerzählen. Man stellt die Zusammenhänge selber her, man denkt selber.

Warum haben Sie eine digitale Version der "Synchronoptischen Weltgeschichte" gemacht?

Angefangen hat alles ganz harmlos. Zweitausendeins, der Verlag, bei dem ich lange Lektoratsleiter war, hat die Synchronoptische Weltgeschichte zuletzt verlegt. Weil das in der Herstellung extrem aufwändig ist, lag eine elektronische Publikation nahe. Wir haben also eine Art Retrodigitalisierung gemacht und inhaltlich nirgendwo eingegriffen.

Der Vorgänger: Das Buch

Die "Synchronoptische Weltgeschichte" als Buch - aufgeblättert sie sie aus wie eine Blume.

Der Digitale Peters/ E. Kunze

Die "Synchronoptische Weltgeschichte" von Arno Peters erschien erstmals 1952, seither wurden rund 250.000 Exemplare verkauft. Zu den Autoren und Mitarbeitern des Projekts zählten die renommiertesten Köpfe der Wissenschaft Deutschlands in den 1950er Jahren, darunter der Nationalökonom Alfred Weber, der Soziologe Alfred Vierkandt, der Physiker Werner Heisenberg, der Schriftsteller Thomas Mann und der Historiker Franz Schnabel. An der französischen Ausgabe war u.a. der Historiker Jacques Le Goff beteiligt. (oben zu sehen: das Begleitbuch der aktuellen DVD in Blumenform)

Worin liegen die Hauptunterschiede der Medien?

Man kann natürlich vergleichen und feststellen, dass iPads leichter sind als Bücher und mehr Daten fassen. Diese Diskussion finde ich aber uninteressant. Und sie wird uns vermutlich nicht mehr lange beschäftigen. Wichtiger ist die Frage, wie ich besser und gründlicher lesen kann. Sonst macht Medienwechsel wenig Sinn. Der Computer kann Dinge, die ein Leser nicht kann, z.B. einen semantischen Raum aus 4.000 Begriffen im Kopf haben.

Oder ein neuer Typ von Register. In einem Buchregister kann ich aufweisen, wo ein Detail im Ganzen auftaucht. Zum Beispiel der Begriff "Europäisierung der Erde". Am Rechner kann hingegen auch umgekehrt dargestellt werden, wie das Ganze das Detail differenziert. Man kann also die inhaltlichen Aspekte der "Europäisierung der Erde" auffächern: Man sieht, dass und wann die Holländer am Zug waren, wann die Spanier oder die Engländer die Hauptrolle übernahmen, welche Rolle die Seeherrschaft dabei spielte usw. Auf diese Weise hilft einem der Rechner, blitzschnell eine riesige Datenschublade zu durchwühlen.

Der Übergang vom Buch zur Software ist also in diesem Fall wie der von der Kartographie zur Tomographie. Der Datenkorpus liegt nun quasi in der Röhre und man entscheidet selbst, welche Schnitte man sehen will. Man wird auf die Idee gebracht: Was könnte ich sehen und wissen wollen? Auch das ist einer der Unterschiede zur Enzyklopädie.

1952 war es neu, Geschichte als Gleichzeitigkeit von Ereignissen darzustellen. Warum war das damals wichtig?

Die "Synchronoptische Weltgeschichte" ist als Projekt der Demokratisierung in der deutschen Nachkriegszeit entstanden. Die Alliierten haben das Werk unterstützt. Peters Idee war es, ein anderes Geschichtsbild zu zeichnen. Eines, das nach der Nazizeit in Richtung Demokratie zeigt.

Veranstaltung in Wien

Am Montag, 6.12., 18 Uhr, findet am Institut für die Wissenschaften vom Menschen eine Präsentation der Geschichtssoftware: Der Digitale Peters statt, tags darauf ein Seminar zur Digitalisierung von Geschichte.

Als es erschienen ist, war es sehr umstritten. Es galt vielen als zu links.

Das stimmt. Einige Monate lang wurde es rundum hochgelobt und gefeiert. 15.000 oder 20.000 Exemplare gingen an westdeutsche Schulen. Ursprünglich war sogar an ein gesamtdeutsches Geschichtswerk gedacht. Die DDR hat es aber als revisionistisch abgelehnt.

Die Erstausgabe erschien 1952. Was war das für ein Jahr? Der dritte Weltkrieg schien vor der Tür zu stehen. In Korea begann die US Air force ihre Flächenbombardements. Die erste Nummer der Bildzeitung erschien. Ideologische Aufrüstung allenthalben. Da wollten sich die westdeutschen Konservativen die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihren Reedukationsaufpassern eins überzubraten.

Sie haben sozusagen McCarthy empfohlen, sich einmal um jene US-Militärzensoren zu kümmern, die das Werk eines roten Wolfs im Schafspelz nicht nur durchgelassen, sondern sogar noch gefördert haben. Eine veritable Kampagne brach los. Die Debatte hat Peters fast den Hals gebrochen, Retter in der Not war Thomas Mann, der sich stark für ihn eingesetzt hat.

Wie konsequent ist Peters seinen Weg gegangen?

Dazu kann ich eine Anekdote beisteuern: Die zweite Auflage wurde in der deutschen Bundesdruckerei gedruckt. Als das Imprimatur erteilt war, hat die Bundesdruckerei auf einer langen Liste Änderungen verlangt. Beispielsweise auch beim Eintrag "Hund".

Was war das Problem? Rousseau hat gesagt, den Unterschied von Dein und Mein habe derjenige in die Welt gesetzt, der den ersten Zaunpfahl in den Boden gerammt hat. Peters hat das sozusagen rückdatiert. Eigentumsverhältnisse haben sich mit den Hütehunden herausgebildet, die die Herden zusammenhielten. Die Bundesdruckerei war sozusagen genervt, dass da einer sogar noch beim besten Freund des Menschen die Frage der Eigentumsverhältnisse diskutiert. Peters hat die verlangten Änderungen verweigert. Die Sache ging vor Gericht. Vertreten wurde Peters von Otto Schily, dem späteren Innenminister. Man einigte sich in einem Vergleich.

Die Bundesdruckerei, die sich nicht zum Organ solcher Argumente machen lassen wollte, ließ sich das 1,3 Millionen Mark kosten. Ungefähr zeitgleich hat übrigens ein anderes Staatsorgan, Präsident Gustav Heinemann, dem Autor in einem persönlichen Schreiben zu seinem großen Werk gratuliert. Man sieht: Weltgeschichte ist Zeitgeschichte.

Welche Bedeutung hatte die "Synchronoptische Weltgeschichte" international?

Sie ist vielleicht das erste transnationale Geschichtswerk. Die zweite erweiterte Auflage ist zeitgleich mit einer französischen Ausgabe erschienen. In der Kartei sind die Änderungen für die französische Ausgabe verzeichnet, die nötig waren, um sie unterrichtsfähig zu machen. Es lässt sich also nachvollziehen, wie nationalstaatlich geprägt die Geschichtsschreibung war: Welches sind Schlüsselereignisse, an denen das deutsche Selbstverständnis hängt, und an welchen hängt das französische?

Es gibt auch Dinge, die nicht im Digitalen Peters enthalten sind - etwa Sportereignisse oder andere Themen aus Populärkultur und Alltag. War das eine Entscheidung, sich damit nicht zu beschäftigen?

Die Daten entsprechen im Wesentlichen dem Stand der Geschichtsschreibung vom Ende der 1960er Jahre, seither hat sich natürlich in der Geschichtswissenschaft viel verändert. Aus diesem Grund wollen wir das Programm möglichst bald "öffnen". Dann kann jeder selbst Neueres in das Programm einbauen oder Sonderkarten in die Weltkarte der Zeit anfertigen. Die Veranstaltung in Wien hat auch den Sinn, in diesem Sinne Interessierte zu finden.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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