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Ein Radsportler (Lance Armstron) hält einen Daumen hoch

"Exzellenz" homogenisiert das Denken

"Besonders gute" Wissenschaft wird seit geraumer Zeit mit dem Titel "Exzellenz" versehen. Dahinter steckt eine Ideologie, die speziell die Geistes- und Sozialwissenschaften verändert. Letztlich vereinheitlichen die verwendeten Qualitätskontrollen zunehmend ihre theoretische Arbeit.

Philosophie 01.01.2011

"Exzellenz" sorgt somit vor allem für Ordnung in der eigenen Zunft, meint der Philosoph Herbert Hrachovec in einem Gastbeitrag.

Existenz und Exzellenz

Von Herbert Hrachovec

In diesem Winter werden erstmals in den meisten Supermärkten Wiens regelmäßig kernlose Weintrauben um vier bis fünf Euro das Kilo angeboten. Und die Fußballweltmeisterschaft 2022 ist an Qatar vergeben worden. Das heißt etwas.

Die herkömmliche Versorgung mit Obst folgte dem Jahresrhythmus. Exotische Früchte hatten ihre eigenen Regeln. Weintrauben permanent bedeutet: die Globalisierung hat unsere Jahreszeiten durchkreuzt. Ähnlich beim Fußball. Das Wetter an einer Stelle des Globus macht keinen Unterschied mehr; wenn es darauf ankommt, baut jemand klimatisierte Stadien.

Der österreichische Wissenschaftsfonds FWF holt Gutachten für eingereichte Projekte ein. Die Anträge müssen auf Englisch verfasst sein, die Gutachterinnen verstehen kein Deutsch, geschweige denn französisch oder tschechisch. Sie sollen die Qualifikation der Antragstellerinnen prüfen. Originalton: "I don’t read German, so I cannot tell what she has been writing about." Ein Klima für die ganze Welt. Die Bedingungen in den Human- und Sozialwissenschaften ändern sich. Einige Notizen unterwegs.

Porträtfoto Herbert Hrachovec

privat

Herbert Hrachovec ist außerordentlicher Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien.

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Zweikampf der Postmoderne

Wann haben Sie zuletzt von der Postmoderne gehört? Sie scheint dem Ende nahe. Im Rückblick verblasst die Aufregung, welche ihre verspielten, rhizomatischen Strategien auslösten. Es wird deutlicher, dass es sich um einen Zweikampf handelte, zu dem beide Seiten nötig waren. "Die Vernunft" und "ihr Anderes", Schmucklosigkeit und Ornament. Man muss nur das Loos-Haus am Michaelerplatz ansehen, um den Zusammenhang zu bemerken.

Abwechselnd und zeitversetzt ist seit dem Zweiten Weltkrieg der Konflikt zwischen Theorie als Ordnungs- und Unruhefaktor durchgespielt worden. Existenz gegen Metaphysik, kritische Theorie gegen Marxismus, Dekonstruktion gegen Sprachanalyse.

Die einflussreichsten Teilnehmer (m/w) dieses Tauziehens verstanden etwas von hier und dort. Roland Barthes untersuchte Strukturzusammenhänge und Individualitäten, Michel Foucault hat seiner Diskursanalyse bekanntlich Schriften über "Selbstsorge" folgen lassen.

Exzellenz - das Beste bekommen

Dieser Spannungsbogen ist eingebrochen, ähnlich der Abfolge von Erwartung, Erfüllung und Entbehrung beim Genuss frischer Weintrauben. Die Stratifizierung der Wissenschaftspolitik durch die Fördermaßnahmen aus Brüssel und der exogame Enthusiasmus der ehemals national ausgerichteten Bildungsinstitutionen in Europa haben dazu beigetragen. Die enzyklopädische Fülle von Informationen am Internet ist ein bedeutender Faktor. Aber es ist auch eine Begriffsverschiebung eingetreten.

Existenz steht für das Drama der einzelnen Person; Divergenz steht dafür, dass sie sich in Verhältnissen befindet, die ihr Konformität und Opposition abverlangen. Der neue Begriff ist Exzellenz. Er ist entstanden, weil das bisherige Bezugssystem des gesellschaftlichen Konflikts nicht mehr überzeugt. Exzellent kann eine Kathedrale oder eine Pizzeria sein. Man schaut darauf, das Beste (für sein Geld) zu bekommen. Abgesehen davon, wozu es gut ist.

Zunftordnung zur allgemeinen Zufriedenheit

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Änderungen an den Universitäten im Jahr 2011 berichtete das Ö1 Mittagsjournal am 27.12.

Die Serie "Im Angesicht des Verbrechens" ist das Gegenteil von "exzellent gemacht". Sie ist voll von visuellen und narrativen Brüchen; Klischees und pointierte Einzelbeobachtungen wechseln einander ab. Kein Vergleich zu "Mad Men". Doch in dieser Divergenz ist Luft zum Atmen. Die Knöpfe auf YouTube und Facebook laden zur Abstimmung ein "Gefällt mir". Der wissenschaftliche peer review unterzieht die theoretische Arbeit einer unerbittlichen Homogenisierung. Exzellenz ist ein Lob dafür, dass man sich keine Blöße gibt und eine Zunftordnung zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllt.

Es hat keinen Zweck, der Postmoderne nachzutrauern. Bis zu einem gewissen Punkt müssen die Wissenschaftlerinnen nehmen, was kommt. David Gugerli hat in einem Buch den Stimmungsumschwung an TV-Krimiserien festgemacht. Das alte Muster war Columbo, der sokratische Besserwisser, der seine Gesprächspartner (m/w) durch Tricks und überraschende Schachzüge überführt. Die Ablösung erfolgt durch CSI. Dort hängt die Aufklärung nicht am Talent eines Detektivs, stattdessen "sprechen die Tatsachen" des Labors. Es geht darum, auf sie zu hören.

Auch Exzellenz ist ein Hörvorgang: Es spricht die Stimme der Berufsverbände. Nur so ist Qualitätskontrolle gewährleistet. Security breitet sich aus. Aber ich schweife ab.

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