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Porträtfoto von Jack Nicholson, dem Schauspieler

Übertreibungskünstler der Männlichkeit

Kaum eine andere Patientengruppe genießt derart viel Aufmerksamkeit in der Populärkultur wie die Autisten. Kommunikationsgestört, wenig einfühlsam mit anderen, aber in Teilbereichen genial schlagen sich die meist männlichen Protagonisten durchs Leben.

Autisten 13.12.2010

Obwohl dies nicht dem letzten Stand der Forschung entspricht, gilt Autismus als kleine Abweichung von der männlichen Norm, meint die Biologin und Philosophin Nicole Karafyllis in einem science.ORF.at-Interview.

Genutzt wird diese Abweichung nicht zuletzt von der Forschung zu Militär und Künstlicher Intelligenz.

science.ORF.at: Haben Sie 1988 den Film "Rainman" gesehen?

Porträtfoto von Nicole Karafyllis

Nicole Karafyllis

Nicole Karafyllis ist Professorin für Philosophie an der TU Braunschweig und zurzeit Senior Fellow am IFK in Wien.

Nicole Karafyllis: Ja, natürlich. Wobei das mehr an Dustin Hoffman in der Hauptrolle lag als am Inhalt des Films. Heute würde ich sagen: "Rainman" hat ein Bild geprägt, das sich lange gehalten hat: der Asperger-Autist als weißer Mann der Mittelschicht, der Telefonbücher auswendig lernen kann.

Dieses Bild war doch recht sympathisch: der etwas gestörte, aber zum Teil überdurchschnittliche begabte Eigenbrötler ...

Man hatte v.a. Mitleid mit ihm. Sympathisch war wohl seine Authentizität und Unverfälschtheit. Kinobesucher finden Protagonisten gut, die keine Masken tragen. Männer haben sich vielleicht auch mit ihm identifizieren können, weil er Probleme mit Frauen hatte. Für mich ist an dem Film entscheidend, dass er zum Schluss in die Anstalt zurückkehren musste, weil er kein eigenes Leben führen konnte.

Ist das eine typische Geschichte, die da erzählt wurde?

Vortrag zum Thema in Wien

Am 13.12 hält Nicole Karafyllis einen Vortrag mit dem Titel " Der Autist: Einsames Genie oder antisoziales Wesen?".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Zumindest typisch für die Wissenschaft der 1980er Jahre: Damals galten nur die schweren Fälle als Autisten, und die wurden in Heimen untergebracht, weil man nicht annahm, dass sie eigenständig leben können. In den 1990er Jahren wurde der Autist dann "normalisiert". Das sieht man auch in dem Film "Besser geht’s nicht" mit Jack Nicholson. Da gab es ein Happy End, weil sich eine Frau um den Autisten kümmert und seine ruppigen Seiten akzeptiert.

In der Zwischenzeit war es zu einem wissenschaftlichen Umbruch gekommen, v.a. durch die Neurowissenschaften. Der Autist wurde nicht mehr als "ganz anders" betrachtet, sondern als kleine Abweichung von der Norm, die aber eigentlich alle Männer betrifft: gestörte Kommunikation, geringes Einfühlungsvermögen, dafür hohe Rationalität. Ab den 90ern ist dieses klassische Männerbild mit dem pathologischen Befund verschmolzen.

Wo gibt es die meisten Fälle von Autismus?

Autismus betrifft v.a. Industriestaaten, und da besonders die Städte. Das kann empirisch daran liegen, dass es dort öfter diagnostiziert wird, weil es mehr Ärzte gibt. Die höchsten bekannten Zahlen stammen aus den USA, und hier insbesondere aus Kalifornien, mit über einem Prozent der Bevölkerung. Das ist interessant, denn Kalifornien ist ja auch die Heimat von Silicon Valley, und Autisten werden immer so dargestellt, dass sie sich gut mit Computern beschäftigen können, weil ihre Gehirne und Computer irgendwie ähnlich sind. Für die EU gibt es keine allgemeinen Zahlen, für die einzelnen Länder schon. In Österreich heißt es, eines von 110 Kindern ist betroffen.

Bis 2006 ging man davon aus, dass Autismus mit dem westlichen Lebensstil zu tun hat, aber mittlerweile berichtet auch China von steigenden Zahlen, Japan hat das schon vorher getan, auch im arabischen Raum gibt es zwei entsprechende Forschungszentren. Interessant ist, dass im arabischen Raum auch mehr Fälle von betroffenen Mädchen diagnostiziert werden, während im Westen nach wie vor der Eindruck besteht, dass vorwiegend Buben betroffen sind.

Oft gibt es Krankheiten erst, wenn sie diagnostiziert werden. Anders gesagt: Hat es Autismus immer schon gegeben oder ist er eine "Erfindung" des 20. Jahrhunderts?

Wenn man sagt: Eine Krankheit hat es immer gegeben, steckt dahinter eine Naturgeschichte und dahinter wiederum ein Biologismus. Wenn man sie als kulturelles Phänomen begreift, wissen wir nicht, wie sie früher geheißen hat. Die erste Veröffentlichung zu Autismus stammt von dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler aus dem Jahr 1911.

Hans Asperger hat sich später auf Bleuler bezogen und das Krankheitsbild von der Schizophrenie unterschieden. In der Nazi-Zeit galt Schizophrenie unter dem "Gesetz zur Verhütung von erbkrankem Nachwuchs" als ein Grund für Kindereuthanasie. Schizophrene wurden zwangssterilisiert oder getötet. Asperger hat das klar unterschieden, weil Schizophrenie u.a. durch Wahnvorstellungen von Handlungen gekennzeichnet ist, während der Autismus auf Objekte fokussiert. Asperger meinte, die betroffenen Kinder hätten eine besondere Klarsichtigkeit, sie könnten die Welt ganz klar sehen.

Aber nur in einer gewissen Hinsicht?

Ja, die Autisten sehen die Welt in gewisser Weise so, wie es der Nominalismus in der Philosophie beschreibt. D.h. die Welt existiert nur in Form von Objekten, die wir anfassen und denen wir einen Namen geben können. Nicht Ideen, Metaphern oder Theorien, sondern alles muss einen Sinn in der realen Welt geben können. So sehen die Autisten angeblich die Welt - das ist meines Erachtens auch der Grund, warum sich die "Normalen" so für sie interessieren. Es geht letztlich um die Frage: Was ist Realität? Und das finden wir oft auch sympathisch, weil wir uns nach einer eindeutigen Welt sehnen, einer Welt, die gereinigt ist von allen Zwischentönen, Metaphern, Ironie etc - zumindest manchmal.

Auch von Gefühlen?

Nein, das war eine Konsequenz der Hollywood-Darstellungen und des Männlichkeitsbildes. Selbstverständlich haben Autisten Gefühle. Was ihnen fehlt, ist eine "Theory of Mind": die Intuition, dass man in einem anderen Meinungen und Absichten vermuten kann.

Empathie?

Die Empathie alleine reicht nicht, sie hat zwei Komponenten, eine kognitive und eine affektive. Bei Autisten ist klar nachgewiesen, dass sie die affektive besitzen, d.h. sie können mitleiden, obwohl sie sich nicht einfühlen können. Das ist für uns "Normale" schwer vorzustellen.

Sie beschreiben in einem Buchbeitrag, dass die Eigenschaften von Autisten im militärischen Apparat untersucht werden, wie darf man sich das vorstellen?

Wichtig beim Autisten ist die Unterscheidung von zwei Funktionen im Gehirn: executive functions, d.h. ausführende Handlungen, die er beherrscht. Die sogenannten control functions, die ein "normales" Gehirn hat - also reflektieren, warum man etwas tut -, beherrscht er hingegen laut der Neurowissenschaft nicht. Und das passt gut zu einem Anwendungsbereich, wo man nicht reflektieren, sondern Befehle befolgen soll.

Auch in einem normalen Gehirn können sich ausführende und kontrollierende Instanzen hemmen, dann gibt es keine effektive Handlung. Einen Soldatenroboter muss man einerseits so konstruieren, dass er zielgerichtet handelt, dabei sollen aber andere wichtige Funktionen nicht behindert werden, etwa der Selbstschutz, die Wachsamkeit, die Beobachtung des Umfelds. Es ist äußerst komplex, so einen künstlichen Soldaten zu konstruieren. Das autistische Gehirn dient als Vorbild, wie widerstreitende Eindrücke einströmen und kanalisiert werden können.

Die Autisten also als Vorbild für Künstliche Intelligenz?

Ja, das betrifft auch die Objekterkennung, die für das Militär ja sehr wichtig ist. Die Frage lautet: Wie kann ein Computernetzwerk lernen, aus Gruppen bestimmte Kriterien herauszukristallisieren. Bis jetzt tun sich Roboter sehr schwer, aus Gesichtern Einzelmerkmale herauszufiltern. Das kann der Autist hingegen sehr gut, schon das autistische Kind.

Man versucht also ihr Gehirn als Vorbild für die Robotik zu nehmen. Umgekehrt ist die Robotik auch daran interessiert, autistischen Kindern zu helfen. Sie werden von den eigenen Altersgenossen oft ausgeschlossen. Wenn man sie aber früh fördert, können sie lernen, wie man sich z.B. freundlich gegenüber anderen verhält. Und dabei können ihnen die Roboter helfen: Sie imitieren positive Gefühle, etwa Gesichtsausdrücke, ein Lächeln oder das Ausstrecken der Hand, und das wiederum imitieren die Kinder.

Erfolgreich?

Einigermaßen. Der Roboter unterstützt die Angewandte Verhaltensanalyse, die gängigste Therapieform und die einzige, die halbwegs klappt, denn Autismus gilt bis heute als nicht restlos heilbar.

Autisten stellt man sich immer vor wie "Rainman" oder Jack Nicholson, warum gibt es keine weiblichen Autisten-Ikonen?

Es gibt sie, aber sie sind in der Populärkultur deutlich unterrepräsentiert. Die meisten Krankheiten werden in das Muster männlich-weiblich eingeordnet. Schon der Autismus-Vorgänger, die Schizophrenie hat als Störung des Intellekts und der Kognition gegolten und war damit "ideal" für das klassische Männerbild. Demgegenüber stand die manisch-depressive Störung, von der vermeintlich v.a. die Frauen betroffen sind. Der Autismus-Verdacht fällt bis heute eher auf Buben.

Wie ist das aktuelle Verhältnis?

4:1 im gesamten Spektrum der Krankheit, beim Asperger-Syndrom lautet es 9:1 "zugunsten" der Männer. Die Zahlen stammen allerdings aus den 1980er Jahren, sind also nicht aktuell und durchaus fragwürdig. Damals wurden die Betroffenen wie gesagt noch in Heimen untergebracht. Und das hat eher für Buben gegolten: Mädchen mit gleichen Störungen wurden eher in der Familie belassen, Buben nicht.

Bücher zum Thema:
Degele/ Schmitz/Gramespacher/Mangelsdorf (Hrsg.): "Gendered Bodies in Motion", Budrich UniPress 2010

Nicole C. Karafyllis(Gotlind Ulshöfer (Hg.): Sexualized Brains. Scientific Modeling from a Cultural Perspective, Cambridge: MIT Press, 2008

Gibt es realistischere Daten?

Meines Wissens nicht. Es wird daran gearbeitet, vielfach auf Druck von Selbsthilfegruppen. Eltern haben sich beschwert, dass Mädchen schlecht diagnostiziert werden. Früherkennung ist ja sehr wichtig, damit man noch gegensteuern kann. Die Mädchen werden oft mit ADHS diagnostiziert, aber nicht mit Autismus. Dahinter steckt die sehr reduzierte Wahrnehmung, was der Autismus sein soll.

Dennoch herrscht immer noch das Bild des männlichen Autisten vor.

In der kulturellen Wahrnehmung ja, bei Ärzten aber nicht mehr. Eine neue Entwicklung besteht darin, dass man eher auf die sinnliche Ebene des Autisten fokussiert, etwa auf das Schmerzempfinden und einen überdurchschnittlichen Gehörsinn. Autisten sind extrem lärmempfindlich. Man hat auch gemessen, dass sie andere Frequenzen wahrnehmen können als "Normale".

Darin besteht auch eine "Chance" für die Frauen, weil die sinnliche Komponente besser zum kulturellen Frauenbild passt. Wenn man das stärker macht, finden sich vielleicht im nächsten Psychiatrischen Katalog mehr Autistinnen - nicht wegen der Intellektleistung der Asperger-Gruppe, sondern wegen der höheren Sensitivität.

Es gibt auch Überlegungen in Forscherkreisen für eine weitere Untergruppe, die Kryptosensitivitätssyndrom heißen soll. Wie ich die Medizin kenne, werden darin v.a. Frauen diagnostiziert werden.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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