Standort: science.ORF.at / Meldung: "Beliebte Kinder quälen gern andere"

Ein Kind hält schützend die Arme vor sein Gesicht.

Beliebte Kinder quälen gern andere

Bullying, also das gezielte Fertigmachen von anderen durch körperliche oder psychische Gewalt, ist keine Eigenheit von ausgegrenzten Kindern. Wie US-Forscher nun zeigen konnten, sind es gerade die beliebteren Schüler, die ihre Umgebung drangsalieren.

Soziologie 08.02.2011

Nur jene am obersten und untersten Ende der Beliebtheitsskala bilden eine Ausnahme und verhalten sich auffallend wenig aggressiv. "Einen bestimmten sozialen Status zu bekommen und zu erhalten, braucht offenbar ein gewisses Maß an feindseligem Verhalten", erklärt Robert Faris von der University of California-Davis. Ist man allerdings schon sehr beliebt, könnte Aggressivität wiederum eher schaden und das Ansehen schmälern.

Die entsprechende Studie ist in der "American Sociological Review" erschienen.

Tyrannisieren von anderen

Spricht man landläufig von Gewalt in der Schule, verwendet die Forschung meist ein anderes Wort: Bullying (von englisch "bully": brutaler Mensch, Tyrann). Für die WHO ist ein Schüler Gewalt ausgesetzt, wenn er "wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler ausgesetzt ist, ohne selbst provokativ gewesen zu sein. Der Täter ist dem Opfer dabei in irgendeiner Weise überlegen, so dass es sich nicht um einen 'Kampf' zwischen Gleichstarken handelt".

Erfasst sind damit nicht ausschließlich körperliche Gewaltakte, sondern auch verbaler Druck (z. B. Beschimpfungen, Beleidigungen etc.), mittelbares "Bullying" durch Mangel an Akzeptanz, Demonstration von Gleichgültigkeit, üble Nachrede, absichtliche Ausgrenzung, Einschüchterung, Erpressung und Vandalismus als Zerstörung von Privateigentum der Opfer.

Ö1 Sendungshinweis:

Ö1 Radiokolleg über "Soziale Kompetenz", 7. bis 10. Februar 2011, 9.05 Uhr

Dass Bullying schon lange kein Randphänomen mehr ist, zeigte die letzte WHO-Studie zum Thema, die im Sommer 2008 publiziert wurde: Laut dieser Erhebung wurden elf Prozent der elfjährigen Mädchen und 20 Prozent der elfjährigen Burschen an österreichischen Schulen "in den vergangenen Monaten mindestens zwei Mal" Opfer von Bullying, bei den 13-Jährigen sind es 16 (Mädchen) bzw. 20 Prozent (Burschen) und bei den 15-Jährigen neun (Mädchen) bzw. 18 Prozent (Burschen).

Kein Randgruppen-Verhalten

Über die Gründe für dieses aggressive Verhalten wurde viel spekuliert, vom Wunsch nach Kontrolle der sozialen Beziehungen war ebenso die Rede wie von Rangkämpfen. Die Soziologen Robert Faris und Diane Felmlee haben Daten zum sozialen Verhalten von 3.722 Kindern im Alter zwischen 13 und 16 Jahren neu ausgewertet, die im Rahmen einer Studie in den Jahren 2004 und 2005 an 19 öffentlichen Schulen in North Carolina erhoben wurden.

Beliebtheit wurde in dieser Studie durch die Eingebundenheit eines Jugendlichen in soziale Aktivitäten der Klasse festgestellt, Aggression durch die Anzahl der körperlichen und psychischen Übergriffe gegen andere in den vergangenen drei Monaten.

Dabei zeigte sich: Aggressivität ist kein typisches Verhalten von Randgruppen, sondern gehört offenbar zum "sozialen Erfolg". Eine - paradoxe - Ausnahme bilden nur die beliebtesten zwei Prozent der Schüler und die extremen Außenseiter. Sie beteiligen sich nicht am "Bullying" anderer. Schüler, die eine Beliebtheit von 98 Prozent aufweisen, waren um 28 Prozent aggressiver als ihre unbeliebtesten Kolleginnen und Kollegen und sogar um 40 Prozent aggressiver als die beliebtesten zwei Prozent.

Passive Jugendliche stärken

Dass sich ausgerechnet die beliebtesten Schüler vom Bullying fern halten, erklärt Faris damit, dass ihnen aggressives Verhalten mehr schaden als nützen würde: "Sie könnten unsicher und schwach wirken. Offenbar ziehen sehr beliebte Jugendliche mehr Vorteile daraus, freundlich und sozial verträglich aufzutreten." Nicht ausschließen will der Soziologe auch, dass gerade jene Kinder, die von vorne herein nicht aggressiv auftreten, zu den beliebtesten werden.

Um Bullying zu bekämpfen, sind aber laut Faris sowohl die Täter als auch die Opfer die falsche Zielgruppe. Man müsse jene Jugendlichen mit Präventionsmaßnahmen ansprechen, die gar nicht betroffen sind: "Sie sollte man ermutigen, ihre passive Haltung aufzugeben und damit verletzendes Verhalten zu billigen", meint der Soziologe.

Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr zum Thema: