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Entleerte Kunststoffdosen und diverse Tabletten.

Placebos wirken, auch ohne Geheimhaltung

Placebos wirken, obwohl sie eigentlich keine Wirkung haben sollten. Das funktioniert, weil Patienten an ihre Wirkung glauben. Dafür muss man die Wirkungslosigkeit jedoch verheimlichen - dachte man zumindest bisher. Eine Studie zeigt nun, dass sich der gesundheitliche Zustand von informierten Personen durch Scheinarzneien ebenfalls verbessern kann.

Medizin 23.12.2010

Ungeklärte Wirkung

In der Regel werden Placebos - also Pillen ohne Wirkstoff - in klinischen Studien als Kontrollmittel eingesetzt, idealerweise im Doppelblindverfahren. Das heißt, die Probanden wissen nicht, ob sie das echte, zu testende Medikament erhalten oder lediglich eine pharmakologisch wirkungslose Scheinarznei. So will man die echten Effekte eines neuen Mittels ermitteln - so weit die Theorie. In der Praxis verbessern sich jedoch Zustand und Symptome auch durch die an sich wirkungslosen Placebos. Man spricht dann vom Placeboeffekt. Schätzungen zufolge gehen sogar 20 bis 80 Prozent aller Wirkungen von Medikamenten darauf zurück.

Die Ursachen dieses Phänomen sind bis heute nicht erschöpfend erforscht. Vermutlich werden dabei die Selbstheilungskräfte in irgendeiner Form aktiviert. Wesentliche Voraussetzung ist daher der Glaube an die Wirkung bzw. die Echtheit der Medizin, meint man gemeinhin. Das führt unter anderem dazu, dass Ärzte ihren Patienten heimlich Placebos verschreiben, Untersuchungen zufolge machen das bis zu 50 Prozent aller US-amerikanischen Mediziner.

Ethisch ist das problematisch, denn die Beziehung zwischen Arzt und Patient sollte eigentlich auf Vertrauen und Einverständnis basieren. Das ist ein Grund, warum der Effekt kaum ernsthaft verwertbar ist, da er den Behandelten im Unklaren lässt.

Neutralisierung durch Offenheit?

Die Studie:

"Placebos without Deception: A Randomized Controlled Trial in Irritable Bowel Syndrome" von Ted J. Kaptchuk et al. ist in in "PLoS One" erschienen.

In ihrer aktuellen Studie haben die Forscher um Ted J. Kaptchuk von der Harvard Medical School nun untersucht, ob eine offene Informationspolitik den Effekt von Scheinpräparaten tatsächlich neutralisiert. Die Testgruppe bestand aus achtzig Frauen, die am sogenannten Reizdarmsyndrom leiden - eine häufige, chronische Krankheit, bei der es signifikante Placeboreaktionen gibt, wie andere Untersuchungen bereits gezeigt haben. Zu Beginn wurden alle Patientinnen von Ärzten oder Krankenschwestern ganz allgemein und ausführlich über Placebos und ihre bekannten Effekte informiert, auch darüber, dass eine positive Einstellung dabei hilfreich sein kann.

Danach wurden die Probandinnen in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine erhielt das Scheinmedikament. Die Patientinnen wurden informiert, dass es keine wirksamen Substanzen enthielt - auf der Packung stand für alle deutlich lesbar: "Placebo". "Wir wiesen die Patienten an, einfach das Mittel zu nehmen, auch wenn sie nicht an den Placeboeffekt glauben", so Kaptchuk.

Stärkerer Placeboeffekt

Über einen Zeitraum von drei Wochen wurden alle Teilnehmerinnen beobachtet, abgesehen vom Scheinmedikament wurden alle ausnahmslos gleich behandelt. Am Ende berichteten fast doppelt so viele Placebotesterinnen als Unbehandelte von einer allgemeinen Verbesserung ihres Gesundheitszustands - ganze 59 Prozent. Auch detailliertere Befragungen bestätigten die positiven Wirkungen.

Laut den Forschern war die Placeboreaktion sogar stärker als in Placebo-kontrollierten klinischen Studien beim Reizdarmsyndrom. Das bestätige zusätzlich ihre offene Strategie. Denn bei klinischen Doppelblindstudien hätten die Teilnehmer lediglich eine 50-prozentige Chance, die echte Behandlung zu erhalten. In der aktuellen Untersuchung wusste hingegen die ganze Gruppe, dass sie die "interessante", wenn auch Placebotherapie bekommen. Das könnte den Effekt noch verstärken.

Gefahrlose Ersttherapie

Ö1 Sendungshinweis:

Radiodoktor: Hypnose - Das therapeutische Potential des Unbewussten, 27.12., 14:05 Uhr.

Natürlich ist die Aussagekraft dieser kleinen Studie begrenzt, wie die Forscher selbst einräumen. Sie soll vor allem einen Anstoß liefern, das erstaunliche Phänomen auch unter anderen Vorzeichen, d. h. mit voll informierten Patienten, zu untersuchen. "Jedenfalls zeigen die Ergebnisse, dass eine positive Einstellung gegenüber der Wirksamkeit als Erklärung nicht ausreicht. Möglicherweise zeitigt die Ausführung des medizinischen Rituals die positive Effekte", so Kaptchuk.

In der ärztlichen Praxis hätte diese offene Placebotherapie großes Potenzial, nicht nur aus ethischen Gründen. Bei unklaren Diagnosen etwa könnte man mit dem Einsatz von Scheinmedikamenten zuerst einmal abwarten, bevor man gleich schwere Geschütze auffährt. Besonders bei Krankheiten, die in erster Linie auf subjektiven Empfindungen beruhen, könnte man mit billigen und gefahrlosen Placebos beginnen - vielleicht führen bereits diese zu einer Verbesserung des Zustands.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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