Standort: science.ORF.at / Meldung: "Forscher bringen Pinguine in Gefahr"

Eine Gruppe Königspinguine

Forscher bringen Pinguine in Gefahr

Um Tiere über längere Zeiträume beobachten zu können, werden sie üblicherweise von Forschern markiert. Eine Langzeitstudie zeigt nun, dass dieser Eingriff freilebende Pinguine gefährdet. Markierungsbändern an den Flossen senken demnach Überlebenschancen und Fortpflanzungsraten.

Tierbeobachtung 13.01.2011

Laut den Forschern um Claire Saraux von der Universität Straßburg haben daher auch Daten, die auf diese Weise gewonnen werden, wenig Aussagekraft, da die markierten Tiere anders auf Umweltveränderungen reagieren.

Tiere wiedererkennen

Zur Studie in "Nature":

"Reliability of flipper-banded penguins as indicators of climate change" von Claire Saraux et al.

Tierbeobachtung in der freien Natur ist ein schwieriges Unterfangen. Um beispielsweise zwischen Wanderbewegungen und echten Veränderungen in einer Population unterscheiden zu können, muss man einzelne Individuen erfassen. Diese sind allerdings bei den meisten Tieren schwer zu identifizieren. Deswegen werden sie meist in irgendeiner Weise markiert.

Pinguinpopulation am Meeresstrand

C. Saraux

Königspinguine in der Antarktis

So wollen Forscher das Schicksal konkreter Individuen nachverfolgen und dabei untersuchen, wie sie auf Veränderungen in der Umwelt, wie etwa den Klimawandel reagieren. Dass der Eingriff selbst das Los der Tiere jedoch ebenfalls verändern könnte, ist ein bisher unterschätztes Problem.

Bänder behindern beim Schwimmen

Markierungsband bei Pinguinen

C.Saraux

Bei Pinguinen werden üblicherweise Markierungsbänder aus Metall oder Plastik an einer Flosse angebracht. Das hat den Vorteil, dass man einzelne Tiere so auch aus der Ferne identifizieren kann. Schon in den 1970er Jahren stellten Forscher fest, dass die Bänder die Flossen ernstlich verletzen können.

Außerdem kam bald der Verdacht auf, dass sie die Pinguine beim Schwimmen behindern. Die Markierungsbänder erhöhen nämlich den Widerstand im Wasser und damit den Energieverbrauch der Tiere. Die langfristigen Auswirkungen der Markierungen sind dennoch bisher unter Fachleuten umstritten. Viele waren der Meinung, die Tiere würden sich nach einiger Zeit daran gewöhnen.

Fortpflanzung und Überleben beeinträchtigt

Ob Tiere auch langfristig davon beeinträchtigt werden, hat das Team um Saraux nun an einer Kolonie von Königspinguinen (Aptenodytes patagonicus) untersucht, die auf einer Insel in der Antarktis brüten. Natürlich mussten auch sie die Population dafür markieren, aber in einer nach Angaben der Forscher weniger störenden Weise. Sie pflanzten den flugunfähigen Seevögeln kleine Sender unter die Haut. Dies käme dem nichtmarkierten Zustand am nächsten. 50 der insgesamt 100 Exemplare trugen außerdem die gebräuchlichen Markierungsbänder.

Mit Hilfe eines elektronischen Überwachungssystem studierten die Forscher beide Gruppen über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dabei stellten sie fest, dass die markierten Tiere 39 Prozent weniger Küken hatten als die nicht markierten. Zudem war ihre Überlebensrate um 16 Prozent geringer. In den ersten 4,5 Jahren war die Sterblichkeit der markierten Tiere sogar um 30 Prozent höher. Denn vor allem schwächere Tiere litten unter den Bändern. Sie waren auf diese Weise gleich in den ersten Jahren aus der Population "ausgesondert" worden.

Königspinguine beim Schwimmen unter Wasser:

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Pinguinmutter mit Jungem unter sich

C. Saraux

Weiter fanden die Forscher heraus, dass die markierten Pinguine deutlich später zum Brüten eintrafen als die anderen - im Schnitt 16 Tage. Auch die Futtersuche dauerte bei ihnen deutlich länger, vermutlich weil die Bänder beim Schwimmen störten. Zusammengenommen könne dies den verminderten Bruterfolg der markierten Pinguine erklären, schreiben die Forscher. Sie fanden die beobachteten Effekte auch noch nach mehreren Jahren. Es gibt also offensichtlich doch keine Gewöhnungseffekte.

Ethisch bedenkliche Erkenntnisse?

Schließlich untersuchten die Wissenschaftler noch die Reaktionen der zwei Pinguin-Gruppen auf Klimaveränderungen. Sie fanden, dass die markierten Tiere vor allem in wärmeren Jahren später zum Brüten eintrafen als die nicht markierten Tiere. Auch die Wassertemperatur beeinflusste der Untersuchung zufolge den Bruterfolg beider Gruppen unterschiedlich. Die Temperatur verändert die Verfügbarkeit an Nahrung und damit die Dauer der Futtersuche, erklären die Forscher.

Wie es aussieht, beeinflussen Wissenschaftler, die mit Hilfe der Markierungsbänder den Einfluss von Klimaveränderungen auf die Pinguine untersuchen, durch die Bänder selbst das Verhalten der Tiere.

Man sollte zumindest versuchen, diese Effekte auf ein Minimum zu reduzieren, wie Rory P. Wilson von der Swansea University in einem begleitendem "News&Views" schreibt. In Zukunft müsse man sich überlegen, ob der wissenschaftliche Nutzen den zugefügten Schaden tatsächlich rechtfertigt.

science.ORF.at/APA/dpa

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